Zum Inhalt springen

Header

Audio
Forderung nach Frühwarnsystem für Pandemien in der Schweiz
Aus Echo der Zeit vom 13.12.2020.
abspielen. Laufzeit 04:53 Minuten.
Inhalt

Erste Pandemie-Welle Durchzogene Bilanz für Schweizer Krisenmanagement im Frühjahr

Das Zentrum für Sicherheitsstudien der ETH Zürich hat die Corona-Politik während der ersten Welle analysiert. Die Bilanz ist gemischt. Bemängelt wird die Krisenorganisation des Bundes.

Normalerweise analysieren sie die militärische Stärke Chinas oder Russlands oder bewerten das Nuklearabkommen mit dem Iran. Jetzt haben die Experten am Zentrum für Sicherheitspolitik an der ETH Zürich die Arbeit des Bundes in der ersten Corona-Welle analysiert, Link öffnet in einem neuen Fenster.

«Man kann sagen, dass der Gegenstand der Sicherheitspolitik sich seit dem Ende des Kalten Krieges ausgeweitet und vertieft hat», erklärt Andreas Wenger, Professor für schweizerische und internationale Sicherheitspolitik. Sicherheitspolitik wird heute umfassend verstanden, dazu gehören auch Naturkatastrophen, gesellschaftliche oder technische Notlagen wie ein Stromnetzausfall – oder eine Epidemie.

Teilweise verlorener Februar

Ähnlich wie wenn ein Krieg droht, braucht es im Falle der Pandemie eine Frühwarnung, wenn das Virus anrollt. Auf Fachebene in den Bundesämtern habe man Anfang Jahr früh Signale wahrgenommen, dass ein gefährliches Virus in China aufgetaucht sei. Die WHO habe die Staaten bereits im Januar aufgefordert, das Krisenmanagement auf höchster politischer Ebene zu aktivieren.

Der Bundesrat habe aber erst richtig in den Krisenmodus gewechselt, als er Ende Februar die besondere Lage ausrief, sagt Andreas Wenger. «Dadurch ist wertvolle Zeit verloren gegangen und man kann auch im Falle der Schweiz – wie bei den anderen europäischen Ländern – von einem zumindest teilweise verlorenem Februar sprechen.»

Auch in der Schweiz ist wertvolle Zeit verloren gegangen.
Autor: Andreas WengerProfessor für Sicherheitspolitik

Die Folge: Zwei Wochen später musste das öffentliche Leben fast vollständig heruntergefahren werden. Zeit gewinnen, das ist eine Lehre aus der ersten Welle. Darum schlagen Wenger und sein Team vor, dass Bund, Kantone und Wissenschaft ein Pandemie-Frühwarn-Netzwerk aufbauen.

Gute Noten erhält der Bundesrat als Kollegialregierung. Er habe, als Mitte März die ausserordentliche Lage erklärt wurde, für alle anstehenden Probleme flexible Lösungen gefunden. «Er konnte über die normalen Führungsprozesse, über seine departemenalen Krisenstäbe und die Ämterkonsultation führen», so Wenger.

Unkoordinierte Krisenstäbe

Schlechte Noten gibt es für die Krisenorganisation des Bundes. Über die erste Welle waren drei Stäbe aktiv. Der Bundesstab für Bevölkerungsschutz, der Corona-Krisenstab des Bundesrates und die Taskforce im Bundesamt für Gesundheit. Der eine Stab war zu weit weg von der politischen Führung, der zweite wurde zu spät eingesetzt und der dritte war überlastet, weil er zu viele Sonderaufgaben übernehmen musste. Das habe zu Reibungsverlusten geführt, zu Lücken und Verzögerungen.

Seuchen-General im Schutzanzug

Zurück zur klassischen Sicherheitspolitik: Wäre es einfacher, es gäbe es einen Seuchen-General im Schutzanzug? Der Professor für Sicherheitspolitik winkt ab: «Die Analogie zwischen Armee und Gesundheitsbereich ist schräg. Armeen sind hierarchisch organisierte Instrumente auf der Ebene des Gesamtstaates. Der Gesundheitsbereich ist ein dezentral organisiertes System auf der Stufe der Kantone.»

Vom Militär könne man das Denken in Szenarien lernen und wie man sich auf den schlimmsten Fall der Fälle vorbereite, sagt Wenger. Das ist im Falle dieser Pandemie nur ungenügend passiert.

SRF 4 News, 13.12.2020, 07:00 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

78 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Abseits von Wirtschaft und Schulen sprechen wir wenig über die vielen Menschen, die an oder mit Covid-19 verstorben sind.Das muss sich ändern.Für viele ist 2020 ein verlorenes Jahr, doch wir können uns glücklich schätzen, wenn es nur ein Jahr und nicht ein ganzes Leben ist,das wir verlieren.Den Verstorbenen und deren Angehörigen sind wir es schuldig, ihnen zu gedenken.Empathie zeigen und den Verstorbenen ein Gesicht geben.Massnahmen zur Eindämmung des Virus befolgen, um weitere Tote zu vermeiden
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Conny Hasler  (conhas)
    anhand dieser vielen Kritiker hier,vor allem gegen den Bundesrat,muss ich mal fragen,wer ist nun schuld an den hohen Fallzahlen;ja ein Teil unserer Bevölkerung;viele Menschen,die auf nichts verzichten möchten und sich weiterhin als Egoisten verhalten,als ob der Virus nicht existieren würde;aber anscheinend ist es ja leichter, den BR zu kritisieren,als sich selber an der Nase zu nehmen,die Kontakte maximal zu reduzieren,seine nähere Umgebung darauf hinweisen und endlich Verantwortung übernehmen
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Conny Hasler  (conhas)
    @keller
    wenn Sie sich über Wochen genau informiert haben,wissen Sie schon,dass der BR nicht allein an dieser Situation schuld ist;viele Kantonsregierungen mit ihren Wirtschaftslobbies haben sich über Wochen geweigert,schärfere Massnahmen einzuführen;und die Kantone waren seit Mitte Juni wieder in der Verantwortung;und was ist mit all den Menschen,die die Massnahmen nicht mitgetragen haben?die sind ja auch verantwortlich an den hohen Fallzahlen;Komisch,wird immer nur der BR kritisiert
    Ablehnen den Kommentar ablehnen