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Zum Tod von Helmut Hubacher – ein Rückblick von Peter Maurer
Aus SRF 4 News aktuell vom 20.08.2020.
abspielen. Laufzeit 02:00 Minuten.
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Nachruf Helmut Hubacher – der Genossen-General

Der SP-Übervater war ganz Bauchpolitiker. Der leidenschaftliche Sozialdemokrat prägte die Geschicke der SP Jahrzehnte.

Diesem Mann hat man viele Etiketten angehängt: Altmeister der Politik, das bürgerliche Feindbild, der sozialdemokratische Übervater.

Und trotzdem: für viele war er einfach nur der Hubacher, der Hubi, der Sätze gesagt hat wie diesen: «Es ist in der Politik so, dass manchmal auch Blindgänger einschlagen.»

Helmut Hubacher, 1926 bis 2020.
Legende: Helmut Hubacher, 1926 bis 2020. Keystone

Ein Besuch daheim in seinem kleinen Haus im Pruntruter Zipfel. Er hat einen Haufen Zeitungen vor sich. Hubacher verschlingt gleichsam das Gedruckte. Ein Vielleser.

An der Wand die Uhr: Die Zeit vergeht. Die Frage bleibt. Was ist eigentlich ein guter Sozialdemokrat?

«Er soll denken, was er sagt und sagen, was er denkt. Er soll sich treu bleiben», sagt Hubacher. Der weisshaarige Mann hat den Roten, den Sozi schlechthin verkörpert, er war ein Sohn der Arbeiterbewegung, ein Eisenbahner aus einfachen Verhältnissen. «Wenn man mir Herr Nationalrat gesagt hat, habe ich immer gesagt, mein Name ist Hubacher. Der bleibt.»

Das Volk hat nicht immer recht

Der Hubacher: Ein linker Volkspolitiker, der freilich auch gesagt hat: Das Volk hat nicht immer recht: «Nein. Nein, das nicht. Als zum Beispiel noch 80 Prozent der Leute Mieter waren, wurde eine Mieterschutz-Initiative nie angenommen. Wir wollten ihnen helfen, aber sie wollten das nicht.»

Hubacher hat einst für sich, für seine Politik, eine Kunstfigur geschaffen, ein imaginäres Parteimitglied. Er hiess Heiri Hueber. «Heiri Hueber war Buschauffeur. Wenn wir etwas beschlossen hatten, fragte ich mich, ob Heiri es nun versteht oder ob er es als Mist empfindet.»

Die SP, seine Partei. Über 70 Jahre war er Mitglied. 34 Jahre sass er im Nationalrat, 15 davon als Parteipräsident. 1997 kehrte er dem Bundeshaus den Rücken. «Entweder hat man bei mir gepfiffen oder Beifall geklatscht», sagt Hubacher.

Besuch in der DDR wurde schlecht goutiert

Er hat auch böse Post erhalten. Wegen einer Sache, die 38 Jahre zurückliegt. Sein Besuch mit einer offiziellen SP-Delegation im Arbeiter- und Bauernstaat. Bei DDR-Staatschef Erich Honecker.

Die Pilgerfahrt, wie Hubachers Kritiker die Reise bezeichneten, wurde ihm noch jahrzehntelang um die Ohren gehauen. War das damals nicht ein Fehler? «Wir sind nicht als Wallfahrt hingegangen. Aber innenpolitisch wurde uns das schlecht angerechnet», so Hubacher.

Dabei sei er doch ein stolzer Schweizer. «Ich bin gerne Schweizer. Gleichzeitig bin ich ein kritischer Schweizer. Es ist manchmal nicht nur schwer, Schweizer zu sein, sondern auch Sozialdemokrat», hat er an seinem 90. Geburtstag gesagt.

«In der Schweiz sind wir als SP immer in der Verteidigung. Die Errungenschaften von früher sind nicht mehr sicher. Die Arbeitswelt ist sowieso unsicherer worden und die Weltlage ist für die Sozialdemokratie nicht besonders gut.»

Engagierte sich in der Rüstungspolitik

Politik war im Fall Hubacher vor allem Rüstungspolitik. «Wenn sie nicht mal einen einfachen Armeeschlafsack richtig einkaufen können, wie kaufen sie dann Flugzeuge und Panzer ein?»

Das war sein Kampffeld damals: Panzer 68 nicht kriegstauglich, Mirage, ein Skandal. Alles Geschichten, alles Geschichte. Aber ein Armee-Abschaffer war Hubacher nie. «Wir sind eine reine Verteidigungsarmee. Wir wollen niemanden angreifen. Wenn uns niemand angreift, sind wir zufrieden und sind eine Manöverarmee. Wir greifen nicht mal Liechtenstein an. Obwohl wir die noch besiegen könnten.»

Die Nichtwahl von Liliane Uchtenhagen

Er war der Genossen-General. Eine imposante Erscheinung. Fast einen Meter neunzig gross, markantes Kinn. Ein begnadeter Selbstdarsteller. Ein Bauchpolitiker. Aber nicht alles hat geklappt. Liliane Uchtenhagen wurde nicht erste Bundesrätin. «Für die Nichtwahl habe ich nicht geschickt operiert, das kann man sagen.»

Das war Hubachers grösste Niederlage, er wollte in die Opposition. Der Parteitag sagte nein, wir bleiben im Bundesrat. Hubacher war zwar damals der grosse Verlierer. Aber sozialdemokratischer Übervater ist er geblieben. Bis am Schluss.

«Ich lebe und irgendwann ist es zu Ende»

Und: Nichts da von Altersmilde: «Es gibt auch eine Altersradikalität, weil man nicht mehr so viel Zeit hat. Man wird ungeduldiger.» Er wolle einfach leben, «Du hast nur ein Leben.»

Und der Tod?

«Das war bei mir nie ein Thema, der kommt einfach. Ich bin ein völliger Fatalist. Ich lebe und irgendwann ist es zu Ende.»

SRF 4 News, 09:35 Uhr

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26 Kommentare

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  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Nun ist leider wieder Einer weniger der Echten, Aufrechten Schweizer Sozialdemokraten.
  • Kommentar von Peter Heckendorn  (Heck)
    Natürlich war er ein ehrlicher Vertreter der SP. Aber niemand spricht seinen "Tolken im Reinheft" an, nämlich die Nähe zu den Schergen des ehemaligen Ostdeutschland, namentlich zu Erich Honegger.
    1. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Peter Heckedorn, vielleicht schaffen Sie es doch, den ganzen Beitrag zu lesen; besser noch den ganzen Radiobeitrag zu hören! Wenn Ihnen dies nicht möglich ist, darf ich Sie einladen, auf dieser Seite runterzublättern: da gibt es einen Eintrag von Urs Rösli um 13.11 zu dieser Geschichte. Von mir aus möchte ich gerne noch einmal betonen, dass auch Selbstkritik zu den "Möglichkeiten" von Helmut Hubacher gehörte.
  • Kommentar von Reto Derungs  (rede)
    Mein herzliches Beileid den Angehörigen. Für mich war Heltmut Hubacher ein absolutes Vorbild und hat grosser Verdienste für die Schweiz. So wie Hubacher sollten die Sozialisten sein. Er kam aus bescheidenen Verhältnissen und wusste genau, wie er sich für die einfachen Leute einsetzten konnte. Er wird eine grosse Lücke hinterlassen.