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Nach gestiegenen Corona-Fallzahlen vorerst keine neuen Massnahmen
Aus Tagesschau vom 20.07.2021.
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Coronavirus «650'000 Menschen haben ein klares Risiko, schwer zu erkranken»

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rechnet schon bald wieder mit über 1000 Coronafällen täglich. Vorsicht sei angezeigt. Angesichts der tiefen Zahl der Spitaleintritte stellt sich allerdings die Frage: Reagiert das BAG zu alarmistisch? Ganz im Gegenteil, sagt Urs Karrer, Mitglied der wissenschaftlichen Corona-Taskforce des Bundes.

Urs Karrer

Urs Karrer

Chefarzt Kantonsspital Winterthur, Mitglied Science-Task-Force

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Urs Karrer ist Chefarzt und Experte für Infektiologie am Kantonsspital Winterthur. Zudem amtet er derzeit als Vizepräsident der wissenschaftlichen Corona-Taskforce.

SRF News: Gemäss dem BAG wirken sich die Corona-Fallzahlen aktuell noch nicht negativ auf das Gesundheitssystem aus. Dennoch mahnt das BAG – zu Recht?

Urs Karrer: Absolut. Die Schweiz befindet sich nun an einem ähnlichen Punkt wie Grossbritannien vor wenigen Wochen: Die Fallzahlen stiegen zwar, bei den Spitälern dagegen blieb es ruhig. Inzwischen haben sich die Hospitalisierungen in Grossbritannien jedoch verfünffacht.

Der Schweiz droht dasselbe Szenario?

Im Vergleich mit Grossbritannien gibt es einen grossen Unterschied: Bei gefährdeten Personen – wegen Delta gehören inzwischen alle über 50 dazu – sind in Grossbritannien mehr als 95 Prozent doppelt geimpft. Hierzulande sind es erst 70 Prozent. Daher dürfte der Anstieg der Spitaleintritte in der Schweiz früher erfolgen; vermutlich ist dieser Trend schon in zwei bis drei Wochen sichtbar.

Aktuell sind in der Schweiz knapp 45 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft, weitere 8 Prozent haben bislang eine erste Dosis erhalten. Ihre Prognose stellt den Erfolg der Impfung infrage.

Nein, keineswegs. Die Impfung wirkt, aber sie verschiebt die Relationen: Bei 3000 Coronafällen  – und diese Zahl könnten wir in drei Wochen erreichen – erwarten wir ähnlich viele Spitaleintritte wie früher bei 1000 Fällen, als es noch keine Impfung gab.

Hinzu kommt: Die Delta-Variante – darauf gehen aktuell mehr als 90 Prozent der Neuinfektionen zurück – ist doppelt so ansteckend wie das Ursprungsvirus. Auch wenn die Hälfte der Bevölkerung immun ist, hat das Virus also immer noch die gleiche epidemiologische Kraft wie jenes Virus, welches im Herbst fast 8000 Schweizerinnen und Schweizern das Leben gekostet hat.  

Auch wenn die Hälfte der Bevölkerung immun ist, hat das Virus immer noch die gleiche epidemiologische Kraft wie jenes Virus, welches im letzten Herbst fast 8000 Schweizerinnen und Schweizern das Leben gekostet hat.

Was schlagen Sie vor?

Wir müssen als Erstes versuchen, noch möglichst viele 50- bis 70-Jährige zu impfen. Bei diesen 650'000 ungeimpften Menschen besteht ein klares Risiko, schwer zu erkranken – mit entsprechender Belastung für Spitäler.

Der Bund konzentriert seine Impfkampagne derzeit allerdings vor allem auf die junge Generation. Ein Fehler?

Nein, denn auch sie profitieren von der Impfung. Junge belasten zwar selten die Spitäler, können aber an Long Covid leiden. Bei den über 70-Jährigen verhindert die Impfung Hospitalisierungen und Todesfälle, bei Menschen zwischen 50 und 70 können wir Spitaleintritten vorbeugen und die Intensivstation entlasten.

Der Druck auf die Impfung muss also steigen.

Es braucht auf jeden Fall mehr Einsicht, dass wir mit den Impfstoffen den Trumpf in den Händen halten – wir sollten ihn aber endlich auch ausspielen. Joe Biden hat die Impfung am 4. Juli als patriotische Pflicht bezeichnet, das wäre doch auch etwas für bundesrätliche 1.-August-Ansprachen, am besten in Begleitung mobiler Impfequipen. Stattdessen drosseln gewisse Kantone den Betrieb der Impfzentren – ein sehr ungünstiges Signal.

Dass gewisse Kantone den Betrieb der Impfzentren drosseln, ist ein sehr ungünstiges Signal.

Sie wollen das Wort Impfpflicht partout nicht in den Mund nehmen.

Ein Obligatorium entspricht nicht der hiesigen Tradition und wäre ein Eingriff in die persönliche Integrität. Ich wäre aber nicht überrascht, wenn bei ungebremst steigenden Fallzahlen der Einsatzbereich des Covid-Zertifikats – ähnlich wie in Frankreich – ausgeweitet würde, vor allem für Geimpfte und Genesene.

Das Gespräch führte Evelyne Fischer.

