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Ein Besuch bei Alcosuisse in Schachen
Aus Regionaljournal Zentralschweiz vom 16.12.2020.
abspielen. Laufzeit 04:50 Minuten.
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Besuch bei Ethanol-Lieferant Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Im Frühling kam es zu Ethanol-Lieferengpässen. Schuld war der Bund, ausbaden mussten es die Mitarbeiter von Alcosuisse.

Aktuell rollen jede Woche 15 Bahnwaggons voller Rohethanol aufs Gelände der Alcosuisse in Schachen. Das sind 1000 Tonnen Reinalkohol. Eine Menge, die ausreichen würde, um die gesamte Schweizer Bevölkerung mit einer Alkoholvergiftung ins Koma zu schicken. Doch: Zu Schnaps wird tatsächlich nur ein ganz kleiner Teil der Flüssigkeit verarbeitet. «Ethanol braucht es für Brennsprit, Parfüms, verschiedene Lebensmittel und natürlich in der Pharmaindustrie», sagt Simon Häfliger, Betriebsleiter von Alcosuisse in Schachen im Kanton Luzern.

Wegen Corona systemrelevant

Alcosuisse ist der grösste Ethanol-Lieferant der Schweiz. An seinen Standorten in Delémont JU und Schachen LU verfeinert er Rohethanol, das aus anderen europäischen Ländern und aus Übersee in die Schweiz importiert wird. Die aktuelle Ladung kam von Brasilien über Rotterdam nach Schachen. Ethanol aus Schweizer Produktion gebe es aktuell nicht, heisst es bei Alcosuisse, man sei aber dran, gewisse Optionen zu prüfen.

SSB-Waggons
Legende: An- und Auslieferung erfolgt bei Alcosuisse in erster Linie über die Schiene. SRF / Evelyne Fischer

Mit dem in Schachen und Délemont verfeinerten Ethanol werden dann verschiedenste Industrien versorgt. Der Ethanol-Lieferant tut dies seit über 100 Jahren, ohne dass die Öffentlichkeit gross was davon mitbekommen hätte. Mit dem Beginn der Coronakrise änderte sich dies. Die gesteigerte Nachfrage nach Desinfektionsmittel bedeutete nämlich auch eine gesteigerte Nachfrage nach Ethanol. Alcosuisse zählte plötzlich zu den systemrelevanten Betrieben und nahm bei der Bewältigung der Krise eine zentrale Funktion ein.

Fehlende Pflichtlager

Ohne Störgeräusche wuchs der Betrieb nicht in diese neue Aufgabe hinein – während der ersten Welle im Frühling kam es zu Lieferengpässen. Grund dafür: Der Bund entschied sich im Jahr 2018, sein Ethanol-Pflichtlager von 10’000 Tonnen aufzuheben. Er tat dies im Zuge der Privatisierung der Ethanol-Produktion, die 2018 erfolgte. Davor war Alcosuisse noch ein Bundesbetrieb.

Sim Häfliger
Legende: Simon Häfliger, Betriebsleiter bei Alcosuisse in Schachen: «Unser Umsatz bewegt sich nach wie vor auf extrem hohem Niveau.» SRF / Evelyne Fischer

«Die Pflichtlager wurden entgegen unserer Empfehlungen aufgehoben», verteidigt Simon Häfliger seine Firma. Überbrücken mussten die Engpässe trotzdem vor allem er und seine acht Mitarbeitenden. Häfliger erinnert sich: «Die Tanks waren so leer, dass man den Boden durchschimmern sehen konnte.»

Die Angestellten von Alcosuisse schoben Woche für Woche Überstunden – nur so liess sich die gesteigerte Nachfrage ohne Pflichtlager bewältigen. «Wir spürten, dass wir nun in der Verpflichtung sind. Meine Mitarbeitenden leisteten Enormes, darauf bin ich stolz», sagt der Betriebsleiter.

Neues Pflichtlager

Mittlerweile hat sich die Ethanol-Nachfrage auf einem hohen Niveau eingependelt. Die 1000 Tonnen Rohethanol, die jede Woche mit 15 Bahnwaggons aufs Gelände der Alcosuisse rollen, werden innert kürzester Zeit verarbeitet und weiterverkauft.

