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Die Schweiz verschwendet Covid-Impfstoff
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Behördliche Richtlinien Die Schweiz verschwendet Covid-Impfstoff

Wegen BAG-Richtlinien wird häufig nicht der komplette Inhalt der Ampullen verimpft. Nicht alle Kantone machen da mit.

Unsere Nachbarländer haben den Impfturbo gezündet. Bei uns läuft der Impfbetrieb hingegen noch eher schleppend. Kommt hinzu: Es könnten potentiell mehr Menschen geimpft werden, wenn der Impfstoff richtig aufgezogen würde. Impfstoff bleibt in Spritzen und Fläschchen zurück – und landet im Abfall.

Mehr Dosen aus einer Flasche

Die Rechnung ist einfach: In einem Fläschchen des Pfizer/Biontech-Impfstoffes Comirnaty sind 0,45 ml Grundsubstanz, die mit 1,8 ml Natriumchlorid (NaCl) verdünnt werden müssen. Jedes Fläschchen enthält am Schluss 2,25 ml Impfstoff.

Berechnungsgrundlage

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  • In der Realität werden 6 resp. 10 Dosen pro Injektionsfläschchen verimpft. Die Zahl der verimpften Dosen (Stand 7. April) wurden am 9. April auf dem Dashboard des BAG abgerufen.
  • Gemäss Aussagen der Experten aus anderen Kantonen nehmen wir an, dass in 1/3 der Fälle 11 Dosen entnommen werden können, in 1/3 der Fälle sogar 12 Dosen, in 1/3 sind es 7 Dosen.
  • Die Impfstoffe von Pfizer/Biontec und Moderna werden gleich häufig gespritzt. (Im Kt. SG, wo diese Zahlen veröffentlicht werden, ist das so).
  • Dies ergibt 7,75 Prozent Impfdosen, die im Durchschnitt zusätzlich zu den bisher im Kanton verimpften Dosen hätten gewonnen werden können.
  • Als «Impftempo» gilt die durchschnittliche Anzahl Impfungen pro Kalendertag in den letzten 2 Monaten (7.2. bis 7.4).

Eine Impfdosis von Pfizer/Biontech beinhaltet 0,3 ml. In einem Fläschchen wären also maximal 7,5 Dosen. Ähnlich sieht es beim Impfstoff von Moderna aus: Die Fläschchen sind mit offiziellen 10 Dosen des fertig gemischten Impfstoffes befüllt. Da der Hersteller aber etwas mehr zugibt, können bis zu 12 Dosen aufgezogen werden. Auch hier gilt: jede Patientin, jeder Patient erhält die vorgeschriebene Dosis Impfstoff.

Definition Totvolumenverlust

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Jacques Lindgren, Arzt für Innere Medizin und Tropenmedizin erklärt: «Eine Impfspritze kann man in der Regel bis zu einem Milliliter Flüssigkeit aufziehen. Sie ist gradiert und bis 0,01 ml präzise. Der Stempel, meist das schwarze Teil, ist am Ende des Spritzenkolben. Wenn man jetzt die Spritze komplett ausdrückt, dann bleibt im Spritzenkonus, dem Ende wo die Nadel aufgesetzt wird, ein Restvolumen. Das ist das Totraumvolumen. In der Regel sind das 0,05 ml. Das kann man nicht verimpfen. Will man dieses Totraumvolumen vermeiden, muss die Luft oben beim Stempel sein. Das heisst: man muss nicht 0,3 ml aufziehen, sondern nur 0,25 inklusive die 0,05 ml Totraumvolumen. Man verimpft am Ende also 0,3 ml Impfstoff. Verlustfrei.»

Beim Impfstoff von Moderna gilt das analog für eine Impfdosis von 0,5 ml.

