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Kreativität fördern Kindergartenkinder spielen – ganz ohne Spielzeug

Im Rahmen eines Projekts der Aargauer Suchtprävention verzichten Kindergärten für rund drei Monate auf jegliches Spielzeug. So sollen Kinder unter anderem lernen, Konflikte gemeinsam zu lösen und mit ihren Emotionen besser umzugehen.

Das Wetter ist stürmisch im Badi-Kiosk von Malou und Aylin. Die beiden Kinder verkaufen Muffins mit Erdbeer- oder Vanilleglasur. Als Muffins dienen Holzstücke, die Glasur wird in Form von Stofftüchern auf die Hölzer gelegt. Am Stoff-Telefon nehmen sie die Bestellungen der Gäste auf.

2 Kinder spielen mit Stoffstücken.
Legende: Ein Telefongespräch unter Freundinnen. Im spielzeugfreien Kindergarten funktioniert das anders als gewohnt. SRF

Normalerweise würden die Mädchen in ihrem Kindergarten in Kaiseraugst AG für ihren Badi-Kiosk wohl die Spielzeugküche nutzen und bemalte Holz-Muffins verkaufen. Doch alle diese Spielsachen sind gerade «in den Ferien». Während dreier Monate verzichten die Kinder auf jegliche klassischen Spielsachen.

Forschung zu spielzeugfreier Zeit

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Die Pädagogische Hochschule Zürich hat untersucht, wie sich der spielzeugfreie Kindergarten auf die Kinder auswirkt.

Der Fokus lag dabei laut Studienleiter Roger Keller auf verschiedenen Lebenskompetenzen: «Wir schauten, ob die Kinder nach dem Projekt besser Konflikte lösen oder mit negativen Emotionen umgehen konnten.»

Dabei konnte die Studie positive Effekte nachweisen: «Die Effekte waren zwar klein, doch durchaus beachtlich für die kurze Zeit.» Laut Keller sei das Ganze stark von den Lehrpersonen abhängig. «Die Effekte waren dort am grössten, wo die Lehrpersonen sich von den Ideen der Kinder leiten liessen und die Kinder dazu anregten, kreativ zu sein.»

Puzzles, Murmelbahnen, Brettspiele, Puppen und sogar Stifte und Malsachen werden in Kisten verpackt und weggestellt. Was bleibt, ist Material, das auf zig verschiedene Arten genutzt werden kann. Dazu gehören Tücher, Körbe, Seile oder auch Regale und Stühle.

Kreatives Spielen als Suchtprävention

Vor dreissig Jahren gab es in Solothurn den ersten spielzeugfreien Kindergarten der Schweiz. Im Aargau koordiniert die Suchtprävention die Durchführung seit über zwanzig Jahren. Auch andere Kantone kennen die spielzeugfreie Zeit. Diese Zeit soll Kreativität, Kommunikation, Konfliktfähigkeit und Selbstständigkeit fördern, was als Schutzfaktoren gegen späteren Suchtmittelkonsum oder Verhaltenssüchte wirkt.

In der Langeweile entsteht Kreativität.
Autor: Marc Bachofen Projektleiter Spielzeugfrei, Suchtprävention Aargau

Der Umgang mit Langeweile sei eine wichtige Kompetenz, sagt Marc Bachofen, Projektleiter bei der Aargauer Suchtprävention. «In diesem Setting müssen die Kinder lernen, Langeweile auszuhalten», sagt Bachofen. «In dieser Langeweile entsteht dann plötzlich Kreativität und die Ideen spriessen.»

Kinder und Erzieherin beim Spielen in einem Klassenzimmer.
Legende: Das grosse Projekt der Kinder an diesem Tag: Aus Tischen und Tüchern entsteht eine Höhle. SRF/Schweiz Aktuell

Im Aargau werden Kurse angeboten, die den Lehrpersonen den Einstieg in das Projekt erleichtern. Schon mehrere hundert Personen haben diese laut Bachofen bisher besucht.

Positive Rückmeldungen der Eltern

Man sehe auch zu Hause kleine Auswirkungen, erzählt Aina Häfliger, die ihre Tochter Aylin im Kindergarten besucht. «Aylin sammelt zu Hause mehr Nüsse und Steine und bezieht sie ins Spiel ein.» Häfliger kann sich vorstellen, auch zu Hause die Spielsachen ab und zu in die Ferien zu schicken.

Eine Mutter spielt mit 2 Kindern.
Legende: Mutter Aina Häfliger begrüsst das Konzept. Zu Beginn habe die Tochter noch häufig von den Spielzeugen erzählt, die in die Ferien gehen. Nun sei es kein Thema mehr. SRF

Nicht nur für die Kinder ändert sich der Alltag in der spielzeugfreien Zeit, sondern auch für die Lehrpersonen. «Ich weiss nie, was mich am Tag erwartet», sagt die Kindergärtnerin Christina Halada. Ihren klassischen Hut als Leiterin trägt sie im Moment nicht. «Jetzt bin ich Beobachterin und greife nur ein, wenn die Kinder Unterstützung brauchen oder Regeln nicht einhalten.»

Kinder müssen Konflikte selbst lösen

Wenn die Kinder ein Problem nicht lösen können, gibt es eine Gruppenkonferenz. Noemi hat eine solche einberufen. Ihr wurde das Geld – in Form von Kastanien und Knöpfen – gestohlen. Die Kinder schlagen vor, das Geld gerecht aufzuteilen. Doch das gestohlene Geld bleibt verschwunden. Stefano gibt Noemi schlussendlich sein «Geld». Mit dieser Lösung sind alle zufrieden, der Konflikt ist gelöst.

Kinder sitzen im Kreis.
Legende: Um eine Konferenz einzuberufen, sitzt das Kind, das ein Problem hat, auf den blauen Stuhl und läutet die Glocke. Gemeinsam müssen die Kinder dann eine Lösung finden. SRF

Die Kinder scheinen sich wohlzufühlen ohne die sonst so geliebten Spielzeuge. Das zeigt sich in der Abschlussrunde des Morgens, bei der die Kinder erzählen, wie es ihnen gerade geht.

Kinder sitzen im Kreis.
Legende: Am Ende des Morgens können die Kinder ihre Gefühle beschreiben. Fast allen geht es gut und sie fühlen sich wohl. SRF

Noch mindestens bis zu den Frühlingsferien bleiben die Spielsachen im Kindergarten in Kaiseraugst im Keller respektive in den Ferien.

Schweiz Aktuell, 30.3.2026, 19 Uhr ; 

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