Christoph Jeckelmann Imhof blickt für einen Moment aus dem Zugfenster und nimmt jedes Detail wahr. «Oh schau, da hinten ging eine Lawine runter», sagt er plötzlich.
Er bemerkt es mitten im Gespräch über seine Arbeit, fast nebenbei. Der Geologe ist bei der Matterhorn Gotthard Bahn verantwortlich für den Umgang mit Naturgefahren. Davon erzählt er bei einer Fahrt von Brig VS nach Andermatt UR.
Von der eben entdeckten Lawine blieb das Gleis verschont. Das ist nicht immer so. Die Matterhorn Gotthard Bahn musste diesen Winter mehrfach Streckenabschnitte schliessen.
«Es ist eine Gratwanderung. Zum einen haben wir den Auftrag, Personen zu transportieren. Zum anderen hat die Sicherheit oberste Priorität», sagt der Geologe.
«Ein Grossteil unserer 144 Streckenkilometer verläuft durch Berggebiet. Im Winter besteht vielerorts Lawinengefahr», führt Christoph Jeckelmann Imhof weiter aus, während die noch immer verschneiten Hänge vor dem Fenster vorbeiziehen.
Mitte Februar stieg die Lawinengefahr im Alpenraum nach starkem Schneefall schlagartig an. Auf einem trotzdem offenen Streckenabschnitt im Mattertal traf eine Lawine einen Zug der Matterhorn Gotthard Bahn. Verletzt wurde niemand, aber die Reisenden mussten evakuiert werden. Man könne nicht jeden Lawinenzug und jeden Felsen einzeln überwachen, sagt Christoph Jeckelmann Imhof, aber die Überwachung werde besser.
Tiere, die Steine anstossen, und Murgänge
Schmilzt der Schnee und wird es frühlingshafter, steigt die Gefahr von Steinschlägen. Christoph Jeckelmann Imhof achtet während der Fahrt auch auf Stellen, wo potenziell grössere Blöcke herunterfallen könnten.
Er zeigt auf eine unspektakuläre Böschung. «Hier zum Beispiel gibt es keinen überhängenden Fels. Trotzdem ist es wichtig, dass wir auch sie beobachten», sagt er. «Hirsche oder Gämsen können im Vorbeigehen Material loslösen. Das kann genauso zu einer Zugentgleisung führen wie ein grosser Murgang.»
Murgänge sind eine weitere Naturgefahr auf der Strecke. «Überall, wo es Gräben an den Bergflanken gibt, besteht ein Risiko», sagt der Geologe. Bei Starkregen kann sich aus den Gräben eine Mischung aus Schlamm und Geröll bis zu den Bahngleisen schieben.
Ein Netz aus Sicherheitsmassnahmen
Den Naturgefahren begegne die Matterhorn Gotthard Bahn mit einem national erprobten Konzept. «Beim sogenannten integralen Risikomanagement geht es darum, alle Aspekte anzuschauen», sagt Jeckelmann Imhof.
Dieses Sicherheitsprogramm geht vom Erkennen der Risiken über Verbauungen und Schutzwälder bis hin zu Überwachungssystemen für Felswände oder Lawinengebiete. «Geht eine Lawine ab, sperrt es die Strecke automatisch.» Zudem arbeite die Bahn mit lokalen Naturgefahrenbeobachtern zusammen, die potenzielle Lawinen oder Steinschläge melden.
Steigt das Risiko stark, geht Christoph Jeckelmann Imhof selbst vor Ort. «Dann beurteilen wir zusammen mit der zuständigen Kantonsbehörde, ob die Lage noch sicher genug ist.» Ist sie das nicht, wird der Betrieb eingestellt. Gibt es eine offene Strasse, organisiert die Matterhorn Gotthard Bahn den Ersatzverkehr per Bus.
In der Walliser Gemeinde Oberwald verlässt Christoph Jeckelmann Imhof den Zug. Seine nächste Aufgabe sei es, ein Lawinenwarnsystem zu inspizieren. Die grossen Schneefälle sind für dieses Jahr wohl vorbei. Die Arbeit, um die Risiken von Naturgefahren klein zu halten, geht weiter.