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Walliser Pflegeeltern fordern mehr Unterstützung und Anerkennung von den Behörden
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 18.09.2020.
abspielen. Laufzeit 01:43 Minuten.
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Kinderbetreuung Darum haben es Pflegeeltern im Wallis besonders schwer

Pflegeeltern im Kanton Wallis erhalten pro Tag gerade mal 45 Franken. Deshalb ist die Suche nach Pflegeeltern schwierig.

Es ist wahrlich keine einfache Aufgabe, ein Kind grosszuziehen. Pflegeeltern widmen sich Kindern, die nicht in ihrem eigenen Heim bleiben können. Sie geben ihnen ein Dach über dem Kopf, Essen und Zeit. Wie viel ist diese Zeit wert?

Im Kanton Wallis ist die Zeit vergleichsweise nicht sehr wertvoll. Gerade mal 45 Franken kriegt ein Pflegefamilie pro Tag für die Betreuung eines Kindes – inklusive Kost und Logis.

Die Schweiz ist ein Flickenteppich

In anderen Kantonen ist die Entschädigung meist höher, teilweise weniger. Allerdings haben die Kantone je nachdem auch andere Regelungen, was die Betreuung betrifft.

Teilweise bezahlt man mit dem Tagesansatz Kost und Logis der Kinder, teilweise ist darin zusätzlich auch die Betreuungsentschädigung enthalten.

«Ein interkantonaler Vergleich ist deshalb schwierig», so Karin Meierhofer, die Geschäftsleiterin der Pflege- und Adoptivkinder Schweiz (PACH). Ihre Organisation fordert schon lange Gleichbehandlung der Eltern. «Dennoch erachte ich die Walliser Entschädigung vergleichsweise als tief.»

Ein Beispiel

Marcellus Pillen lebt in Naters. Trotz kleinem Lohn bietet er zusammen mit seiner Partnerin einem Jugendlichen Platz: «Man kann den Teenager ja nicht einfach in eine Ecke stellen», so Pillen, ihn zu beschäftigten brauche Zeit und die müsse vergütet werden.

45 Franken sind eine Frechheit.
Autor: Marcellus PillenPflegevater

Seit 16 Jahren nimmt er Pflegekinder bei sich auf. Die meisten sind älter als 12 Jahre und bei den meisten liefen die ersten Lebensjahre ziemlich schief. Sie erlebten Missbrauch, Vernachlässigung oder Sucht.

Wer kümmert sich?

Im Oberwallis sind insgesamt 34 Familien bereit, sich um ein Pflegekind zu kümmern. «Diese Kinder brauchen Spezialbetreuung», sagt Nicole Carron. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins Pflegefamilien Oberwallis. Die mickrige Entschädigung verkenne die Realität. «Man betreut die Kinder natürlich gerne. Aber wenn man selbst Geld beisteuern muss, ist das nicht korrekt.» Dass Pflegeeltern ins eigene Portemonnaie greifen, das ist trotzdem üblich.

Zwei Jungs am Skaten.
Legende: Laut den Walliser Pflegeeltern sollen die Jugendlichen auch ein Hobby haben dürfen. Das müsse drinliegen finanziell. Keystone/Symbolbild

Pflegevater Marcellus Pillen gehts nicht ums Geld: «Es ist ein Beruf und eine Berufung.» Für ihn ist die Aufgabe als Pflegevater kein Hobby. Seine Partnerin arbeitet nicht mehr ausser Haus. Er selbst arbeitet in einem kleinen Teilzeitpensum. Nur so haben die beiden genügend Zeit für die Jugendlichen, die sie zum Teil für einige Wochen oder auch mehrere Monate bei sich aufnehmen.

Wie viele Pflegeeltern und -kinder gibt es?

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Es gibt nur Schätzungen, Link öffnet in einem neuen Fenster zur Anzahl Pflegefamilien und -Kindern. Zwischen 2015 und 2017 waren es rund 18'000-19'000 Kinder, die fremdplatziert wurden, davon lebten gut 4700-5800 in Pflegefamilien und 12‘000-14'200 in Kinder- und Jugendheimen.

Laut einem Grundlagenbericht, Link öffnet in einem neuen Fenster von Mitarbeiterinnen der Pflege- und Adoptivkinder Schweiz (PACH) und dem Fachverband für Sozial- und Sonderpädagogik Integras fehlen insbesondere nationale Zahlen.

«Ein nach wie vor grosses Manko in der Schweiz ist eine verlässliche, nationale Statistik. Es fehlen zuverlässige und regelmässig erhobene Zahlen zur Anzahl Pflegekinder und Anzahl Pflege-familien, zur Dauer und zu Arten der Platzierungen, zu Abbrüchen, Umplatzierungen und Rückplatzierungen.»