Tagesschau, 20.07.2021, 19:30 Uhr;

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195 Kommentare

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  • Kommentar von Silvio Ackermann  (SilvioAckermann)
    Liebes SRF
    Interessant wäre eine Grafik „Täglich gemeldete Neuinfektionen mit der Aufteilung geimpfte/ungeimpfte Personen.
    Nur so kann eingeschätzt werden, ob sich alle oder nur ein Teil der Bevölkerung Sorgen machen muss.
    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Silvio Ackermann Guten Tag Herr Ackermann, da haben Sie recht. Leider haben wir diese Zahlen (noch) nicht. Das BAG hat diese Woche aber beispielsweise bekannt gegeben, dass zwischen dem 27. Januar und dem 21. Juli nur gerade 273 Ansteckungen von vollständig geimpften Personen (ab 2 Wochen nach 2. Impfung) gemeldet wurden. In diesem Zeitraum wurden in der Schweiz rund 190'000 Neuinfektionen registriert. Auch wenn es sich bei der Zahl von 273 wohl um eine Unterschätzung handelt, da Geimpfte eher asymptomatisch sind, ist die Zahl der Impfdurchbrüche in der Schweiz zurzeit gering. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Jana Vilim  (Jana Vilim)
    Anfang Juli verkündeten Pharma-Primus Pfizer und dessen deutscher Partner BioNTech, dass man von einem Rückgang der Schutzwirkung des gemeinsamen Coronavirus-Vakzins nach einem halben Jahr ausgehe, was eine dritte Impfung erforderlich machen werde. Laut Daten des israelischen Gesundheitsministeriums sinke die Schutzwirkung des mRNA-Impfstoffs BNT162b2 binnen sechs Monaten nach der zweiten Impfung.
  • Kommentar von Lesek Hottowy  (Lhot)
    Jeder akzeptiert die Rubala, Mumps, Polio etc Impfungen, gurtet sich an im Auto, fährt mit Helm Velo und Motorrad, aber um die Covid19 Impfung ein Riesengeschrei !!!
    1. Antwort von Peter Hahnau  (Peter Hahnau)
      Mal abgesehen davon, dass nicht jeder diese Impfungen akzeptiert und auch mal abgesehen davon, dass die Vergleiche mit Helm und Gurt aufgrund des Unterschieds "irreversibler und unänderbarer innerer Eingriff" "jederzeit änderbare und beendbare, äussere Massnahme" stark hinken: ein mündiger Impfentscheid sagt nicht ja oder nein zu allen Impfungen, sondern erfolgt pro Krankheit, Lebenssituation, Impfstoff und Impfzeitpunkt.
    2. Antwort von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
      Danke, Herr Hahnau, meine Worte. Mehr gibt es zum Impfen eigentlich nicht zu sagen.
    3. Antwort von Thomas Spirig  (lalelu)
      dann ist ja alles klar herr hahnau. dann können sie sich heute noch anmelden. geht alles ratz fatz im moment.
    4. Antwort von Peter Hahnau  (Peter Hahnau)
      @Thomas Spirig: Dass alles ratz fatz geht, ist sicher ein Vorteil. Ist aber von all den Pro- und Contra-Argumenten für mich das irrelevanteste. ;-)
    5. Antwort von Franz Heeb  (fheeb)
      @Peter Hanau: Darf jemand, der sich nicht schützen will, von andern verlangen, dass man auf ihn Rücksicht nimmt ?
    6. Antwort von Thomas Spirig  (lalelu)
      war ja auch kein argument sondern eine nette aufforderung. ;-)
    7. Antwort von Brigitte Sponchia  (Brigitte Sponchia)
      Das Riesengeschrei passiert nur deshalb, weil man sich frei entscheiden kann. Das Thema mit Eigenverantwortung ist einfach Luxusdenken, wenn es um den Schutz anderer geht. Oder anders gesagt, wenn man an Krebs erkrankt und sich nicht behandeln lassen will, ist das Eigenverantwortung, bei einer ansteckenden Krankheit aber nicht. Nicht nur die Impfgegner haben Rechte, sondern auch diejenigen, die sich aus gesundheitl. Gründen nicht impfen lassen können
    8. Antwort von Michael Meier  (Think!)
      @Franz Heeb: Warum sollte sich ein "Nicht-Risiko"-Mensch einer Impfung aussetzen? Zur Ihrer Frage: Nein. Niemand muss sich solidarisch zeigen. Weder die geimpften noch die nicht geimpften Personen. Darum sollte man alles öffnen, alle Massnahmen abbrechen und die Menschen selbstverantwortlich handeln lassen. Wer meint er brauche Schutz, kann sich entweder impfen lassen oder zu hause bleiben. Sowas nennt man selbst bestimmtes Erwachsenen sein.
    9. Antwort von Andrea Esslinger  (weiterdenken)
      @Michael Meier (think!): Solange das Gesundheitssystem nicht annähernd überlastet ist, so wie bei uns in der Schweiz, ist Ihre Argumentation die einzig vertretbare.
      Krankenkasse und AHV/IV sowie die Steuern sind solidarische Einrichtungen. Den Rest regeln Gesetze. Wie gesund bzw. ungesund jemand leben will und wie risikoreich, muss jedem Individuum selbst überlassen werden in einer toleranten, freien Gesellschaft.
    10. Antwort von Rolf Bombach  (RGB)
      Dochdoch, Herr Hahnau. Die "Argumente" der Gegner der Anschnallpflicht damals zeigten erschreckende Parallelen zu den "Argumenten" der Impfgegner. Eingriff in die Privatsphäre, Beschneidung der Freiheitsrechte, Hinweise auf wenig glaubwürdige Schäden usw.
    11. Antwort von Thomas Spirig  (lalelu)
      das argument "selbstverantwortung" kommt immer und immer wieder. es bleibt aber unzureichend. es stimmt einfach nicht, dass man im falle einer ansteckenden krankheit (negative externalität) nur auf sich selber schauen kann. es ist einfach so, dass die anderen eben mitgedacht werden müssen. und daher reicht eigenverantwortung nicht um die pandemie kollektiv zu bekämpfen. es braucht ein gewisses mindestmass an "solidarität". das lässt sich nicht wegdiskutieren auch wenn das einige hier möchten.