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Internationale Kritik Crans-Montana und die Frage nach den fehlenden Autopsien

Die Kritik wird immer lauter. Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana rückt eine neue Frage in den Fokus: Warum wurden mehrere Opfer zunächst nicht autopsiert?

Für Angehörige geht es dabei nicht um Formalitäten. Sondern um Gewissheit: Wie genau sind ihre Liebsten gestorben? Und was bedeutet das für die Aufarbeitung der Katastrophe?

Romain Jordan vertritt als Anwalt mehrere Opferfamilien. Eine Autopsie erscheine absolut unerlässlich. «Das habe ich übrigens zu Beginn des Verfahrens selbst am Telefon gegenüber der Staatsanwaltschaft gesagt. Die Todesursache muss genau festgestellt werden. Ist jemand im Gedränge erstickt? Oder ist die Person einfach verbrannt?» All dies sei wichtig.

Wichtige Schlüsselinformationen

Besonders viel Aufsehen erregte in den letzten Tagen der Fall Trystan. Der 17-Jährige wurde erst auf Druck der Anwälte autopsiert. Seine Beisetzung musste verschoben werden, was seine Familie emotional stark belastete. Der Anwalt der Familie, Jean-Luc Addor, übt scharfe Kritik an der Staatsanwaltschaft.

«Eine Autopsie ist für Eltern ohnehin schwer zu verkraften», sagt Addor und fügt hinzu: «Aber es hätte nicht dazu kommen dürfen, dass wir darauf bestehen mussten und dass man sie erst durchführte, nachdem die Leiche schon der Familie übergeben wurde.»

Polizisten in blauen Uniformen an einem abgesperrten Bereich mit Streifenwagen.
Legende: Nach der Brandkatastrophe legte die Walliser Kantonspolizei grossen Wert darauf, die Opfer so schnell wie möglich zu identifizieren. Autopsien blieben aber aus. (Bild: Crans-Montana 1. Januar 2026) Keystone/ Jean-Christophe Bott

Die Autopsie ergab schliesslich Tod durch Rauchvergiftung. Für Fachleute wie den erfahrenen Rechtsmediziner Ulrich Zolllinger kein Detail – sondern eine Schlüsselinformation. Eine Autopsie sei in solchen Fällen üblich, sagt er. «Im Strafprozess haben wir im Prinzip ein Puzzle von Beweisen; von der Kriminaltechnik, von den Videos, von Augenzeugen und eben auch vom Zustand des Verstorbenen und der kann in einem Brand ganz unterschiedlich sein.»

Ob eine Person durch Feuer, Rauch oder herabfallende Trümmer ums Leben kam – all das lässt sich nur durch rechtsmedizinische Untersuchungen klären. Fehlt eine Autopsie, kann das später den Strafprozess beeinflussen. Es sei aber auch wichtig für die Angehörigen, sagt Zollinger: «Sie wollen einfach wissen, was passiert ist.»

Italien übt scharfe Kritik

Italien verlor bei der Brandkatastrophe sechs Menschen. Hier übt man besonders scharfe Kritik an den Versäumnissen der Walliser Staatsanwaltschaft. «Ich bestätige, dass keiner der verstorbenen Italiener einer Autopsie unterzogen wurde», sagt Italiens Botschafter Gian Lorenzo Cornado gegenüber SRF.

In Italien ordnete die Staatsanwaltschaft für die Opfer deshalb Autopsien an. In einem Fall kam es sogar zu einer Exhumierung nach der Beerdigung. In der Schweiz ist das bisher nicht passiert,aber nicht ausgeschlossen.

Die Fehler der Walliser Staatsanwaltschaft werden zunehmend kritisiert. Diese reagierte am Freitag nicht auf eine Anfrage von SRF. Die Untersuchungen zur Katastrophe von Crans-Montana stehen noch am Anfang. Ob zentrale Fragen beantwortet werden können, hängt wesentlich von den ersten Schritten nach dem Unglück ab.

10vor10, 16.01.2026, 21:50 Uhr ; 

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