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Gotthard «Beeindruckt haben mich die Tränen»

SRF-Tessinkorrespondent Alexander Grass hat das Bauprojekt am Gotthard während vierzehn Jahren begleitet. An der Eröffnungsfeier traf er auf Menschen, die ihr halbes Leben lang an dem Basistunnel-Tunnel gebaut haben. Für sie geht nun ein Lebensabschnitt zu Ende.

Drei Mineure montieren Bewehrungsstäbe für die Betonverschalung.
Legende: Erfolge, Niederlagen, Freude und Tränen: Hinter den Tunnelröhren verbergen sich viele Geschichten. Keystone/Archiv

SRF News: Sie sind am Südportal. Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Alexander Grass: Beeindruckt haben mich die Tränen, die ich bei manchen Gesprächspartnern gesehen habe. Es waren ja nicht nur Politiker hier, sondern auch Menschen, die ein halbes Berufsleben lang am Gotthard gebaut und geplant haben. Sie schauen nun zurück auf einen Lebensabschnitt. Wir Bahnbenutzer sehen die beiden Tunnelportale, sie aber sehen die Geschichten, die sich dahinter verbergen: Freundschaften, die hier entstanden, Schlimmes, Gutes, Erfolge und Niederlagen.

Die Staats- und Regierungschefs aller Nachbarn waren heute dabei. Was haben die gesagt?

Frankreichs Präsident François Hollande hat den Gotthard als eine der ganz grossen Infrastrukturbauten Europas beschrieben. Er zog den Vergleich mit dem Kanaltunnel zwischen Grossbritannien und Frankreich und mit dem Suez-Kanal. Die Botschaft vom Gotthard sei der Austausch und die Freiheit, so Hollande.

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel hat gesagt, der Tunnel erhöhe den Takt im Zusammenleben und -arbeiten sowie im Austausch zwischen den Ländern. Der Tunnel stehe für das Verbindende in Europa.

Auch gemerkt habe ich mir die Äusserung des italienischen Transportministers Graziano Delrio: Auch er sagte, der Gotthard-Basistunnel-Tunnel lasse Europa zusammenrücken. Der Gotthard werde etwas italienischer und die Häfen in Ligurien etwas schweizerischer.

Das klingt nach europäischen Sonntagsreden. Sind unsere Nachbarn nicht so richtig engagiert?

Doch, sie sind engagiert. Es bewegt sich viel in Italien. Wir haben in diesen Monaten gehört, dass in Italien geradezu ein Strategiewechsel stattgefunden habe. Das Land setzt jetzt wieder auf den Schienen-Güterverkehr. Aus Deutschland hören wir, dass die Verspätung bei den Anschlussbauwerken wieder wettgemacht werden solle.

Unsere europäischen Nachbarn sind engagiert.

Nach bisherigen Kenntnissen wird sich Deutschland fünfzehn Jahre verspäten. Was hat Angela Merkel konkret zu dieser Verspätung gesagt?

Da haben viele aufmerksam hingehört. Sie hat gesagt, sie wisse, dass Deutschland noch etwas zu tun habe. Es werde mit Elan an diesen Aufgaben gearbeitet.

Diese Äusserung hat offenbar für tosenden Applaus gesorgt.

Ja. Aber man muss wissen, dass das Schweizer Parlament, die Minister und die Fachleute im Publikum sassen. Sie alle kennen die Problematik und wissen, wie wichtig es ist, dass im Norden zwischen Basel und Karlsruhe nach 2020 kein Flaschenhals entsteht.

War es also eine hörbare politische Unmutsäusserung?

Nein. Man ist einfach erleichtert, dass Merkel sich persönlich dazu geäussert hat. Man weiss, dass der deutsche Bundestag eine Milliarde Euro gesprochen und damit den Weg freigemacht hat, für Investitionen in Sachen Lärmschutz. Das ist der Kernpunkt der vielen Einsprachen, die es gegen das Neubauprojekt gegeben hat.

Schon bei der Eröffnung des Strassentunnels nahmen zwei Schulklassen den Tunnel als erste in Besitz.

Heute fand die offizielle Feier statt. Wann feiert die Bevölkerung?

Die Bevölkerung feiert am kommenden Wochenende. Da werden die 100'000 Plätze für Tunneldurchfahrten vergeben. Es werden viele Menschen kommen, die Wettervorhersagen stimmen. Das Volk waren aber auch die Menschen und die Schulklassen aus der Bevölkerung, die heute die ersten waren, die durch den Tunnel fuhren. Das war eine schöne Symbolik. Schon 1980 bei der Eröffnung des Strassentunnels waren es zwei Schulklassen, die mit den Postautobussen den Tunnel als erste in Besitz nahmen.

Das Gespräch führte Peter Voegeli.

Alexander Grass

Alexander Grass

Der ehemalige Produzent und Moderator der Sendung «Echo der Zeit» berichtet heute regelmässig als Korrespondent für Radio SRF aus dem Tessin.

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