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Leben auf dem Abstellgleis
Aus Echo der Zeit vom 27.04.2020.
abspielen. Laufzeit 06:12 Minuten.
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Gefangen im alten Asylsystem Bei 8 Franken am Tag zum Nichtstun verdammt

Shewit Tesfay lebt ein Leben auf dem Abstellgleis. In Oberscherli bei Bern will man ihm und anderen Betroffenen helfen.

Asylsuchende, die trotz Wegweisungsverfügung in der Schweiz bleiben, erhalten nur noch minimalste Nothilfe, das heisst: ein Dach über dem Kopf, medizinische Grundversorgung und 8 bis 10 Franken pro Tag für alles andere.

Ausserdem müssen sie meist in Rückkehrzentren leben, mit strikter Präsenzkontrolle und wenig Kontakt zur Aussenwelt. Sie dürfen nicht mehr arbeiten, Aus- und Weiterbildungen sind unerwünscht. Ziel ist es, den Druck auf die rund 4000 Betroffenen zu erhöhen, damit sie freiwillig ausreisen.

Trotz Sprachkenntnissen Arbeitsverbot

Shewit Tesfay ist einer von ihnen. Seit September wohnt der 22-jährige Eritreer in einer hübschen Einliegerwohnung in einem Einfamilienhaus in Oberscherli (BE). Sie steht in keinem Vergleich zu den Unterkünften, in denen der Mann in den fast fünf Jahren zuvor in der Schweiz gelebt hat.

Das neue Zuhause ist auch unvergleichlich viel besser als eines der drei Rückkehrzentren im Kanton Bern, in das er als abgewiesener Asylsuchender mit Wegweisungsentscheid eigentlich bald einziehen müsste. «Ich habe gearbeitet, und nach fünf Jahren darf ich das nicht mehr», sagt er. Das sei unmenschlich. Das finden auch Silvia und Albrecht Marthaler.

Die pensionierte Lehrerin und der Immobilienfachmann haben Tesfay bei sich aufgenommen: «Wir haben die Mittel und den Platz. Er ist integriert und hat die Sprache fleissig gelernt», sagt sie. Und er ergänzt: «Er ist willig und fähig, und unsere Wirtschaft lechzt doch eigentlich nach solchen Leuten.»

Das Thema ist, einem Menschen eine Chance zu geben, die er verdient hat.
Autor: Albrecht Marthaler

Im Kanton Bern dürfen Privatpersonen abgewiesene Asylsuchende bei sich aufnehmen. Allerdings müssen sie für praktisch alle Kosten selber aufkommen. Das geht ins Geld. Grossräte von links bis rechts wollen nun erreichen, dass der Kanton zumindest die Nothilfe weiter übernimmt.

Für Marthalers ist das Geld aber ein untergeordnetes Thema: «Das Thema ist, einem Menschen eine Chance zu geben, die er verdient hat.» Ein Aufenthaltsrecht für abgewiesene Asylsuchende, die seit Jahren in der Schweiz leben und gut integriert sind – das sei das Gebot der Stunde.

Im alten Verfahren hängengeblieben

Das sieht die kleine Gruppe von Aktivisten im Nachbarort, die im Wohnzimmer von Jürg Schneider drängende Asylprobleme diskutiert, gleich. Schneider ist Präsident des Vereins «Offenes Scherli». Wer jetzt in die Schweiz flüchte, profitiere vom neuen Asylrecht mit den schnelleren Verfahren und der besseren Rechtsbegleitung, erklärt der emeritierte Wirtschaftsprofessor.

«Wir haben aber einige 1000, die im alten Verfahren hängengeblieben sind. Für sie sollte es meiner Ansicht nach eine Spezialregelung geben.» Vor zwei Jahren hat St. Gallen für eine Reihe abgewiesener Asylsuchender eine Aufenthaltsbewilligung beantragt. Spielraum bestehe also, so Schneider.

Denn wer jahrelang miserable Lebensbedingungen erdulde, habe den Tatbeweis erbracht, dass eine Rückkehr ins Ursprungsland wohl tatsächlich unmöglich sei, meint er. Statt diese Menschen dauerhaft auszugrenzen, wäre es für alle vorteilhafter, ihre Fähigkeiten zu fördern und zu nutzen.

Tesfay hat vor dem behördlich verfügten Arbeitsverbot in einem Recycling-Unternehmen gearbeitet, das kaum einheimische Arbeiter findet. Jetzt könnte er in einem bekannten Gourmet-Restaurant eine Kochlehre beginnen. Sobald die Restaurants nach der Corona-Krise wieder offen sind, könnte er mit der Arbeit loslegen – wenn die Behörden ihn denn liessen.

Echo der Zeit, 27.4.2020, 18 Uhr

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49 Kommentare

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  • Kommentar von Ruedi Hammer  (Ruedi Hammer)
    Hallo SRF: Der Wind im Land hat sich längst gedreht! Passt euch lieber an, denn unsere in Bern werden euch nicht mehr retten!
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  • Kommentar von Hans König  (Hans König)
    Herr Gasser: Die Abgabe des CH-Passes kostet nichts, auswandern ist freiwillig, niemand hält sie zurück!
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  • Kommentar von Margot Helmers  (Margot Helmers)
    Der Mann ist ausreispflichtig und bekommt dennoch ein Dach über den Kopf, med. Grundhilfe und 8 Franken pro Tag. In wievielen Ländern der Welt gibt es sowas? Gerade ist ein Artikel in SRF: "In den kommenden Monaten droht massiver Stellenabbau" Darin heisste es, dass in der Gastronomie, Detailhandel und Baugewerbe ein massiver Stellenabbau droht. Die Wirtschaft lechzt mitnichten nach Mitarbeitern. Und was ist mit der begrenzten Aufnahmekapazität und den demokratisch legitimierten Gesetzen?
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