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SBBK: Lehrstellen sollen früher publiziert werden
Aus HeuteMorgen vom 17.12.2020.
abspielen. Laufzeit 02:25 Minuten.
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Forderung sorgt für rote Köpfe Lehrstellensuche bereits ab der zweiten Oberstufe?

Neu sollen Firmen ihre Lehrstellen 1.5 Jahre vor Lehrbeginn publizieren dürfen. Die Lehrer sind damit nicht einverstanden.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Dieses Motto scheint sich die Schweizerische Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK) zu Herzen genommen zu haben. Geht es nach ihr, sollen sich die Schülerinnen und Schüler in Zukunft bereits in der zweiten Oberstufe um eine Lehrstelle kümmern anstatt wie bisher in der dritten. Deshalb möchte sie, dass die Lehrstellen früher auf der staatlichen Lehrstellenplattform Lena, Link öffnet in einem neuen Fenster veröffentlicht werden.

«Entrüstet über diese Entscheidung»

Bei den Sekundarlehrerinnen und Sekundarlehrern stösst dieser Vorschlag auf wenig Gegenliebe. Sie seien «entrüstet über diese Entscheidung», so Daniel Kachel vom Zürcher Sekundarlehrerverband.

«Die Vorverlegung bewirkt, dass der Druck auf die Schülerinnen und Schüler zunimmt, sich bereits zu einem Zeitpunkt für eine Lehrstelle zu bewerben, zu dem sie dazu noch gar nicht in der Lage sind», kritisiert er. Jugendliche würden jünger eingeschult als früher. Schon heute bringe sie die Lehrstellensuche deswegen an den Anschlag.

Schülerinnen und Schüler sind noch nicht bereit

Ähnlich äussert sich Samuel Zingg, der die Sekundarlehrer im Lehrer-Dachverband vertritt. Würden die Lehrstellen früher auf der Plattform publiziert, schade dies den Schülern, ist er überzeugt: «Die ganze wirtschaftliche Entwicklung geht dahin, dass man sie immer früher an die Lehre zu binden versucht, obwohl sie überhaupt noch nicht bereit sind, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und damit auswählen zu können, wohin sie wirklich gehen wollen.»

Man schneidet sich ins eigene Fleisch, indem man mehr Abbrüche hat und dadurch immer unzuverlässiger weiss, ob die Schüler die Lehre wirklich bis zum Schluss beim eigenen Betrieb machen.
Autor: Samuel ZinggDachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

Selbst den Lehrbetrieben würde es nichts nützen, Lehrverträge zu früh abzuschliessen, sondern ihnen im Gegenteil schaden: «Man schneidet sich ins eigene Fleisch, indem man mehr Abbrüche hat und dadurch immer unzuverlässiger weiss, ob die Schülerinnen und Schüler die Lehre wirklich bis zum Schluss beim eigenen Betrieb machen», so Zingg. Schon heute wechselt fast jede und jeder dritte Lernende den Ausbildungsbetrieb.

Oberstufenschüler
Legende: Knaben werden erst etwas später reif und brauchen länger, bis sie sich für einen Beruf entschieden haben. Wenn ein Junge Mitte der 9. Klasse merkt, dass er gerne in die Pflege ginge, dann sind die Lehrstellen bereits weg. Werden die Stellen früher ausgeschrieben, besteht die Gefahr, dass viele Kinder nicht die Lehrstelle haben, die zu ihnen passt. Keystone

Private Stellenportale als Problem

Der Präsident der SBBK, Christophe Nydegger, hält wenig von dieser Kritik. Man passe sich lediglich den Wünschen der Lehrbetriebe an, verteidigt er sich: «Die Lehrstellensuche geht heute schnell vorwärts. Schüler beginnen schon in der zweiten Oberstufe, sich umzusehen.»

Ein Problem seien zudem die privaten Stellenportale. Sie publizierten gegen Geld Lehrstellen schon heute bis zu zwei Jahre vor Lehrstellenbeginn. Da müsse die kostenlose staatliche – und wichtigste – Lehrstellenplattform mithalten, glaubt Nydegger.

Weniger Schüler und zu viele Lehrstellen

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Es gibt weniger Schüler und Schülerinnen als früher für zu viele Lehrstellen. Die Lehrbetriebe wollen die guten Schüler und Schülerinnen möglichst früh anbinden. Um das zu tun, inserieren sie ihre Lehrstellen bis zu zwei Jahren vor Stellenbeginn auf privaten Lehrstellenplattformen, indem sie dafür zahlen.

Die staatliche, kostenlose Plattform Lena kam jetzt offenbar in Zugzwang. Man hat Angst, dass die Stellenausschreibungen immer mehr zu den privaten, zahlungspflichten Stellenportalen abwandern, wenn man eine verfrühte Publikation nicht auch zulässt.

«Ein Eingriff in den ganzen Lehrplan»

Nun wollen sich die Lehrerverbände gegen die Vorverlegung der Lehrstellenpublikation wehren. Sie widerspreche dem Lehrplan 21, wendet Zingg ein: «Das ist ein Eingriff in den ganzen Lehrplan, in dem die Berufsorientierung über drei Jahre aufgebaut ist, damit man dann im dritten Jahr der Sekundarstufe in die Lehre übergehen kann.»

Gegessen ist die Geschichte also noch lange nicht.

HeuteMorgen, 17.12.2020, 06:00 Uhr

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63 Kommentare

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  • Kommentar von Ralf Möller  (Ralf Möller)
    Vor einigen Jahren habe ich im Lehrerzimmer wegen der immer früher startenden Berufswahl scherzhaft gemeint: "Bald werden schon die 1.-Klässler damit beginnen!" Ich würde schwarzmalen, war der Tenor der Kollegen. 2018 wurde dann die Projektwoche "Berufswahl" Ende 1. Klasse neu eingeführt.
    Gestern war ich mit einem Kollegen aus der Primarschule essen und meinte scherzhaft, bald würde die Berufswahl schon in der Primarschule beginnen. Ich solle nicht immer schwarzmalen, war seine Antwort...
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  • Kommentar von Ruedi Selig  (RuediS)
    Und wer fragt eigentlich mal die Jugendlichen, ob ihnen das überhaupt etwas bringt?

    Und wann werden denn die Lehrstellen als Prinzessin, Astronaut, Pirat und Fussballprofi ausgeschrieben?

    Willkommen im Dschungel der Lehrstellensuche..
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  • Kommentar von Martin Meier  (M.Meier)
    Ganz einfach. Den privaten Stellenportale verbieten Lehrstellen schon so früh zu publizieren.
    Dann können sich die Jugendlichen wieder auf die Schule konzentrieren.
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