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Anne Lévy: Die Lehren der BAG-Direktorin aus der Covid-Pandemie
Aus Tagesgespräch vom 27.04.2022.
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Die Lehren aus Corona Würden Sie die Pandemie heute anders bewältigen, Anne Lévy?

Das Virus sei nicht überschätzt worden, sagt die BAG-Direktorin. Trotzdem würde sie heute einige Dinge anders machen.

Grundsätzlich haben Bund und Kantone die Corona-Pandemie gut bewältigt. Zu diesem Schluss kommt der 136 Seiten starke externe Evaluationsbericht, der die erste Phase der Corona-Pandemie bis im Sommer 2021 unter die Lupe nimmt. «Zeitgerecht und angemessen» hätten Bund und Kantone auf die Krise reagiert.

Doch das Papier listet auch Versäumnisse der Behörden auf. BAG-Direktorin Anne Lévy, die ihr Amt erst sieben Monate nach Bekanntwerden des ersten Corona-Falls in der Schweiz angetreten hat, gesteht im «Tagesgespräch» Fehler ein. «Wie die ganze Welt waren auch wir schlecht vorbereitet.»

Lévy mit Bundesrat Alain Berset
Legende: Der externe Bericht hält fest: «Die Krisenhandbücher des Amts waren nicht breit bekannt.» Insgesamt sei das BAG «organisatorisch unzureichend auf die Corona-Pandemie vorbereitet» gewesen. Keystone/Archiv

Die BAG-Chefin stellt allerdings infrage, ob man sich auf eine solche Krise überhaupt vorbereiten kann. «Man kann es unbestritten besser machen. Aber das Unvorhersehbare, die ständigen Veränderungen – all das macht am Ende eine Krise aus.»

Neue Corona-Massnahmen im In- und Ausland, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Mutationen – immer wieder überschlugen sich die Ereignisse. Das BAG habe oft innerhalb von Stunden reagieren und dem Bundesrat Entscheidgrundlagen unterbreiten müssen. «Das war eine grosse Leistung und ich bin froh, dass das die Evaluation auch so bestätigt», sagt Lévy.

Anne Lévy vor den Medien in Bern
Legende: Am 25. Februar 2020 wurde der erste Corona-Fall in der Schweiz bekannt. Damals war Lévy noch Leiterin der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. BAG-Direktorin wurde sie im Herbst 2020, kurz bevor die Schweiz in den zweiten Shutdown ging, der bis in den Frühling 2021 andauern sollte. Keystone

Insgesamt zeigt sich Lévy beeindruckt, wie die Pandemie bewältigt wurde. Sie betont insbesondere das Engagement und die Professionalität beim BAG. «Das ist das, was uns die Evaluation attestiert: Wir haben einen guten Job gemacht, auch wenn es Verbesserungspotenzial gibt. Alles andere wäre aber auch erstaunlich.»

Enorme Arbeitsbelastung beim BAG

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Legende: Das Bundesamt für Gesundheit in Bern Liebefeld. Keystone

An der Medienkonferenz vom Dienstag erklärte die 50-jährige Expertin für öffentliche Gesundheit, wie Mitarbeitende des BAG auf dem Höhepunkt der Pandemie bis zu 17 Stunden arbeiteten – und das an sieben Tagen die Woche. Lévy selbst führte 210 Taskforce-Sitzungen durch. «Als ich beim BAG anfing, war das Team zwar immer noch motiviert, aber völlig erschöpft.»

Wie bei allen Menschen, die mit der Ausnahmesituation einer Pandemie konfrontiert waren, herrschte auch beim BAG Ungewissheit, blickt die Chefin zurück. «Man konnte zunächst nicht abschätzen, ob das alles wie bei früheren Erregern nur ein paar Wochen dauert – oder ob es jetzt wirklich die grosse Pandemie ist, die zwei Jahre und länger dauert.»