Die Oberwalliser Pflegefamilien haben sich zu einem Verein zusammengeschlossen. Sie sammeln Geld, damit sie ihren Pflegekindern ab und zu auch mal Musikunterricht oder Sporttraining ermöglichen können. Denn die Zusatzpauschale des Kantons reicht dafür nicht. Dazu kommt: Manchmal braucht es schnelle Anschaffungen, zum Beispiel einen Kindersitz fürs Auto. Auch da hilft das Geld, das der Verein sammelt.

Unterstützung gefordert

Pflegefamilien werden von Fachstellen begleitet. Sozialarbeiterinnen und -arbeiter sollen sich mehr mit den Familien austauschen, so die Forderung. Und die Pflegeeltern wollen ernst genommen werden.

Kinder beim Zmittag.
Legende: Je nach Alter der Kinder gibt es teilweise höhere Beiträge: Im Thurgau 10 Franken mehr täglich für Kinder über 5 Jahre. Keystone

«In einem Heim kosten die Jugendlichen rund 300 Franken», rechnet Nicole Carron zum Vergleich vor. Das sei ein Missverhältnis, «ein Heim ist keine Familie.»

Auch die nationale Organisation PACH fordert verbesserte Bedingungen: «Nur wenn die Bedingungen für Pflegeeltern ‹gut› sind, findet man auch geeignete und motivierte Pflegeeltern», so Karin Meierhofer.

Das sagen die Walliser Behörden

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Christophe Darbellay im Portrait.
Legende: Keystone

Christophe Darbellay ist der zuständiger Regierungsrat für die Pflegefamilien im Kanton Wallis. Er sieht keinen Handlungsbedarf: «Der Unmut ist nicht so gross, wie gesagt wird», so Darbellay. Das Milizsystem funktioniere: «Die Pflegeeltern betreuen aus Überzeugung.»

Mehr Pflegegeld führe zu einer Professionalisierung und damit auch dazu, dass die Eltern es plötzlich wegen des Geldes machen – als Beruf, nicht als Berufung. Das Geld soll nicht als Lohn verstanden werden.

Die Politik berät darüber

Das Kantonsparlament hatte vor kurzem einen Vorstoss auf dem Tisch, der die Überprüfung der Bedingungen für Pflegeeltern fordert. Insbesondere soll sichergestellt sein, dass die Pflegegeldentschädigung die Kosten der Familien ausreichend deckt. Das Parlament hat diesem Vorschlag diskussionslos zugestimmt. Jetzt ist die Walliser Regierung am Zug, sie muss den Vorstoss beantworten.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 18.9.2020, 06:31 / 17:30 Uhr

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    "Man kann nicht den Föifer und das Weggli haben"! Das gilt auch für Eltern, welche für ihre Kinder Pflege-Eltern-Personen suchen! Qualität hat seinen verdienten Preis! Das muss man sich überlegen, bevor Frau und Mann Kinder "produzieren"!
    1. Antwort von Walter Matzler  (wmatz)
      Das leidige ist, dass man im Unterleib kein Gehirn hat.
  • Kommentar von Beat. Mosimann  (AG)
    Kinder sind zur Nebensache geworden, die hat man einfach nebenbei, die Hauptsache wir funktionieren und zahlen STEUERN etc......?
    1. Antwort von Angela Nussbaumer  (Angela N.)
      Genau, Herr Mosimann. Wobei wir im Kanton Zug der Steuern sehr tiefe zu berappen haben. Das machen aber die die hiesigen exorbitanten Wohnkosten mehr als nur wett. Wir und die heutigen jungen Eltern sind es, welche die einzig sichere Kapitalanlage jener zu nähren gezwungen sind, die auf dem Finanzmarkt(platz) fett abgarnieren. Wer's nicht glaubt, schaue sich auf dem Zuger Wohnungsmarkt um. Da wird klar, weshalb beide Elternteile arbeiten gehen müssen und nicht nur wollen können.
  • Kommentar von Beat. Mosimann  (AG)
    Wieso soll für eine solche verantwortungsvolle gute Tat, nicht als Arbeit anerkannt werden? Sind Kinder nicht die Zukunft? Herr Darbellay, wissen sie wie viel Präsenzzeit ein Kind wirklich brauch, gerade das fremd zu Betreuende, will zuerst einmal Kennenlernphase , dann Vertrauensphase u. dann die Durchhaltephase um ein gezeichnete KinderSeele sorgfältig mit viel liebeZEIT aufzuwenden gild, für das Wohlwollen des Kindes ? Dass sollte uns die Kosten Wert sein Erziehungsarbeit,Familienpolitik
    1. Antwort von Walter Matzler  (wmatz)
      Eigentlich müsste Herr Darbellay etwas mehr wissen, wenn es um Kinder geht.