Die nationale Austauschinitiative Movetia fördert den sprachlichen Austausch – während der Schulzeit und neu auch in der Berufsbildung. Lernende können erstmals ein Kurzpraktikum von zwei bis fünf Tagen im Tessin absolvieren.
Da Italienisch in der Deutschschweiz neben dem obligatorischen Französischunterricht wenig Gewicht hat, sind solche Austausche bisher selten. Der Automatiker-Lehrling Ethan Luzzi aus Bellinzona und José Hunger, angehender Detailhandelsfachmann im öffentlichen Verkehr in Sargans, nehmen am Austausch teil. Das Ziel: Erfahrungen sammeln und andere Arbeitswelten kennenlernen.
Neugier zählt vor Sprache
Ethan wirkt noch etwas verloren, als er an diesem Morgen im Berufsbildungszentrum Login in Zürich-Altstetten eintrifft. Der Automatiker-Lehrling im zweiten Ausbildungsjahr arbeitet normalerweise in der Ausbildungsstätte in Bellinzona. Nach der Vorstellungsrunde auf Deutsch sagt er auf Italienisch: «In einer anderen Sprache zu arbeiten, ist schwierig. Aber zum Glück gibt es jemanden, der Italienisch spricht und mir alles erklären kann.»
Es braucht Mut, in einer anderen Sprache Fragen zu stellen. Wenn sie das schaffen, haben wir viel erreicht.
Nicht die Sprachkenntnisse allein zählten, sagt Andreas Bachmann, Leiter des Bildungszentrums Login in Altstetten: «Wichtig ist, sich früh mit anderen Regionen zu vernetzen – das motiviert, über den Tellerrand hinauszuschauen und sich neuen Herausforderungen zu stellen.» Natürlich sei es auch sprachlich eine wertvolle Erfahrung, ergänzt er, doch der Wille sei entscheidend: «Es braucht Mut, in einer anderen Sprache Fragen zu stellen. Wenn sie das schaffen, haben wir viel erreicht.»
Motivieren für mehr
José Hunger ist im dritten Lehrjahr und angehender Detailhandelsfachmann aus Sargans. Schon länger habe er mit dem Gedanken gespielt, Erfahrungen im Tessin zu sammeln, sich aber bisher nicht getraut. Nun sitzt er für zwei Tage am Schalter des Reisezentrums am Bahnhof Lugano. Zwar sei die Arbeit dieselbe, aber eben auf Italienisch: «Ich war etwas nervös, aber bis jetzt ist es gut gegangen. Ich wollte schon immer im Tessin arbeiten. Die Leute sind offen, ich wurde gut aufgenommen.»
Massimo Camponovo, Leiter des SBB-Reisezentrums, will mit dem Austausch Lust auf mehr wecken: «Wir möchten, dass sie eine gute Erfahrung machen und sich in Zukunft irgendwann auf eine solche Stelle im Tessin bewerben.» José Hunger gefällt es. Nach dieser ersten Erfahrung würde er gerne einen längeren Austausch im Tessin machen.
Ethan Luzzi wie auch José Hunger sammeln persönliche Erfahrungen in diesem Austausch. Noch bieten erst wenige Branchen solche Kurzaustausche für Lehrlinge an – etwa die Berufsbildung Login im öffentlichen Verkehr oder die Hotellerie.
Die Initiative Movetia hofft, dass dieses Pilotprojekt Schule macht und künftig mehr Lernende aus der Deutschschweiz einen Austausch in der italienischen Schweiz absolvieren – und umgekehrt Lernende aus dem Tessin Erfahrungen in der Deutschschweiz sammeln.