Schliesslich wurde der Ausnahme- zum Dauerzustand. Lévy war es in dieser Zeit auch ein Anliegen, ihre Mitarbeitenden vor sich selber zu schützen, wie sie es ausdrückt. «Wir haben die ganze Organisation anders aufgestellt, stellten mehr Personal ein und trennten die Aufgaben auf, sodass sich die Fachleute auch wirklich auf ihren Fachbereich konzentrieren konnten.» Zuletzt sei es darum gegangen, die Hektik herauszunehmen und den BAG-Angestellten mehr Erholungsphasen zu gönnen – auch wenn die Arbeitsbelastung weiter hoch blieb.

Kritik am Corona-Management der Behörden war lange an der Tagesordnung und traf oft auch das BAG. Insbesondere bei der Digitalisierung. Hier sei «vieles verbesserungswürdig», streicht auch die externe Evaluation heraus. Auch diese Kritik kann Lévy nachvollziehen.

Aber: Das BAG habe bei der Grossbaustelle Digitalisierung im Gesundheitswesen vorwärts gemacht: So sei etwa das vielgescholtene Meldesystem via Fax rasch aufgelöst und automatisiert worden; oder auch das Covid-Zertifikat sei allen Unkenrufen zum Trotz innerhalb von wenigen Wochen aufgezogen worden.

Kritik an Besuchsverboten und Schulschliessungen

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Legende: Keystone

Der Bericht stellt insgesamt fest, dass die Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern gut durch die Pandemie kam. Aber: Die anfänglichen Besuchsverbote in Alten- und Pflegeheimen hätten «grosses Leid» verursacht, auch die Schulschliessungen im Frühjahr 2020 seien «nicht angemessen» gewesen. Die Expertengruppe sieht Schulschliessungen skeptisch: «Diese führten zu grossen Belastungen von Eltern, Kindern sowie Jugendlichen und ziehen möglicherweise einschneidende Folgen für die Bildungsentwicklung zahlreicher Kinder und Jugendlicher nach sich.»

Rückblickend teilt Lévy die Kritik an den Schulschliessungen. Sie erinnert aber daran, dass zu Beginn der Pandemie noch vieles unklar gewesen sei. «Man hat nur gesehen, dass im Ausland viele Menschen starben oder schwer erkrankten und das Gesundheitssystem überlastet war.»

In dieser Notsituation sei getan worden, was man für nötig erachtete. «Man hat zugemacht, wollte die Bevölkerung schützen – und schloss auch die Schulen.» Das habe man später nicht mehr gemacht, während viele Länder an den Schliessungen festhielten.

Wir wussten anfangs ja nicht einmal, wie man Covid behandelt. Eine neue Krankheit, über die man nichts weiss, ist wirklich gefährlich.
Autor: Anne Lévy Direktorin des Bundesamtes für Gesundheit

Lévy anerkennt auch die psychischen Belastungen der Shutdowns. Gerade für die junge Generation: «Man hat schnell gemerkt, dass die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stark gelitten hat.» Darum habe der Bundesrat Jugendlichen frühzeitig mehr Freiheiten gegeben; etwa bei der Ausübung von Sport oder der Öffnung von Jugendtreffs.

Mann in Schutzkleidung auf den leeren Strassen von Schanghai
Legende: Lockdown auf Lockdown: Die verfahrene Situation in China mit wenig wirksamen Impfstoffen, geringer Immunitätsrate in der Bevölkerung und hoher Krankheitslast zeigt für Lévy, «welche Wucht das Virus haben kann.» Keystone

Die Gefährlichkeit des Virus habe man aber nicht überschätzt, stellt Lévy klar. «Wir wussten anfangs ja nicht einmal, wie man Covid behandelt. Eine neue Krankheit, über die man nichts weiss, ist wirklich gefährlich.»

Allmählich hätten die besseren Therapien, Medikamente und vor allem die hochwirksamen mRNA-Impfstoffe Öffnungen ermöglicht, schliesst Lévy. «Zu Beginn der Pandemie hätte man aber etwas mutiger sein können, auch weltweit.» Es sei zu wenig daran gedacht worden, für welche Bevölkerungsgruppen die Massnahmen besonders schwierig seien.

Tagesgespräch, 27.04.2022, 13:00 Uhr;

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