«Ich stand kurz vor dem Zusammenbruch», sagt eine Betroffene gegenüber SRF. Sie konnte nach der Geburt ihres zweiten Kindes nicht mehr schlafen, spürte eine starke Unruhe und verlor ungewollt viel Gewicht. Gleichzeitig war sie für zwei kleine Kinder verantwortlich. «Es ging mir rasant schlechter», sagt sie rückblickend.
Die zweifache Mutter konnte sich dank der Unterstützung durch die Familie und durch medizinische Hilfe, welche ihr der Verein Periparto vermittelte, fangen. «Aber ich habe meine Arbeitsstelle verloren», ergänzt sie. Dass ihr Arbeitsverhältnis so enden würde, hätte sie nie gedacht.
Die Betroffene wollte wissen, ob sie mit dem Stellenverlust alleine war. Sie suchte Zahlen zum Zusammenhang von Wochenbett-Depressionen und Kündigungen. «Ich empfand es als interessant, dass es auch in den USA keine Daten gab», sagt sie. Zusammen mit dem Verein Periparto wurde eine Umfrage mit 300 Personen gestartet.
Bis zu ein Viertel kündigt selber, rund acht Prozent werden gekündigt.
Die Umfrage zeigt, dass bis zu ein Viertel der Betroffenen während der Schwangerschaft oder nach der Geburt des Kindes selbst kündigt, rund acht Prozent werden gekündigt.
«Die hohe Zahl ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass eine Kündigung während der Schwangerschaft und in den ersten 16 Wochen nach der Geburt in der Schweiz bei unbefristeten Arbeitsverträgen verboten ist», sagt Andrea Borzatta, Präsidentin des Vereins Periparto.
Um die Umfrage besser auszuwerten, entstand eine Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Ost. Diese ging noch einen Schritt weiter. «Wir wollten etwas Handfestes entwickeln», sagt Chiara Berger vom Institut für Innovation, Design und Engineering der FH Ost. «Deshalb haben wir Unternehmen zu Workshops eingeladen.»
Was ist für Unternehmen machbar?
Was ist machbar, das wollten die Forschenden von den Unternehmen wissen. In Workshops konfrontierten sie Vertreterinnen von Unternehmen mit den Wünschen von Betroffenen. Daraus erarbeitete die Fachhochschule vier Handlungsempfehlungen:
- Schulung und Sensibilisierung von Mitarbeitenden und Führungspersonal.
- Werdende Eltern und Vorgesetzte sollen in Kontakt bleiben und auch schon vor der Geburt offen über mögliche gesundheitliche Risiken reden.
- Im Unternehmen sollen klare Verantwortlichkeiten definiert werden.
- Die Unternehmen sollen flexibel bleiben. Das heisst zum Beispiel, einen gestaffelten Wiedereinstieg ermöglichen.
Allgemein brauche es eine Unternehmenskultur, welche die psychische Gesundheit aktiv anspreche und kein Stigma daraus mache, fasst die Studie zusammen.
Kosten als Argument
«Wir haben keine Ressourcen dafür», dieses Argument der Kosten hört Andrea Borzatta vom Verein Periparto häufig. Sie lässt es aber ungern gelten: «Es ist nie so einfach wie rund um eine Geburt, einer psychischen Erkrankung präventiv zu begegnen.»
Werdende Eltern seien oft in einem Alter, in welchem sie im Unternehmen Karriere machen und Verantwortung übernehmen. Sie zu unterstützen und psychische Krankheiten rund um die Geburt zu thematisieren, könne sich auszahlen, sagt Andrea Borzatta. Deshalb sei es wichtig, dass die Unternehmen Verantwortung übernehmen.
Das Interesse von Unternehmen an Workshops war laut der Fachhochschule Ost gross. Das zeige, dass viele Unternehmen bereit seien, in diese Thematik zu investieren, heisst es bei der FH Ost.