Das Wetter ist stürmisch im Badi-Kiosk von Malou und Aylin. Die beiden Kinder verkaufen Muffins mit Erdbeer- oder Vanilleglasur. Als Muffins dienen Holzstücke, die Glasur wird in Form von Stofftüchern auf die Hölzer gelegt. Am Stoff-Telefon nehmen sie die Bestellungen der Gäste auf.
Normalerweise würden die Mädchen in ihrem Kindergarten in Kaiseraugst AG für ihren Badi-Kiosk wohl die Spielzeugküche nutzen und bemalte Holz-Muffins verkaufen. Doch alle diese Spielsachen sind gerade «in den Ferien». Während dreier Monate verzichten die Kinder auf jegliche klassischen Spielsachen.
Puzzles, Murmelbahnen, Brettspiele, Puppen und sogar Stifte und Malsachen werden in Kisten verpackt und weggestellt. Was bleibt, ist Material, das auf zig verschiedene Arten genutzt werden kann. Dazu gehören Tücher, Körbe, Seile oder auch Regale und Stühle.
Kreatives Spielen als Suchtprävention
Vor dreissig Jahren gab es in Solothurn den ersten spielzeugfreien Kindergarten der Schweiz. Im Aargau koordiniert die Suchtprävention die Durchführung seit über zwanzig Jahren. Auch andere Kantone kennen die spielzeugfreie Zeit. Diese Zeit soll Kreativität, Kommunikation, Konfliktfähigkeit und Selbstständigkeit fördern, was als Schutzfaktoren gegen späteren Suchtmittelkonsum oder Verhaltenssüchte wirkt.
In der Langeweile entsteht Kreativität.
Der Umgang mit Langeweile sei eine wichtige Kompetenz, sagt Marc Bachofen, Projektleiter bei der Aargauer Suchtprävention. «In diesem Setting müssen die Kinder lernen, Langeweile auszuhalten», sagt Bachofen. «In dieser Langeweile entsteht dann plötzlich Kreativität und die Ideen spriessen.»
Im Aargau werden Kurse angeboten, die den Lehrpersonen den Einstieg in das Projekt erleichtern. Schon mehrere hundert Personen haben diese laut Bachofen bisher besucht.
Positive Rückmeldungen der Eltern
Man sehe auch zu Hause kleine Auswirkungen, erzählt Aina Häfliger, die ihre Tochter Aylin im Kindergarten besucht. «Aylin sammelt zu Hause mehr Nüsse und Steine und bezieht sie ins Spiel ein.» Häfliger kann sich vorstellen, auch zu Hause die Spielsachen ab und zu in die Ferien zu schicken.
Nicht nur für die Kinder ändert sich der Alltag in der spielzeugfreien Zeit, sondern auch für die Lehrpersonen. «Ich weiss nie, was mich am Tag erwartet», sagt die Kindergärtnerin Christina Halada. Ihren klassischen Hut als Leiterin trägt sie im Moment nicht. «Jetzt bin ich Beobachterin und greife nur ein, wenn die Kinder Unterstützung brauchen oder Regeln nicht einhalten.»
Kinder müssen Konflikte selbst lösen
Wenn die Kinder ein Problem nicht lösen können, gibt es eine Gruppenkonferenz. Noemi hat eine solche einberufen. Ihr wurde das Geld – in Form von Kastanien und Knöpfen – gestohlen. Die Kinder schlagen vor, das Geld gerecht aufzuteilen. Doch das gestohlene Geld bleibt verschwunden. Stefano gibt Noemi schlussendlich sein «Geld». Mit dieser Lösung sind alle zufrieden, der Konflikt ist gelöst.
Die Kinder scheinen sich wohlzufühlen ohne die sonst so geliebten Spielzeuge. Das zeigt sich in der Abschlussrunde des Morgens, bei der die Kinder erzählen, wie es ihnen gerade geht.
Noch mindestens bis zu den Frühlingsferien bleiben die Spielsachen im Kindergarten in Kaiseraugst im Keller respektive in den Ferien.