Moralische Unterstützung von Türken in der Schweiz

Zwar hat der türkische Premier Erdogan neuerdings versöhnlichere Töne angestimmt. Trotzdem beschäftigt der Aufruhr in der alten Heimat auch die Türken in der Schweiz. Einige von ihnen versuchen von hier aus, die Protestbewegung zu unterstützen.

Türkisch-stämmige Menschen gehen in Genf auf die Strasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Türkisch-stämmige Menschen demonstrieren in Genf mit Plakaten auf denen steht «Genf ist mit Dir». Keystone

Was in den letzten zwei Wochen in der Türkei passiert ist, macht Derya Sahin sichtlich betroffen. Denn ihr Herz schlägt klar für die Protestbewegung. «Dass die Polizei mit solch vehementer Gewalt gegen Demonstranten vorgeht – das ist Folter. Da werden Leute umgebracht. Das ist unglaublich. Wir leben im 21. Jahrhundert, und es passieren in einem Land wie der Türkei noch solche Sachen.»

Die 24-Jährige sitzt in einem Strassencafé in Basel, in der Nähe der Universitätsbibliothek. Doch ihre Gedanken sind bei den Demonstranten in der Türkei. Bei den Umweltschützern, die nicht wollen, dass die Bäume im Gezi-Park gefällt werden, bei den Menschenrechts-Aktivisten, bei den Studenten. «Ich finde alle die Leute, die sich gegen die Regierung wehren, einfach nur stark.»

Diese Leute irgendwie unterstützen: Das wollen auch junge türkisch-stämmige Menschen, die in der Schweiz aufgewachsen sind und hier leben. Derya Sahin hat in Basel Solidaritäts-Demonstrationen mitorganisiert. Die angehende Juristin, die auch in der SP politisch aktiv ist, hat die Bewilligungsgesuche für die Kundgebungen verfasst, Kontakte geknüpft, Freunde und Bekannte zur Teilnahme an der Demo motiviert.

Mut zusprechen über Soziale Medien

Eine wichtige Rolle spielen auch die Sozialen Medien. Diese nutzt auch der 37jährige Serdal Suna, um Informationen und Videos von den Demonstrationen in der Türkei weiterzuverbreiten. «Ich poste Sachen auf Facebook, poste andere Beiträge weiter, spreche Mut zu. Ich gehe mit der Bewegung mit. Es ist ja eine Bewegung, die sich auch durch Facebook entwickelt hat, und da findet sie neben der Strasse auch statt.»

Alle wissen: Die Möglichkeiten, der türkischen Protestbewegung von der Schweiz aus zu helfen, sind begrenzt. Trotzdem sei es wichtig, die Demonstranten wenigstens moralisch zu unterstützen, sagen deren Sympathisanten in der Schweiz.

Richtige Informationen verbreiten

Gleichzeitig versuche man, die Schweizer Politik und Öffentlichkeit aufzurütteln. Das ist auch das Ziel des jungen Politikwissenschaftlers Can Büyükbay, der in der Türkei aufgewachsen ist, aber seit sechs Jahren in der Schweiz lebt. «Ich wollte unsere Bewegung von hier aus unterstützen. Für uns war es enorm wichtig, internationale Medien richtig zu informieren. Ich habe mit zwei verschiedenen Journalisten gesprochen. Und ich möchte richtige Informationen geben.»

Er macht Öffentlichkeitsarbeit und übersetzt Texte der türkischen Protestbewegung auf Deutsch, um sie im Internet zu publizieren und hiesigen Medien zukommen zu lassen.

Büyükbay war bei Ausbruch der Proteste zufällig in Istanbul und hat vier Tage lang mitdemonstriert, bevor er in die Schweiz zurückkehrte. Er anerkannt zwar, dass Premierminister Erdogan am Anfang seiner Amtszeit auch ein paar richtige Entscheide getroffen habe, zum Beispiel als er das Militär entmachtet habe.

Aber in den letzten Jahren sei der islamisch-konservative Regierungschef immer autoritärer und selbstherrlicher geworden. Man habe gesehen, «dass er eine andere Absicht hat, dass er wirklich keine Demokratie will, und sie nur als ein Mittel benutzt».

Protestbewegung weiter unterstützen

Letzte Nacht hat sich Premierminister Erdogan erstmals mit Vertretern der Protestbewegung getroffen. Ob die türkische Regierung jetzt einlenkt? Da bleiben viele skeptisch. Man müsse die Protestbewegung weiter unterstützen, sonst herrsche bald wieder die alte, autoritäre Politik, meinen auch die Sympathisanten in der Schweiz, bei denen es sich zumeist um gut ausbildete junge Menschen mit Wurzeln in der Türkei handelt.

Einige von ihnen sind in den letzten Wochen sogar nach Istanbul gereist, um vor Ort mitzudemonstrieren. Dabei sind auch ein paar Bekannte von Derya Sahin. Die Studentin, die an der Uni Basel gerade ihre Abschlussarbeit schreibt, wäre zu gerne an ihrer Seite. «Ich würde am liebsten jetzt grad noch in Taksim sein. Emotional bin ich ziemlich betroffen… Es ist leider im Moment nicht möglich wegen dem Studium, aber vielleicht finde ich doch noch eine Möglichkeit paar Tage hinzureisen. Das ist nicht ausgeschlossen.»

(basn;snep)