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Mehr Biolandbau würde die Artenvielfalt stärken
Aus Rendez-vous vom 02.07.2019.
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Biologische Landwirtschaft Die Kehrseite des Verzichts auf Pestizide

Zu viele Pestizide in der Landwirtschaft schaden der Umwelt. Trotzdem will der Bauernverband Biolandbau nicht forcieren.

Jedes Jahr versprühen die Schweizer Bauern 2000 Tonnen Pflanzenschutzmittel, sogenannte Pestizide. Die Strategie des Bundes allerdings ist, dass die Bauern so weit wie möglich auf Pestizide verzichten. Für Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (Fibl), ist klar: «Mit der Biostrategie kann man das Pestizidproblem zu einem grossen Teil lösen. Und man löst auch andere Probleme.»

Mehr Insekten auf Biofeldern

Zum Beispiel bremst man den Verlust der Artenvielfalt, denn auf Biofeldern leben deutlich mehr Insekten. Der Vorteil der biologischen Landwirtschaft ist also, dass sie keine synthetischen Pestizide einsetzt. Doch verwenden auch die Biobauern Pflanzenschutzmittel, und zwar natürliche, keine chemischen.

Trinkwasserinitiative und Pestizidinitiative

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In der Sommersession 2019 behandelte der Nationalrat zwei Initiativen, die das Ausbringen von Pestiziden verbieten oder einschränken wollen. Die Trinkwasserinitiative verlangt, dass nur noch solche Bauernbetriebe Direktzahlungen erhalten, die keine Pestizide einsetzen. Die Pestizidinitiative will den Einsatz von synthetischen Pestiziden in der Landwirtschaft verbieten und Importe, die die synthetische Pestizide enthalten oder damit besprüht wurden, verbieten. Der Bauernverband, der Bundesrat und der Nationalrat lehnen beide Initiativen ab. Der Ständerat hat sich noch nicht dazu geäussert.

Als studierter Agraringenieur ist Niggli ein differenzierter Wissenschaftler. Er unterschlägt den zweiten Teil seiner Aussage nicht. Zwar löse die Biolandwirtschaft das Pestizidproblem, aber: «Man handelt sich auch ein paar Nachteile ein.»

  • Nachteil Nummer 1: Die biologische Landwirtschaft ist weniger effizient als die konventionelle. Ein Biobauer produziert auf der gleichen Fläche weniger als sein konventioneller Kollege. Wenn also alle Schweizer Bäuerinnen und Bauern auf Bio umstellen würden, ginge die landwirtschaftliche Produktion gemäss Niggli um 20 Prozent zurück. Dieser Rückgang müsste wohl mit mehr Importen gedeckt werden.
  • Nachteil Nummer 2: Der Verzicht auf chemische Mittel führt dazu, dass die Bioäpfel und Biosalate nicht gleich perfekt aussehen wie chemisch gespritzte. Die Konsumenten müssten also auch bereit sein, solche Produkte zu kaufen, wie Niggli sagt. «Da muss der Konsument umdenken.»

Mehr biologischer Anbau wäre möglich

Für den Direktoren des Fibl ist klar, dass der Biolandbau die Zukunft ist. Noch ist es aber so, dass nur rund einer von zehn Bauernbetrieben ein Biobetrieb ist. Niggli sieht hier ein grosses Potenzial. Es wären 30 oder sogar 50 Prozent Biobetriebe möglich.

Wir möchten die Schweizer Landwirtschaft nicht zwanghaft auf Biolandbau umstellen, solange der Markt nicht da ist.
Autor: Sandra HelfensteinSprecherin des Schweizerischen Bauernverbandes

Auch der Schweizer Bauernverband steht hinter dieser Stossrichtung, dass mehr Bio-Anbau gut wäre. Denn mehr Bio bedeutet wie erwähnt weniger Pestizide. Aber Sandra Helfenstein, die Sprecherin des Bauernverbands, sieht Grenzen. Momentan liegt der Marktanteil der Bioprodukte bei rund 10 Prozent: «Obwohl die Bevölkerung offenbar Pflanzenschutzmittel nicht schätzt, ist sie nicht bereit, das beim Einkaufen entsprechend umzusetzen.»

Am Ende entscheiden die Konsumenten

Helfenstein sieht einen Widerspruch bei vielen Konsumentinnen und Konsumenten. «Wir möchten die Schweizer Landwirtschaft nicht zwanghaft auf Biolandbau umstellen, solange der Markt nicht da ist.»

Dann würden einfach die Preise zurückgehen und die Bauern würden weniger verdienen. Das gelte es zu verhindern. Dank Pestiziden sei für die Bauern das Risiko von Ernteausfällen kleiner. Aber in den vergangenen Jahren sei die Menge der Pestizide kontinuierlich zurückgegangen, so Helfenstein.

