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Kantonsarzt Hauri: Contact Tracing wird anspruchsvoller
Aus HeuteMorgen vom 22.06.2020.
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Oberster Kantonsarzt zu Tücken Woran hapert es beim Contact Tracing?

In der Schweiz sind ab heute die meisten Massnahmen gegen das Coronavirus aufgehoben. Umso wichtiger wird ein konsequentes Contact Tracing, die Rückverfolgung also von Ansteckungsketten. SRF News hat Rudolf Hauri, den Präsidenten der Vereinigung der Schweizer Kantonsärzte, nach den Problemen und den Herausforderungen beim Contact Tracing gefragt.

Rudolf Hauri

Rudolf Hauri

Kantonsarzt für den Kanton Zug

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Hauri ist seit 18 Jahren Zuger Kantonsarzt. Er ist auch Präsident der Vereinigung der Schweizer Kantonsärzte.

SRF News: Was sind beim Contact Tracing bisher die Resultate?

Rudolf Hauri: Die bisherigen Resultate waren grundsätzlich zufriedenstellend. Eines der bisherigen Resultate war tatsächlich, dass das Contact Tracing doch sehr personalintensiv ist. Es ist personalintensiver in einer Phase der Lockerung, weil dann die Kontakte einfach zunehmen und mehr Personen engen Kontakt haben. Das war beispielsweise während des Lockdowns nicht der Fall, da waren immer relativ wenige Kontakte pro Indexperson zu untersuchen.

Ist das also die Hauptherausforderung?

Tatsächlich ist dies die Hauptherausforderung: Man ist sich wieder näher, man hat die Abstandsregel geändert, man ist häufiger zusammen, man wechselt wahrscheinlich auch die Zusammensetzung der häufigen Kontakte heute wieder öfter – und das ist tatsächlich die grosse Herausforderung.

So funktioniert Contact Tracing

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  • Wenn das Labor bestätigt, dass eine Infektion vorliegt, erhalten die kantonsärztlichen Dienste vom Labor eine Meldung innerhalb kurzer Zeit, dass es einen positiven Fall gibt.
  • Die Dienste erhalten konkret die Personalien und die Telefonnummer der betreffenden sogenannten Indexperson, also der positiv getesteten Person.
  • Die Person wird kontaktiert und systematisch befragt.
  • Die Struktur der Fragen: Kontakte in den letzten 48 Stunden vor der Diagnose, unter zwei Metern (oder neu unter 1.5 Metern) und mindestens über 15 Minuten.
  • Danach wird wiederum eine Liste erstellt mit den neuen zu kontaktierenden Personen. Es wird eine Liste erstellt mit der Erreichbarkeit der betreffenden Personen.
  • Diese Kontakte werden dann wieder nach einem bestimmten Schema abgefragt und je nach dem über das weitere Vorgehen instruiert.

Es ist ja bei weitem nicht so, dass man alle Ansteckungsketten rückfolgen kann. Woran scheitert das dann?

Man erinnert sich wahrscheinlich jetzt zunehmend nicht mehr wirklich an die engen Kontakte, weil es eben mehr werden. Vorher war es relativ einfach, man hat gewusst, es waren zwei Personen beispielsweise. Manchmal will man sich auch nicht erinnern – vielleicht auch nicht alles offenlegen, wo man sich angesteckt haben könnte. Oder man vergisst im Erstgespräch schlicht und einfach eine Begegnung, die einem später wieder in den Sinn kommt. Dann gibt es auch noch Kontakte, die man selbst nicht als enge Kontakte angesehen hat. Man denkt, man war immer allein, aber vergisst den Nachbarn, der einem immer Essen gebracht hat. Und es gibt Kontakte, die man selbst nicht kennt, denen man etwa ohne Mundschutz in Bus oder Bahn gegenübersitzt. Es ist eine Mischung aus all diesen Dingen.

Sind denn die Contact Tracer vorbereitet auf den schlimmsten Fall, also wenn ein Superspreader etwa an einem Sport-Event oder an einem Konzert viele Menschen ansteckt?

Da muss man einerseits an das Verhalten der Personen appellieren, andererseits sollte man bei solchen Ereignissen Kontaktangaben zu den Personen haben. Insofern ist man vorbereitet. Wir haben jetzt grundsätzlich genügend Leute. Aber wenn wir natürlich nicht wissen, wo ansetzen, dann können wir gar nicht vorbereitet sein. An einer grösseren Veranstaltung kennt man sich grundsätzlich nicht. Wenn man dann keine Teilnehmerliste bereithält, ist es unmöglich, eine Rückverfolgung zu machen. Man merkt vielleicht mit der Zeit aufgrund mehrerer Angesteckter, dass die eventuell alle am gleichen Anlass waren. Aber das heisst noch lange nicht, dass man alle anderen findet, die vielleicht gefährdet oder angesteckt waren und in der Zwischenzeit das Virus weitergegeben haben. Das ist tatsächlich ein Problem.

Das heisst, es wäre eigentlich geboten, bei solchen grösseren Veranstaltungen immer eine Teilnehmerliste bereitzustellen?

Wenn man vom Contact Tracing ausgeht und davon, dass es wichtig ist, die Infektionsketten zu unterbrechen, dann gibt es eigentlich keine andere Lösung.

