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Schweiz debattiert anders über die Kosten der Krise
Aus SRF 4 News aktuell vom 13.11.2020.
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Kritik an Corona-Strategie Was hält das Ausland von der Schweizer Corona-Strategie?

Weshalb die Schweiz zu einem europäischen Hotspot der Corona-Pandemie geworden ist, interessiert die Menschen über die Landesgrenzen hinaus. Der Schweizer Historiker und Politikwissenschafter Joseph de Weck hat darüber vergangene Woche einen viel beachteten Artikel im renommierten US-Magazin «Foreign Policy», Link öffnet in einem neuen Fenster geschrieben. Er geht davon aus, dass Aussagen wie jene von Ueli Maurer in Frankreich zu einem Rücktritt führen würden.

Joseph de Weck

Joseph de Weck

Historiker und Politikwissenschaftler

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Der Schweizer Historiker und Politikwissenschaftler Joseph de Weck schreibt unter anderem für das deutsche Magazin «Internationale Politik Quarterly». Er lebt in Paris.

SRF News: Ihr Artikel ist aktuell einer der meistgelesenen im Magazin «Foreign Policy». Könnte das auch mit dem etwas reisserischen Titel «Switzerland Is Choosing Austerity Over Life» – also sinngemäss «Die Schweiz stellt Sparsamkeit vor Menschenleben» – zu tun haben?

Joseph de Weck: Bei amerikanischen Magazinen ist der Titel in der Kompetenz des Herausgebers. Darauf habe ich keinen Einfluss. Er ist natürlich ein bisschen provokant, aber er bringt die Sache schon auf den Punkt. In der Schweiz führt man diese Debatte über die Kosten der Krise. Doch diese Debatte führt man in anderen Ländern – in Frankreich oder Deutschland – nicht in diesem Sinne.

Wie unterscheidet sich die Debatte in Frankreich von jener in der Schweiz?

Ursprünglich waren die Unterschiede nicht wahnsinnig gross. Die Schweiz hat den Sommer über das Land wieder geöffnet. Frankreich und Deutschland auch, die Schweiz einfach viel aggressiver. Die Strategie in Paris und Berlin war, dass man die Zahlen etwas ansteigen lässt und dann eine Balance herstellt zwischen einer Öffnung des öffentlichen Lebens und gleichzeitig einer erhöhten Zahl von Infizierten, die dann irgendwann stabil werden sollte.

Für die Schweiz ist es vollkommen in Ordnung, eine Debatte über eine vermeintliche Güterabwägung zwischen Gesundheit und Geld zu führen.

Der Unterschied zur Schweiz ist, dass die Franzosen und die Deutschen irgendwann kapiert haben, dass sie es nicht hinkriegen, die Zahlen stabil zu halten, sondern dass sie dabei sind, in eine exponentielle Steigerung hinein schlafzuwandeln. Dann haben sie einen Kurswechsel vollzogen.

Das war schwierig, denn für die Politiker ist das immer auch ein Eingeständnis ihres eigenen Scheiterns. Aber sie haben es getan, denn wenn man so weitermacht, bringt man die Kapazitäten im Gesundheitssektor an die Grenzen und überträgt ihnen die Verantwortung über Leben und Tod. In der Schweiz hat man diesen Wechsel später, wenn überhaupt, vollzogen.

Worauf führen Sie es zurück, dass die Schweiz zögerlicher unterwegs ist?

Ich verwende immer dieses Beispiel von dem Satz von Herrn Ueli Maurer, dass die Schweiz sich keinen zweiten Lockdown leisten könne. Wenn man diesen Satz einem Franzosen erklärt, erntet man nur Kopfschütteln. Wenn ein französischer Minister so einen Satz sagen würde, müsste er sehr wahrscheinlich ein paar Stunden später zurücktreten. Aber er zeigt, dass es für die Schweiz vollkommen in Ordnung ist, eine Debatte über eine vermeintliche Güterabwägung zwischen Gesundheit und Geld zu führen.

Die Frage ist nicht, ob sich die Schweiz das leisten kann, sondern ob sie sich das leisten will.

Der Satz ist zudem erstaunlich, weil er inhaltlich einfach falsch ist. Die Zinsen auf Schweizer Staatsanleihen sind im negativen Bereich. Die Finanzmärkte sind sogar bereit, der Schweiz Geld zu zahlen, damit sie sich verschuldet. Der Schuldenstand des Bundes liegt bei 40 Prozent. Das ist für eine entwickelte Wirtschaft extrem tief. Die Frage ist nicht, ob sich die Schweiz das leisten kann, sondern ob sie sich das leisten will. In Frankreich ist es klar, dass es die Aufgabe des Staates sein muss, das Leben der Bürger zu schützen, und dass Überlegungen zum Staatshaushalt in so einer Krise nachrangig sind.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

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SRF 4 News, 13.11.2020, 06:15 Uhr;

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143 Kommentare

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  • Kommentar von Raphael Brönnimann  (Raphael Broennimann)
    Persönlich finde ich den Weg welcher die Schweiz geht gut. Ich vertraue unserem Bundesrat. Grössere Beschränkungen Schaden vorallem unserem Wohlstand. Was nützt es alles Gesunde Menschen zu haben aber dafür hat keiner mehr ein Dach über dem Kopf? Die Balance zwischen Wirtschaft und Gesundheit hat der Bundesrat gefunden. Zumindest bis jetzt. Hoffen wir es bleibt so.
  • Kommentar von Helen Gersbach  (Soliris)
    Ich bin auch der Meinung, dass die Entscheidungsträger gravierende Fehler gemacht haben. Während des Sommers wurde ständig betont, dass die Lage unter Kontrolle sei. Die Massnahmen wurden weiter gelockert. Aeorosole waren kaum Thema. Die Bevölkerung hat sich zu sehr in Sicherheit gewogen. Die Zahlen stiegen über längere Zeit kontinuierlich an. Gehandelt wurde erst als die Lage ausser Kontrolle war. Gespart wird nicht, jedoch werden die Gesundheit und das Gesundheitswesen extremst strapaziert.
    1. Antwort von Thomas Schmid  (Hand und Fuss)
      Dem stimme ich zu. Die Kurven seit Frühjahr noch einmal anzusehen, ist aufschlussreich. Man erinnert sich, wie man sich im Sommer wunderte, dass immer weiter bis zum kompletten Normalzustand geöffnet wurde, obwohl es erstmals wieder steigende Zahlen gab.
  • Kommentar von Beno Trütsch  (benotruetsch)
    Meiner Meinung nach hat die Schweiz in der zweiten Welle versagt. Entweder man führt schnell und griffige Massnahmen ein sobald die Kurve nach oben geht oder man lässt es ganz bleiben. Der Wirtschaft ist aktuell mit den halbgaren Massnahmen nicht wirklich geholfen. Wegen der hohen Fallzah