In diesem Punkt sind sich das Fibl und der Bauernverband einig. Eine Umstellung auf Biolandwirtschaft sei von heute auf morgen nicht möglich. Nur wenn die Bioprodukte im Laden auch gekauft werden, lohnt sich der Ausbau der Bioproduktion. Am Ende sind es die Konsumenten, die über die zukünftige Ausrichtung der Landwirtschaft bestimmen.

Video
Aus dem Archiv: Pestizide belasten Schweizer Gewässer
Aus 10vor10 vom 21.06.2019.
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97 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
    zB gibt es Brennnesseln.. ein hervorragender Duenger und Pflanzenschutz... ja liebe Leute.. woher bekomme ich die Menge Brennesseln um 14ha zu behandeln..ich bekomme ja nicht mal Brennesselsamen..
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    1. Antwort von Peter Müller  (PeRoMu)
      Wenn Sie auf 14 ha das selbe Problem haben, gehe ich mal schwer davon aus, dass Sie eine Monokultur betreiben. Ich empfehle Ihnen, das ABC des Bio-Landbaus zu studieren; dort werden Sie sehr schnell erfahren, dass Monokulturen eine wesentliche Ursache für Schädlingsbefall sind.
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    2. Antwort von Johann Meier  (H.J. Meier)
      Der Clue von Mischkultur ist, dass Ihre Pflanzen viel weniger anfällig sind gegen Schädlinge, denn die werden durch das vermehrte Vorhandensein von Nützlingen eingedämmt. Sobald wir wieder näher an natürlichen Systemen arbeiten, und grossflächige Monokulturen ob Bio oder nicht gehören einfach nicht dazu, steigt die Resilienz des Systems. Die Natur ist von sich aus stabil, ohne grossflächigen Krankheiten. Sie brauchen keine Unmengen an Brennnesseln.
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  • Kommentar von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
    Da ist genug Bio erhaeltlich in den Laeden...warum nur wollen denn die die es haben die Anderen zwingen auch Bio???? Mal klar.. wenn das Gruen in die Laeden kommt ist kein Pestizid mehr vorhanden.. weil die Halbwertzeit rel kurz ist..
    Also OHNE.. meine Ernte ist um 40% eingebrochen.. da haben alternative Mittel nicht geholfen.. meine Existenz ist gefaerdet.. So wird es vielen Bauern gehen.. und dann wird Food knapp.. oder importiert wo hemmungslos gespritzt wird..
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    1. Antwort von Peter Müller  (PeRoMu)
      @ F. Nanni: Sie scheinen andere Wissensquellen anzuzapfen als ich, wenn Sie behaupten, Pestizide hätten eine relativ kurze Halbwertszeit, so dass «das Grün» im Laden frei von Pestiziden sei. Und betreffend ihre 40 % Ertragseinbusse empfehle ich Ihnen, sich an Bio-Profis zu wenden. Die werden Ihnen ganz bestimmt auf die Sprünge helfen können.
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  • Kommentar von Ben Dover  (2preCent)
    Was hier nicht genannt wird, ist das jedes Lebensmittel über Jahrhunderte durch Menschen auf Resistenzen und Ertragsvolumen nach „trial&error“ gezüchtet wurde und nichts mit den Pflanzen/Tieren zu tun hat, die die Natur/Evolution selbst erschafft. Dabei haben sich jedoch auch Anfälligkeiten eingeschlichen, denen nun mit Giften entgegengewirkt werden muss. Bio kann die Giftmenge auf Kosten unsicherer kleinerer Ernten zu höheren Preisen reduzieren, Gentech könnte das Problem lösen!
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    1. Antwort von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
      Gentech verschärft das Problem exponetiell. Jetzt haben noch weniger Insekten einen Lebensraum und damit auch die Folgenden in der Nahrungskette der der Natur. Zudem kann niemand sagen, was die Folgen nach 100Jahre Gentech sein werden. Die Schlinge dreht sich noch weiter um unseren eigenen Hals. Sie selber schreiben ja, dass durch die natürliche Auslese die der Mensch forcierte die heutigen Probleme entstanden sind. Wir können die Natur nicht beherrschen, zu komplex sind die Zusammenhänge.
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    2. Antwort von Johann Meier  (H.J. Meier)
      Gentech ist keine Option. Niemand weiss, wie sich Manipulationen langfristig auswirken, also könnten wir mit Gentech in die Lage kommen, dass sich nach Jahren herausstellt, dass Sorte x karzinogen ist, wir nun aber nur noch diese Sorte haben, schliesslich hat sie sich seit Jahren gut bewährt gegen Schädlinge... Und dann sind wir komplett abhängig von den Techfirmen à la Monsanto und co. Nein danke.
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