Gibt es denn noch andere Dinge, an denen es hapert?

Es gibt schon verschiedene Dinge. Man muss natürlich zuerst einmal erfahren, dass jemand sich überhaupt angesteckt hat. Das erfährt man nur, wenn die Person sich auch tatsächlich in Behandlung begibt und getestet wird. Wenn man das nicht macht, wissen wir auch nichts davon. Wenn man jetzt einfach einen Schnupfen diagnostiziert und nichts weiter abklärt, dann haben wir keine Ahnung, dann wird er gar nicht entdeckt. Es ist entscheidend, dass die Bevölkerung mitmacht, Symptome wie Halsschmerzen, Schnupfen oder Fieber abklären lässt oder, wenn man das nicht will, sich in Selbstisolation begibt mit der Annahme, dass man diese bestimmte Erkrankung hat. Das spielt schon eine grosse Rolle, dass man überhaupt merkt, dass man angesteckt ist.

Können Sie Zahlen nennen, wie die Contact Tracer kantonal verteilt sind? Gibt es da Statistiken?

Mir sind keine Statistiken bekannt und ich weiss auch nicht, wie sie verteilt sind. Wir im Kanton Zug zum Beispiel arbeiten mit der Lungenliga zusammen. Das ist nach einem Zwiebelschalensystem aufgebaut. Es gibt einen Kern, und der wird bei Bedarf erweitert. Es gibt entsprechend ausgebildete Personen, die dann ihre Stammfunktion ruhen lassen und einspringen. Das ist sehr dynamisch und führt dazu, dass sie im Grunde genommen eine sehr grosse Zahl von Personen einsetzen können. Bei uns sind weit über 14 Personen, die da aufgeboten werden können. Dann kann man sie zum Beispiel noch mit Zivildienstleistenden verstärken. Es ist eben schwierig, Zahlen zu nennen, weil das kein starres System ist.

Wie viele Contact Tracer könnte man zum Beispiel für den Kanton Zug im Notfall mobilisieren?

Wenn man das wirklich durchziehen und die Lungenliga massiv stärken will, sind wir vielleicht irgendwo in der Grössenordnung von 30 Personen.

Das Interview führte Mareike Rehberg.

Heute Morgen, 22.06.2020; 06.00 Uhr;

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21 Kommentare

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  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    "wenn man das nicht will" - sich abklären lassen? Also keine Ansteckungsgefahr vor den Symptomen? Und dreissig Kontaktverfolger sind das Maximum? Ich bin ja jedesmal von Neuem erleichtert von solchen Zeichen der Entspannung seitens Behörden, da die ungefähr wissen werden, was sie tun. Aber wie jetzt mit diesem Virus herumgespielt wird und bei Möglichkeiten der Effizienzsteigerung im Konjunktiv gesprochen, während viele nach wie vor wirtschaftlich zugrundegehn - nach wie vor höchst sonderbar...
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  • Kommentar von Paul Simmen  (Ab und zu)
    Das sind doch schon die ersten Entschuldigungen, sollte es nicht klappen. Ich komme mir als Bürger vor, als sässe ich in einem Flugzeug und der Pilot will mit geschlossenen Augen den Blindflug üben.
    Niemand will nun - nach der Öffnung - offenbar Verantwortung übernehmen und die heisse Kartoffel wird einfach herumgereicht. So werden wir es nie schaffen mit dem Virus unter uns zu leben.
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Das ist ja alles nur für den Moment. Der Herbst ist ein ganz anderes Thema, rein pandemiologisch gesehn, da kann man dann die Saisonalität kleinschwatzen wie man will. Nähme mich mächtig wunder, was geschieht, wenn man damit nicht weiterkommt. Mini-Shutdowns durch die Kantone oder back to Bundesrat?
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  • Kommentar von Patrick Dietrich  (Südostschweiz)
    Liebe Kantonsärzte,
    Lieber Bund,
    Herr Hauri schreibt, dass Symptome, wie Halsschmerzen, Schnupfen oder Fieber abgeklärt werden müssen und dem kann ich nur zustimmen. Wieso zahlen die Krankenkassen in den meisten Fällen dann den Test nicht? Dies ist für mich sehr unverständlich und auch unvernünftig.
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    1. Antwort von Daniel Bucher  (DE)
      Genau, testen, testen, testen. Einer meiner Mitarbeiter hatte eindeutige Symptome. Einen Test hat er nicht erhalten, weil er nicht schon mit dem Koffer vor dem Spital stand. Er hätte gleich 2 Wochen dort bleiben sollen. So ist er zunächst wieder nach Hause. Der Test war negativ obwohl er Mühe mit atmen hatte. Erst der Test gegen Ende des Spitalaufenthalts war positiv und brachte das erwartete Resultat.
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    2. Antwort von Henriette Rub  (Sylou)
      Das haben diese Test so an sich. Mehrmals testen - Resultat 1 positiv 2 negativ 3 falsch positiv. Alles ist möglich, die Tests sind wandelbar. Ich habe jeden Winter Husten, Schnupfen, verstopfte Nase, heilt ohne Doktor und Spital. Angst macht krank.
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