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Verkraftet die Schweiz täglich 30'000 Corona-Ansteckungen?
Aus Echo der Zeit vom 10.04.2021.
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Corona-Lockerungen Forderung des Arbeitgeber-Präsidenten Vogt zieht Kreise

Was Valentin Vogt, Präsident des Arbeitgeberverbandes, nach seiner Aussage am Freitag auf Twitter erlebte, muss man mit dem Wort bezeichnen, das wir nur auf Englisch verwenden: ein Shitstorm. Sogar ein eigener Hashtag, ein Twitter-Schlagwort, machte die Runde, #VogtMussWeg.

Vogt sagte in der «Tagesschau»: «Wenn die Risikopatienten geimpft sind, werden etwa drei Viertel der Hospitalisationen wegfallen. Das heisst, wir könnten dann mit Fallzahlen von 20’000 bis 30'000 pro Tag leben, ohne dass die Spitäler an den Anschlag kämen.»

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Valentin Vogt: «Wir könnten mit 20'000 bis 30'000 Fallzahlen pro Tag leben»
Aus Tagesschau vom 09.04.2021.
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Die Kritik vor allem an der hohen Zahl folgte auf dem Fuss, insbesondere in den sozialen Medien, aber auch von Wissenschaftlern. Spitäler könnten diese hohe Zahl von Neuansteckungen keineswegs stemmen, war der Tenor. Denn heute schon seien viele der Covid-19-Patientinnen und -Patienten jünger als 60 Jahre.

Politische Resonanz auf die Aussage

Aus der Politik gibt es ebenfalls Kritik, aber auch Verständnis und Zustimmung für den Arbeitgeberpräsidenten.

Ein Politiker, der aus der Wissenschaft kommt, der Grünliberale Martin Bäumle, der zur Ausbreitung des Coronavirus eigene Berechnungen angestellt hat, twitterte, er sei schockiert über diese Aussagen. Valentin Vogts Forderung sei auch aus einer rein wirtschaftlicher Optik völlig verfehlt:

«Solche unqualifizierte Aussagen können dazu führen, dass wir länger Probleme haben und der Wirtschaft noch mehr Schaden zufügen. Darum ist es umso unverantwortlicher, wenn das ein Arbeitgeberpräsident sagt, weil das letztlich auch gegen die Wirtschaft und gegen die Gesellschaft läuft.»

Ähnlich deutlich äussert sich die SP-Wirtschaftspolitikerin und Unternehmerin Jacqueline Badran. Sie erinnert an die möglichen Langzeitfolgen bei einer Covid-19-Erkrankung. Davon seien auch viele jüngere Menschen betroffen – was der Arbeitgeberpräsident doch eigentlich wissen müsste. «Er nimmt einfach in Kauf, dass es quasi Ausschussware gibt bei der Bevölkerung, bei den Arbeitnehmenden. Inakzeptabel.»

Auch von diesem sogenannten Long-Covid-Problem spricht Vogt im Interview: «Long Covid ist ein Phänomen, dass einige Leute trifft. Jeder einzelne ist ein bedauerliches Schicksal. Aber man muss hier eine etwas grössere Perspektive haben und schauen, was heisst das für den Rest der Bevölkerung. Long Covid ist heute kein Massenphänomen.»

Anstoss zur Grundsatzdiskussion

Uneingeschränkte Zustimmung für Vogt kommt vom Fraktionschef der SVP. Thomas Aeschi erinnert daran, dass sich seine Partei schon seit langem für mehr Öffnungen einsetze: «Die SVP fordert schon seit Monaten die Öffnung von Restaurants und Fitnesscentern. Wir sind überzeugt, wenn die Schutzmassnahmen eingehalten werden, dann kommt es nicht zu so vielen Ansteckungen wie prognostiziert wird.»

Viel zurückhaltender äussert sich Unternehmer und Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser. Er sieht Vogts Aussage vor allem als Anstoss für eine Grundsatzdiskussion: «Ich gehe davon aus, dass Herr Vogt in erster Linie die Diskussion lancieren wollte, wie viele Risiken man in der Gesellschaft tragen kann, tragen muss, um ein normales Leben zu führen. Die Zahl ist wohl eher etwas willkürlich.»

Am kommenden Mittwoch wird der Bundesrat über neue Corona-Massnahmen beraten. Dazu gehören Fragen wie «Veranstaltungen wieder zulassen in begrenztem Rahmen» oder «offene Restaurant Terrassen». Das politische Powerplay geht schon am Montag weiter: wenn der Gewerbeverband an einer Medienkonferenz «Stopp Lockdown» fordern wird.

Echo der Zeit, 10.04.2021, 18:00 Uhr;

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132 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Morgenroth  (ThM)
    Herr Vogt hat einen notwendigen Denkanstoss geliefert. Allerdings ist „Freiheit“ nur die eine Seite, gesellschaftliche Solidarität die andere: Alle, die es WOLLEN (und NUR diese!) müssen wir konsequent in ihrem „persönlichen Lockdown“ zuhause (zit. NZZ 23.12.20) schützen und unterstützen - praktisch, medizinisch, psychologisch, finanziell; den Arbeitsplatz sichern, usw. ... dann können wir den „Rest der Welt“ komplett aufmachen. Ein „Schweizer Sonderweg“, der den Namen verdienen würde!
    1. Antwort von Niklaus Schöpfer  (Nik Schöpfer)
      Ein interessanter Ansatz. Bedingung für die komplette Öffnung wäre natürlich auch, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird von denjenigen, die sich gar nicht schützen möchten. In diesem Sinne wäre das sicherlich umsetzbar, wenn der vulnerabelste Teil der Bevölkerung die Gelegenheit zur Impfung hatte. Oh - das entspricht ja eigentlich dem Vorschlag von Herrn Vogt. Ich hoffe, ich ernte dafür nicht einen ähnlichen Shitstorm...
  • Kommentar von Walter Kern  (WalterKern)
    Als Vergleich würde das bedeuten, dass gemäss Herrn Vogt die Bundesrepublik Deutschland mit 200'000 bis 300'000 Neuinfizierten pro Tag leben könnte, da ja Deutschland rund 10 mal mehr Einwohner hat. Da würde aber gewaltig was losgehen. Bitte, bitte Herr Vogt, entweder neues Statement abgeben oder zurücktreten. So geht's nicht.
    1. Antwort von Monika Müller  (MoMü)
      D und CH sind mitlerweile im infektionsgeschehen nict mehr zu vergleichen (sehen sie dazu die grafiken und studieren sie die berichte) - da wir 2 viel grössere wellen hatten (mit viel mehr opfern) - und offensichtlich die durchseuchung viel weiter fortgeschritten ist. sonst hätten wir bei den jetzt steigenden positivraten auch ebenso viel mehr schwer erkrankte wie in D - wenigstens hat das BAG die positivrate nun aus der beurteilung genommen - ein mutiger schritt in die richtige richtung.
  • Kommentar von Gerhard Bissels  (G. Bissels)
    Mal ganz davon abgesehen, dass Herrn Vogts Forderung, weit mehr Leid, Krankheit und Tod zu akzeptieren, nicht mit dem Grundrecht auf Leben und Gesundheit vereinbar ist, funktioniert sie auch wirtschaftlich nicht. Wenn pro Tag 30'000 Infizierte und - niedrig geschätzt - pro Infiziertem fünf Angehörige und Kollegen in Quarantäne müssen, sitzt bald ein Viertel der Bevölkerung daheim fest. Wie soll die Wirtschaft das, und den Ausfall verstorbener oder langfristig kranker Mitarbeitender, verkraften?