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Die Corona-Krise und die Menschen am Rande der Gesellschaft
Aus SRF 4 News aktuell vom 19.03.2020.
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Kneipe zu, die Sucht bleibt Wie Randständige in der Corona-Krise (über-)leben

Für die Schwächsten in der Gesellschaft ist ohnehin jeder Tag ein Kampf. Der Shutdown zieht ihnen das bisschen Boden unter den Füssen weg.

Homeoffice, Verzicht auf Freunde und Freizeitaktivitäten, Lagerkoller: Die Corona-Krise schränkt die Lebensgewohnheiten von uns allen ein. Doch was ist mit den Menschen, die in ihrer Sucht gefangen sind, die durch das soziale Netz gefallen sind, kaum familiären Rückhalt haben?

Die Lahmlegung des öffentlichen Lebens trifft die gesamte Gesellschaft. Besonders aber Randständige – Alkoholkranke, Drogensüchtige, Sozialfälle. Viele Dienstleistungen werden derzeit nicht mehr angeboten, Orte wie die Stammkneipe oder Anlaufstellen sind bereits zu, oder könnten bald geschlossen werden.

Die Randständigen reagieren sehr unterschiedlich auf die Krisensituation, sagt Rahel Gall von der Stiftung «Contact», die ambulante Lösungen für suchtkranke Menschen anbietet. «Manche schätzen die Gefahr realistisch ein, andere geraten in Panik und schliessen sich ein. Und eine relativ grosse Gruppe hat schlichtweg andere Sorgen.»

Bis jetzt kann «Contact» die meisten seiner Dienstleistungen aufrechterhalten, darunter einen geschützten Arbeitsplatz für 370 Menschen. Hygiene- und Abstandsregeln würden in den Einrichtungen so gut es geht eingehalten. «Es braucht Pragmatismus und viel Phantasie. Wir kleben zum Beispiel Abstandslinien auf den Boden.»

Obdachloser
Legende: Viele Normalbürger gehen nur noch nach Draussen, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen oder zu arbeiten. Randständige haben manchmal gar keine andere Wahl. Auch, um überhaupt sozialen Kontakt zu haben. Keystone

Viele Randständige sind älter oder aufgrund ihrer Sucht geschwächt. Für sie stellt das Coronavirus eine besondere Gefahr dar. Dem ist sich auch «Contact» bewusst. «Wer hustet, wird sofort separiert und je nachdem in Selbst-Quarantäne oder zum Testen geschickt. Wir wollen in unseren Betrieben möglichst Ansteckungsketten verhindern», sagt Gall.

Wenn wir die «Fixerstübli» schliessen müssen, ist mit einer Szenenbildung von Dealern und Konsumenten auf der Strasse oder öffentlichen Plätzen zu rechnen.
Autor: Rahel GallGeschäftsleiterin von «Contact»

Sollten «Contact»-Einrichtungen geschlossen werden, könnte das dramatische Folgen für die Betroffenen haben. «Für die Suchtkranken, die bei uns arbeiten, ist diese Arbeit häufig der einzige soziale Kontakt. Viele haben keine Freunde und kein Familiensystem», so die «Contact»-Geschäftsleiterin. «Wenn sie nicht mehr zur Arbeit kommen können, fällt ihnen der Boden unter den Füssen weg.»

Suchtkranken droht soziale Isolation

Auch für Menschen am Rande der Gesellschaft gilt: Distanzhalten, Hygieneregeln befolgen, also Eigenverantwortung. Wer aber nicht mehr in seine Stammkneipe kann, der droht zuhause zu vereinsamen.

Die Alternative: Randständige treffen sich im öffentlichen Raum – alles andere als eine lehrbuchmässige Umsetzung der Verhaltensregeln des Bundesamts für Gesundheit. Das weiss auch Gall. «Diese Menschen sind aber manchmal nicht in der Lage, sich total an die Vorgaben und Regeln zu halten.»

Drogensüchtiger 1979
Legende: Bilder, die sich niemand zurückwünscht. Die Fixerstuben in Schweizer Städten haben geholfen, Suchtkranke unter dem Grundsatz «Gesundheit statt Ausgrenzung» zu begleiten. In der Corona-Krise droht ein Comeback offener Drogenszenen. Keystone

Deswegen will «Contact» unbedingt seine Kontakt- und Anlaufstellen offen halten, wo Süchtige unter hygienischen Bedingungen Drogen konsumieren können – also die «Fixerstübli», wie es sie in vielen Schweizer Städten gibt. «Wenn wir diese schliessen müssen, ist mit einer Szenenbildung von Dealern und Konsumenten auf der Strasse oder öffentlichen Plätzen zu rechnen.»

Schliesslich will Gall auch alles dafür tun, dass das Personal in den Einrichtungen geschützt wird. Auch sie seien mitunter besonders durch das Coronavirus gefährdet und hätten Angehörige, die geschützt werden müssten. «Und ohne unsere Mitarbeitenden können wir auch unsere Betriebe nicht aufrechterhalten.»

SRF 4 News, 19.03.2020, 10:17 Uhr; imhm

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Marina Gschwind Grieder  (mgschwindgrieder)
    • "Soziale Einrichtungen: Beispielsweise Angebote für behinderte Menschen, Anlaufstellen für Obdachlose oder Menschen mit Suchtproblemen und Invalideneinrichtungen (Wohnheime, Tagesstätten und Werkstätten) dürfen offen sein."
    Das las ich gestern irgendwo im grossen Wald der Informationen. War wohl eine Pressekonferenz. Wussten die SRF das nicht als der Bericht über die geschlossenen Anlaufstellen berichteten?
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    1. Antwort von Emely Gökcebagoglu  (Emely4)
      Tagesstätte und Atelier sind in unserer instituion zu. Ansteckungsgefahr, Grupper von mehr als 15personen sind nicht Erlaubt. Schon vergessen? Risiko personen müssen zuhause bleiben. Also bei uns auf der Wg sind fast alle durchgehend im Zimmer oder auf dem Balkon mit abstand
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  • Kommentar von Gabriella Itin  (Salat)
    Es braucht dies unbedingt Hilfe für Randständige. Weshalb werden Sie so Speziell erwähnt ? Sie haben die gleiche rechte um Hilfe zu erhalten wie alle . Wir sind alle in einem Boot und niemand sollte warum auch immer mehr oder weniger Wert sein. Wenn man zu Flüchtlinge und Asyl suchende schaut, muss man auch zu den eigenen Leuten schauen. Warum nicht zusammen unterbringen ? Urteilen tut man oft zu schnell. Wer weiss vielleicht ist man selbst in einem Jahr warum auch immer auf der Strasse.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    So leid es mir tut, aber die Gesundheit des Betreuungspersonals geht vor. Geschwächte Personen werden im ernstesten Fall triagiert - Italien macht das ja bereits. Dass sie sich an Vorgaben nicht halten können, ist klar, aber das Risiko sollte trotzdem bei ihnen bleiben. Soziale Isolation ist für Normalos auch ganz schlimm, vergessen wir dabei nicht das immer grösser werdendes Problem der Vereinsamung, Verwahrlosung - das schwächt auch das Psyche und somit die Überlebenschancen.
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    1. Antwort von Alfons Bauer  (frustriert)
      Wer in seiner Wohnung oder seinem Haus mit Internetanschluss über Einsamkeit jammert, hat keine Ahnung vom Leben.
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