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Neue Jugendstudie «Man muss die Sorgen der Jugendlichen ernst nehmen»

Die neue Jugendstudie von Pro Juventute zeigt: Jeder zehnte Jugendliche wendet sich bei Sorgen an eine künstliche Intelligenz. Gleichzeitig erreicht die Notrufnummer 147 Rekordwerte. Nicole Platel, Direktorin von Pro Juventute, über die Grenzen der KI als Seelsorgerin und was sie überforderten Eltern rät.

Nicole Platel

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Nicole Platel ist seit März 2024 Direktorin von Pro Juventute, der grössten Schweizer Stiftung für Kinder und Jugendliche.

SRF News: Jeder zehnte Jugendliche wendet sich bei Sorgen an eine KI wie ChatGPT. Ein Alarmzeichen?

Nicole Platel: Es ist zuerst einmal eine spannende und neue Erkenntnis. Sie zeigt, dass KI in der Lebensrealität der Jugendlichen angekommen ist. Grundsätzlich ist es gut, dass Jugendliche über ihre Sorgen reden oder schreiben, anstatt sie in sich hineinzufressen. Ein Chat mit einer KI kann ein niederschwelliger erster Schritt sein und ist nicht per se negativ.

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Was sagt das über die psychologische Versorgung in der Schweiz aus?

Es zeigt vor allem, dass Jugendliche einen einfachen Zugang brauchen. Die zehn Prozent nutzen ja nicht ausschliesslich die KI, sondern als einen von verschiedenen Wegen. Sie reden parallel dazu auch mit ihren Eltern und Freunden.

Es besteht die Gefahr, dass man in einer Endlosschleife oder einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung hängen bleibt.

Wo liegen die Grenzen der KI als Seelsorgerin?

Eine KI kann Empathie nur simulieren. Ihr fehlen die Fähigkeit für Nuancen und langfristige emotionale Tiefe. Die Gefahr besteht, dass man in einer Endlosschleife oder einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung hängen bleibt. Es ist entscheidend, dass Jugendliche immer wieder in die reale Welt zurückgeführt werden und bei ernsten Problemen an Fachpersonen aus Fleisch und Blut gelangen.

Viele Eltern sind überfordert, wenn sich ihr Kind lieber an einen Chatbot wendet statt an sie. Was raten Sie?

Im Kontakt bleiben, auch wenn es schwierig ist. Nicht nachlassen. Sprechen Sie es an und bieten Sie Alternativen an, zum Beispiel die Notrufnummer 147. Man muss die Sorgen der Jugendlichen ernst nehmen und ihre Lebensrealität akzeptieren.

Dürfen Eltern aus Sorge die Chatprotokolle ihrer Kinder lesen?

Ein klares Nein. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Privatsphäre. Das wäre ein ähnlicher Vertrauensbruch wie im Tagebuch zu lesen. Stattdessen den direkten Dialog mit dem Kind suchen. Wenn es nicht mit den Eltern reden will, vielleicht mit einer anderen Vertrauensperson oder eben einem professionellen Angebot.

Die Notrufnummer 147 wurde 2025 so oft genutzt wie noch nie.

Führt der Trend zur KI dazu, dass Ihre Notrufnummer 147 weniger genutzt wird?

Leider nein, das Gegenteil ist der Fall. Die Nummer 147 wurde 2025 so oft genutzt wie noch nie. Wir sind mit über 50'000 Kontaktaufnahmen pro Jahr auf einem absoluten Rekordhoch. Der Druck im System ist weiterhin sehr hoch und das zeigt, wie gross das Bedürfnis der Jugendlichen ist, sich an eine niederschwellige, anonyme Stelle zu wenden, wo sie mit echten Menschen reden können.

Was können Sie Eltern zur Beruhigung mitgeben?

88 Prozent der Jugendlichen sagen, dass es ihnen grundsätzlich gut geht. Die grosse Mehrheit hat ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern und Freunden. Darauf können wir aufbauen.

Das Gespräch führte David Karasek.

Tagesgespräch, 16.3.2026, 13:00 Uhr ; 

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