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Katastrophe in Crans-Montana «Warum habe ich überlebt und mein Freund neben mir nicht?»

Die Brandkatastrophe von Crans-Montana hat die Schweiz erschüttert. Besonders betroffen sind junge Menschen. Der Psychiatrie-Chefarzt Thomas Ihde erklärt, warum Social Media die Trauer erschwert, wieso Jugendliche die Gefahr filmten, und welche unsichtbaren Wunden bleiben.

Thomas Ihde

Psychiater

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Thomas Ihde ist Chefarzt der Psychiatrie an den Spitälern Frutigen, Meiringen und Interlaken.

SRF News: Was löst ein solches Unglück bei jungen Menschen aus?

Thomas Ihde: In erster Linie Überforderung. Durch die sozialen Medien ist man heute so nah dran, als wäre man selbst in der Bar gewesen. Man sieht die Videos, kennt die Namen der Opfer, ihre Geschichten. Früher gab es einen neutralen Zeitungsbericht, heute ist man mittendrin und erlebt alles hautnah mit. Das macht es enorm viel schwieriger.

Verarbeiten Jugendliche ein solches Unglück anders als Erwachsene?

Ja, sie reagieren emotionaler und stärker. Sie befinden sich in einer Lebensphase, in der die Gefühle sehr intensiv wahrgenommen werden. Für einen 15-Jährigen zählt das Hier und Jetzt, er hat noch nicht die Lebensperspektive eines älteren Menschen, um das Geschehene einzuordnen.

Wenn wir eine Situation durch den Bildschirm der Kamera betrachten, wirkt sie nicht ganz real.

Die Jugendlichen haben gefeiert, dann kam der Tod. Führt dieser krasse Kontrast zu Schuldgefühlen?

Ja, und das ist eine normale Reaktion. Die Überlebenden fragen sich: «Warum habe ich überlebt und mein Freund neben mir nicht?» Dieser extreme Kontrast, vom Feiern des Lebens zur Konfrontation mit dem Tod, macht die Situation so besonders betroffen.

Auf Videos der Katastrophe ist zu sehen, wie Leute ihre Handys zücken und filmen, während das Feuer an der Decke ausbricht und die Musik noch läuft. Wie erklären Sie sich dieses Verhalten?

Das hat heute fast etwas Instinktives. Wenn wir eine Situation durch den Bildschirm der Kamera betrachten, wirkt sie nicht ganz real. Es entsteht eine Distanz, die den Schrecken nimmt. Unsere lebensrettenden Reflexe wie Flucht oder Erstarren, setzen dadurch verzögert ein, weil das Gehirn nicht sofort zwischen einem Video und der unmittelbaren, realen Gefahr unterscheidet. Unsere Welt ist eine indirekte geworden, in der viele Erfahrungen nicht mehr unmittelbar mit allen Sinnen, sondern durch einen Bildschirm erlebt werden.

Menschenmenge in einem Club hebt Flaschen mit sprühenden Funken.
Legende: Während sich die Katastrophe anbahnt, filmen einige Leute die Geschehnisse. X

Spielt auch Gruppendynamik eine Rolle?

Absolut. In Ausnahmesituationen sind wir auf Orientierung von aussen angewiesen. Wenn man unsicher ist, schaut man, wie die anderen reagieren. Wenn die umstehenden Personen filmen und nicht fliehen, scheint die Gefahr geringer zu sein, und man macht das Gleiche.

Was bedeutet das Unglück für die Überlebenden?

Die psychischen Narben werden schwerer wiegen als die körperlichen. Für junge Menschen, für die Aussehen und Identität sehr wichtig sind, sind auch sichtbare Verletzungen wie Verbrennungen ein extrem schwieriges Thema. Aber die seelischen Wunden werden sie lange begleiten.

Das Gespräch führte David Karasek.

Tagesgespräch, 6.1.26, 13 Uhr ; 

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