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Wie gefährlich ist der starke Anstieg der Infektionen in Schulen?
Aus Wissenschaftsmagazin vom 18.09.2021.
abspielen. Laufzeit 06:42 Minuten.
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Corona-Massnahmen bei Kindern? Darum wollen Kinderärzte die Schulen in Ruhe lassen

Das Corona-Virus breitet sich an Schulen zurzeit fast dreimal stärker aus als beim letzten Höhepunkt der Pandemie. Trotzdem plädieren Kinderärztinnen und -ärzte dafür, Tests, Masken und Quarantäne aufs unerlässliche Minimum zu beschränken. Infektiologe Christoph Aebi vom Berner Inselspital nennt die Gründe.

Christoph Aebi

Christoph Aebi

Kinder-Infektiologe

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Christoph Aebi leitet die Abteilung Kinder-Infektiologie am Inselspital Bern und ist Vorstandsmitglied von Pädiatrie Schweiz, der Organisation der Kinderärzte in der Schweiz. Zudem ist Aebi eines der 15 Mitglieder der Eidgenössischen Kommission für Impffragen.

SRF News: Die Organisation der Kinderärzte fordert, bei Massnahmen für Kinder und Jugendliche sehr zurückhaltend zu sein. Warum?

Christoph Aebi: Unser Kernanliegen ist, dass die von Corona ausgehende Krankheitslast mit Blick auf das Leiden richtig eingeschätzt wird gegenüber anderen Infektionskrankheiten. Denn da zeigt sich, dass die medizinische Krankheitsbürde vergleichsweise sehr gering ist und die Massnahmen deshalb in einem vernünftigen Verhältnis stehen sollten.

Die Krankheitslast ist also bei Covid kleiner als bei Grippe. Stimmt bei Kindern also, was Corona-Skeptiker für Erwachsene behaupten?

Genau. Das Grippevirus Influenza und auch das RS-Virus haben eine ungleich höhere medizinische Krankheitsbürde auf die Kinderpopulation als Corona. Das hat sich mit Delta nicht geändert. Bei den Erwachsenen ist das total anders. Das ist unbestritten.

Grippe- und RS-Virus haben eine ungleich höhere Krankheitsbürde auf die Kinderpopulation als Corona. Bei den Erwachsenen ist das total anders.
Autor:

Wie sieht es beim Pims-Syndrom aus?

Pims kommt bei 1:5000 bis 1:10'000 Infektionen vor und ist damit sehr selten. Wer es hat, ist schwer krank. Die seltene Krankheit muss nicht primär mit öffentlichen Massnahmen bekämpft werden, sondern individuell.

In den USA fordern Kinderarztgesellschaften mehr Schutz an Schulen und empfehlen Masken für Zweijährige. Warum der Widerspruch zu Ihren Aussagen?

Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass in den USA schwere Krankheitsverläufe häufiger sind. Ich sehe mindestens zwei Ursachen: Die weniger gute Versorgung benachteiligter Bevölkerungsschichten. Zudem eine andere Verteilung der Ethnie, was vor allem bei nicht-weissen Kindern und Jugendlichen häufiger Erkrankungen verursacht.

Laut den Kinderärzten läuft die Übertragung von den Erwachsenen zu den Kindern. Wie kann man da sicher sein?

Grundsätzlich ist eine Übertragung in beide Richtungen möglich und findet auch statt. Aber bei den bisherigen Varianten war die Richtung vor allem von Erwachsenen zu Kindern. Zudem ist die Ausgangslage seit Beginn der vierten Welle total anders. Denn Erwachsene können sich uneingeschränkt impfen lassen.

Die Ausgangslage ist seit Beginn der vierten Welle total anders, weil sich Erwachsene uneingeschränkt impfen lassen können.
Autor:

Geht aber nicht von den Schulen eine Gefahr für die Älteren aus?

Das ist nicht auszuschliessen. Es fragt sich einfach, welche Massnahmen man der Gesamtheit auferlegen will, um die ganz wenigen zu schützen, die zusätzlich geschützt werden müssen. Das ist eine gesellschaftliche Frage. Wir sind der Meinung, dass etwa ausgedehnte Quarantäne bei Kindern und Jugendlichen nachweislich massive Sekundärschäden verursacht: psychische Störungen, Depressionen oder Übergewicht. Das ist deutlich höher zu gewichten als die medizinischen Folgen der Infektion.

Wir sind der Meinung, dass ausgedehnte Quarantäne bei Kindern und Jugendlichen nachweislich massive Sekundärschäden verursacht.
Autor:

Was ist gegen Massentests oder Masken an Schulen zu sagen – gegen eine zu schnelle Durchseuchung?

Wir haben Verständnis, wenn die Behörden das je nach Lage verordnen.  Nicht zuletzt wegen der hohen Ansteckungsfähigkeit von Delta kann es aber nur um eine Verzögerung gehen. Und hier wissen wir nicht, was auf uns zukommt und ob das sinnvoll ist. Es könnten sich ja auch zusätzliche Varianten entwickeln, die ansteckender und virulenter sind. Dann müssten wir uns fragen, warum wir die Kinderpopulation nicht früher durchseuchen liessen, jetzt wo wir sie doch gar nicht impfen lassen können.

Das Gespräch führte Christian von Burg.

Was finden Sie? Braucht es mehr Massnahmen an den Schulen im Kampf gegen das Coronavirus – oder wäre das unverhältnismässig? Teilen Sie uns Ihre Meinung in den Kommentaren mit.

Wissenschaftsmagazin, 18.09.2021, 12:40 Uhr;

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74 Kommentare

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  • Kommentar von René Balli  (René Balli)
    Der gesunde Menscheverstand von Christoph Aebi ist wie Balsma auf die Seele.
  • Kommentar von Heinz Michel  (Joshuatree)
    Und was ist wenn sich Kinder doch vermehrt anstecken sind dann nicht doch Eltern und Grosseltern gefährdet? Ich denke ein wöchentlicher Test besonders nach den Herbstferien wäre sinnvoll!
    1. Antwort von Monika Mitulla  (momi)
      Kinder dürfen nicht eingeschränkt werden, weil sie Überträger sein könnten, denn viel häufiger findet die Ansteckung offenbar umgekehrt statt (laut Dr. Christoph Aebi).
      Erwachsene können sich durch Hygienemassnahmen und/ oder Impfungen schützen.
  • Kommentar von Helen Blum  (Helen b)
    Ich finde die Jugendlichen gehen sehr besonnen mit dem Thema um, begleiten ihre Kameraden zu Impfterminen und stehen ihnen bei. Beide Seiten werden akzeptiert.
    Hingegen Briefe eines Schulleiters, der Angaben macht wie viele Kinder in jeweils welcher Schulkasse, nicht an den Pool-Tests mitmachen, finde ich grenzwertigt.
    Nicht die unter 30 jährigen leiden an corona, aber sie tragen den grössten teil der Masnahmen.
    Eventuell sollten wir in Sachen Corona von den Jugendlichen lernen.