Mehr dazu im Merkblatt, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Der Kanton Bern hat früh gemerkt, dass mit der richtigen Technik und dem richtigen Spritzenmaterial mehr Dosen aus den einzelnen Fläschchen herausgeholt werden können – in der Regel. Schon im Februar hat die Gesundheitsdirektion zusammen mit dem Sonderstab Corona ein Merkblatt erarbeitet, das das Aufziehen und Verimpfen ohne sogenannten Totvolumenverlust (siehe Box) erklärt. «Das braucht etwas Übung und ein genaues Umsetzen der Instruktionen. Aber auch dann gelingt es nicht immer», sagt Jacques Lindgren. Der Arzt für Innere Medizin und für Tropenmedizin hat das Merkblatt für die Gesundheitsdirektion und den Corona-Sonderstab des Kantons Bern verfasst.

Schweizerkarte mit Kantonen und ihrer Vorgehensweise beim Impfstoff-Verbrauch
Legende: Mit der optimalen Nutzung des Impfstoffes könnten einige Kantone viel Zeit gewinnen. SRF

Das Beispiel macht nicht nur Schule

Inzwischen folgen andere Kantone dem Berner Beispiel. Und das Impfpersonal vor Ort versucht das Optimum aus den Fläschchen zu holen. «Jede Dosis hat die vorgeschriebene Menge Impfstoff. Da machen wir keine Abstriche», sagt Lindgren.

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Jacques Lindgren, Arzt: «Der Unterschied zu anderen Kantonen ist, dass wir keinen Impfstoff wegwerfen.»
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Es gibt aber auch Kantone, die nach wie vor gemäss den offiziellen BAG- und den Herstellerangaben impfen. Dort bleiben zusätzliche Dosen ungenutzt. Nimmt man das Impftempo der letzten Wochen zum Massstab, wäre ein bis zu zehn Kalendertage schnelleres Impfen möglich. Für alle, die auf eine Impfung warten, eine kleine Ewigkeit.

Weiteres Problem: Zu grosse Spritzen

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Der Kanton Schaffhausen beklagt sich im «Kassensturz» stellvertretend, die mitgelieferten Spritzen des Bundes seien zu gross, um kleine Dosen genau aufziehen zu können. Es bedürfte einer Anpassung der Impfutensilien.

Das BAG sagt dazu: «Die Impfutensilien mussten frühzeitig beschafft werden, ohne zu wissen, wie die Hersteller ihre Impfstoffe abfüllen werden. Aus diesem Grund setzte der Bund beim ‹Impfset 1› auf Standardmaterialien. Das neue Impfset wurde auf Basis der Erfahrungen der Kantone angepasst.»

Ärzte wünschen sich vom BAG mehr Innovation

Für Philippe Luchsinger, Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz, ist klar: Das Bundesamt für Gesundheit müsste hier mehr Leadership beweisen. «Wir wünschen uns, dass man weniger an den Formalismen hängen bleibt, innovativ ist und möglichst das Optimale herausholt.» Wenn jeder Kanton immer alles selbst interpretieren müsse, werde das Rad jedes Mal 26 Mal neu erfunden.

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Philippe Luchsinger, Präsident Haus- und Kinderärzte Schweiz: «Wir wünschen uns, dass man innovativer ist und versucht, das Optimum herauszuholen.»
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Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle BAG, nimmt am Rande der wöchentlichen Pressekonferenz gegenüber «Kassensturz» zu den Forderungen der Ärzteschaft und der Kantone Stellung: «Wir empfehlen, die Gebrauchsanweisung der Hersteller zu befolgen. Dabei ist vorgesehen, dass die Ampullen Sicherheitsreserven enthalten, und es ist nicht gedacht, dass mehr als sechs Dosen aus ihnen gequetscht werden. Das wäre nicht im Sinne der Sicherheit und Wirksamkeit.» Weiter erklärt Masserey, das BAG habe eine gewisse Anzahl Dosen bestellt, nicht eine gewisse Anzahl Ampullen. Diese Dosen sollen verimpft werden.

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Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle BAG, nimmt Stellung
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Kassensturz, 13.04.2021, 21:05 Uhr

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