TAnks von Alcosuisse
Legende: Das Ethanol lagert bei Alcosuisse unter anderem in 14 solchen Edelstahltanks, die ein Fassungsvermögen von bis zu einer Million Liter haben. Weitere Tanks befinden sich unter der Erde. SRF / Evelyne Fischer

Aufgrund dieses hohen Verbrauchs und der schlechten Erfahrungen vom Frühling liess der Bund wieder ein provisorisches Pflichtlager an Ethanol anlegen. Als Übergangslösung baut Alcosuisse aktuell eine Reinalkohol-Reserve von rund 6000 Tonnen auf. «Das ist nicht ganz einfach», sagt Häfliger, «wir sind nicht die einzigen, die mehr Ethanol als sonst brauchen». Dass dieses Pflichtlager auch über die Krise hinaus beibehalten wird, dafür setzen sich verschiedene nationale Parlamentarier ein. Der Boden der Tanks soll nie mehr durchschimmern.

Pflichtlager soll wieder Pflicht werden

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Der Ständerat hat sich am Dienstag dafür ausgesprochen, dass die Schweiz ihr Ethanol-Pflichtlager zurückerhält. Weiter soll geprüft werden, für welche weiteren Produkte es solche Pflichtlager braucht. Dazu wurden zwei Motionen an den Bundesrat überwiesen, mit denen auch die Landesregierung einverstanden ist.

In den Augen der Sicherheitspolitischen Kommission funktioniert die Pflichtlagerhaltung an sich gut in der Schweiz. Aber bei den Vorräten von medizinischen Gütern - Atemschutzmasken, Schutzbekleidung, Schutzausrüstungen und Desinfektionsmittel - habe sich in der Pandemie Handlungsbedarf gezeigt.

Die Reserve von 6000 Tonnen Ethanol, die der Bund aktuell in Zusammenarbeit mit Alcosuisse aufbaut, soll ab 2022 der Pflichtlagerpflicht unterstehen.

Regionaljournal Zentralschweiz, 16.12.2020, 12:03 Uhr;

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Roland Brechbühl  (RoBre)
    Seht und hört genau hin, wer privatisieren will und wer in den letzten 20-30 Jahren für die Privatisierung von ehem. Bundes- und Staatsaufgaben war (u.a. ServicePublic Diskussion). Wir können dann bei den nächsten Wahlen Gegensteuer geben und den Globalisierern und Liberalisierern den Wind aus den Segeln nehmen. Es ist jetzt unfair den Bundesangestellten alles in die Schuhe zu schieben. Diese setzten um, was von den Räten beschlossen wird.
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    1. Antwort von Norbert Zeiner  (ZeN)
      Wenn es so wäre... Die Bundesämter, gedeckt von ihren Chefbeamten, vielmehr tun und lassen was ihnen passt, da können Räte noch viel beschliessen. Sie haben ja beste Vorbilder in Räten und BR, nicht mal Initiativen setzen diese um, finden immer wieder "Dreh"s, wie man was an Räten und Volk "vorbeimogeln" kann (siehe EU-Themen). Nicht Privatisierung ist schuld, sondern politisch gedeckt aktives Nichts-Tun in Bundesämtern, dafür den Progressiven gefallene Politik am Volk vorbei.
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  • Kommentar von Kevin Camenzind  (Alex.A)
    Den Bund kann man einfach nicht mehr ernst nehmen bei den entscheidungen die sie in ihrer Traumwelt entscheiden. Ich weiss nicht was der BR macht aber Arbeiten sieht anderst aus. Wie müssten reserven haben bei Betten und Personal und nichts ist passiert.
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  • Kommentar von Lukas Gubser  (Mastplast)
    Pflichtlager kosten verhältnismässig wenig und bezahlen tun es sowieso die Bezüger der Ware mit einem Zuschlag.
    Der ist auf Zucker, Kakaobohnen Diesel und so weiter ja auch normal.
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