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Die Jugendgewalt in der Schweiz nimmt weiter zu
Aus Rendez-vous vom 22.04.2021.
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Jugendgewalt Langeweile macht aus Jugendlichen Gewalttäter

Oft ist der Grund für Jugendgewalt banal: pure Langeweile. Das zeigen Erkenntnisse, der Jugendanwaltschaft des Kantons Zürich.

Die jugendlichen Gewalttäter sind fast immer männlich, im Schnitt zwischen 15 und 16 Jahre alt. Und sie schlagen in ihrer Freizeit zu, wenn sie ohne elterliche Kontrolle mit den Kollegen unterwegs sind, wie der leitende Zürcher Jugendanwalt Marcel Riesen-Kupper sagt.

«Zum Beispiel begegnen sich spätabends zwei Gruppen zufällig. Man hat viel Alkohol getrunken, ist leicht reizbar, und man sucht vielleicht einen Grund, um einen Streit herzustellen. Und dann gibt es eine Schlägerei oder ein Jugendlicher schlägt auf einen anderen ein.»

Corona hatte keinen grossen Einfluss

Die strengen Corona-Massnahmen letztes Jahr hätten auf solche Dynamiken keinen grossen Einfluss gehabt, so Riesen-Kupper. Es zeige sich schon länger, dass viele der jugendlichen Gewalttäter eine sehr unstrukturierte Freizeit hätten.

«Auf die Frage nach einem Hobby kommt die Antwort Herumhängen, Chillen. Dann trifft man sich eben und wartet auf ein bisschen Action. Wenn dann nichts läuft und jemand hat eine Idee, macht man vielleicht auch unüberlegt mit.»

Diese Beobachtung von der Gewalt aus Langeweile macht auch Monika Egli Alge. Sie leitet das Institut Forio, das Verhaltenstherapien für jugendliche Gewalttäter anbietet. «Was besonders prominent im Jugendalter auftritt, ist der Einfluss der Peer-Gruppe. Und wenn hier eine dysfunktionale Struktur herrscht und die Peer-Gruppe wenig Korrektur von aussen erfährt, kann das im Extremfall zu diesen Gewalttaten führen.»

Vermehrt Fussfesseln im Einsatz

Deshalb verhängt die Zürcher Jugendanwaltschaft nach gewalttätigen Vorfällen nicht nur Strafen – etwa mehrtägige Arbeitseinsätze – sondern auch Kontakt- und Rayon-Verbote. Die jugendlichen Täter dürfen sich dann während einer gewissen Zeit nicht mehr mit bestimmten Leuten treffen oder sich in einem gewissen Gebiet aufhalten.

Sichergestellt wird dies immer häufiger mit einem Mittel, das aus dem Erwachsenen-Strafvollzug bekannt ist: Electronic Monitoring. Die Jugendlichen müssen einen GPS-Sender auf sich tragen, der die Behörden konstant über ihren Aufenthaltsort informiert, wie der Zürcher Jugendanwalt Riesen-Kupper sagt.

«Wir haben Fälle, bei denen es angezeigt ist, dass wir über einen körpernahen GPS-Sender Kenntnis haben, ob jemand die Vorgaben auch einhält. Es wird ein Ziel sein, dass wir dieses Instrument wohl noch häufiger einsetzen. Wir bewegen uns zwischen 20 und 50 Fällen pro Jahr.»

Im besten Fall führe diese zusätzliche Kontrolle dazu, dass die Jugendlichen wieder mehr Teil des Familienlebens daheim seien. Und das habe einen positiven Einfluss, so Riesen-Kupper.

Kontrolle allein reicht nicht

Auch Fachpsychologin Monika Egli Alge begrüsst den Einsatz von Electronic Monitoring: «Das hilft den Jugendlichen im Grunde, sich besser an die Regeln zu halten. Die Jugendlichen können mit dem Electronic Monitoring viel besser in ihr soziales Umfeld integriert bleiben. Und sie haben doch irgendwo das Wissen: Man kontrolliert mich.»

Fachleute sind sich aber einig: Kontrolle allein genügt nicht. Es brauche eine breite Palette von Massnahmen, um die seit fünf Jahren zunehmende Jugendgewalt in der Schweiz wieder in den Griff zu bekommen. Und das dürfe man nicht nur den Behörden überlassen.

Es brauche ein Engagement der ganzen Gesellschaft, der Schulen und Vereine und nicht zuletzt der Eltern – damit es nicht in Gewalt endet, wenn sich ihre Kinder langweilen.

Rendez-vous, 22.4.2021, 12:30 Uhr

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    So viele junge Leute hatten nie die Gelegenheit, sich selber kennenzulernen, etwas kreativ Sinnvolles mit sich selber anzufangen, Interessen zu entwickeln. Diese Langeweile kommt nicht von ungefähr! Wie sollen denn solche junge Menschen auf sinnvollere Beschäftigungen kommen, wenn ihnen von so vielen Eltern nichts anderes vorgelebt wird als dekadente Oberflächlichkeiten wie Konsum von Einwegklamotten bis Ballermann, Elektronik ua Süchte, unentwegte Gesellschaft und Abhängen mit anderen uvam
  • Kommentar von Maria Müller  (Mmueller)
    Naja: An all die "Dauerrufer", die Leute seien so oft "gewalttätig/homophob/frauenhassend/rassistisch":

    Dann beginnt eure "Sensibilisierungsermahnungen" doch bitteschön einmal bei all den "Gangstarappern" und Co.
    Komischerweise tut ihr das aber (fast) nie! Wohl halt, weil man eben nicht Leute aus dem Linksmilieu vergraulen möchte.

    Und bitte kommt jetzt nicht mit der Dauer-Ausrede, solche Texte seien nur "Kunst" und würden "nichts ausmachen".

    Doch. Offenbar schon. Wie man sieht.
  • Kommentar von Thomas Künzle  (TK02)
    Langeweile scheint bei den zuständigen Fachpersonen zu herrschen!
    Sozialpädagogen sind sowieso überfordert mit dieser Thematik.
    Die Schweiz wird zunehmend mit sozialen Problemen konfrontiert, ähnlich wie in den Banlieues Frankreichs.
    Mir wird übel, wenn ich von der Zunahme von dissoziativen Störungen Jugendlicher lese. Nur anhaltende extreme Gewalt führt zu dieser psychischen Störung.
    Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es mutige Fachleute braucht, die die Konfrontation nicht scheuen.
    1. Antwort von Maria Müller  (Mmueller)
      T. Künzle: Glauben Sie allen Ernstes, solch "mutige Fachleute" würden sich gross finden lassen?

      Wenn wirklich mal einer eine etwas härtere Linie fahren würde, dann würde er sofort vom Täter (bzw. dessen Entourage) juristisch belangt. Und wäre wohl noch seinen Job los.

      Und von polit. Seite würde er ebenfalls sofort (in den Rücken) "beschossen", das Vorgehen sei "viel zu hart."
      (Siehe Randale kürzlich in St. Gallen.)

      Da wird sich nicht viel ändern (Auch wenn Sie natürlich Recht haben.)