Zum Inhalt springen

Header

Video
Zwölf-Stunden-Schichten im Operationssaal
Aus Kassensturz vom 12.05.2020.
abspielen
Inhalt

Pflegepersonal gefrustet Wegen Corona: Zwölf-Stunden-Schichten im Operationssaal

Spitäler kehren aus dem Pandemie-Modus zurück. Viele Mitarbeiter müssen nun unverschuldete Minusstunden abarbeiten.

Der Frust beim Pflegepersonal ist gross. Schon im Normalbetrieb würden sie physisch und psychisch an ihre Grenzen gehen, berichten viele an «Kassensturz». Dass sie nun unverschuldete Minusstunden nacharbeiten müssten, sei inakzeptabel. Dagegen aufzubegehren wagt aber kaum jemand – zu gross ist die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust.

Minusstunden abarbeiten sei empörend, sagt eine Betroffene im «Kassensturz»: Noch unverständlicher: «Bei uns gab es einen positiven Coronafall. Drei Personen mussten in Quarantäne. Jedoch nur einen Tag, nicht wie vorgeschrieben fünf Tage. Dieser Tag wurde nicht als Krankheit, sondern als Minusstunden verbucht.» Eine bodenlose Frechheit, sagt sie. «Das hat mit Respekt und mit Wertschätzung gar nichts zu tun.»

Man macht mit uns, was man will.
Autor: Erik GrossenbacherGeschäftsleiter des Berufsverbands der Pflegenden Aargau Solothurn

«Gespart wird auf dem Buckel der Pflegenden»

Erik Grossenbacher, Geschäftsleiter des Berufsverbands der Pflegenden Aargau Solothurn, versteht die Praxis vieler Spitäler nicht: «Man setzt sich ein mit Kraft, Energie und Herzblut. Zum Dank muss man das unternehmerische Risiko tragen.» Dies sei nicht nur fehlende Wertschätzung, sondern auch demütigend: «Man wird aufgeboten, wenn man gebraucht wird, wird man nicht gebraucht, soll man zuhause bleiben.»

Video
Solche Minuszeiten-Regelungen ärgern Erik Grossenbacher vom Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner Aargau-Solothurn
Aus Kassensturz vom 12.05.2020.
abspielen

Auch Edith Wohlfender, Geschäftsführerin des Berufsverbands der Pflegenden in der Ostschweiz, ärgert sich: «Ich stelle fest, dass auf dem Buckel der Pflegenden gespart wird, auf Teufel komm raus. Wir Sozialpartner werden nicht eingeladen, wenn es um solche Entscheidungen geht.»

Video
Sozialpartner werden nicht eingebunden, sagt Edith Wohlfender, Geschäftsführerin des Berufsverbands der Pflegenden in der Ostschweiz.
Aus Kassensturz vom 12.05.2020.
abspielen

Mehrheit der Spitäler wälzt Minusstunden ab

«Kassensturz» hat bei 30 Spitälern nachgefragt: Der Abbau von Minusstunden per Überstunden trage zur Arbeitsplatzsicherheit bei, begründen viele den Entscheid. Nur drei Spitäler sagen klar: Minusstunden werden nicht auf das Personal überwälzt.

Der Spitalverband H+ wollte vor der Kamera keine Stellung nehmen und schreibt: Man sei daran, zusammen mit den Sozialpartnern praktikable und für Arbeitgeber wie auch -nehmer akzeptable und arbeitsrechtlich einwandfreie Lösungen zu erarbeiten.

Beim Kantonsspital Baden (AG) heisst es: «Das Kantonsspital Baden hat mit den Sozialpartnern einen GAV ausgearbeitet. Dieser beinhaltet unter anderem eine Jahresarbeitszeit. Dazu gehört nicht nur Über-, sondern auch Minderarbeitszeit, wie im Personalreglement explizit festgehalten ist.»

Das ist das Risiko des Arbeitgebers, und der hat dafür einzustehen.
Autor: Roger HischierAnwalt für Arbeitsrecht

Und das Spital Appenzell begründet die Praxis damit, dass es nicht dem ordentlichen Arbeitsgesetz unterstehe. «Die für unser Haus geltende Personal-Verordnung sieht kurzfristige Änderungen der Arbeitszeit ausdrücklich vor. Das ist unabdingbar, damit wir unseren Leistungsauftrag erfüllen können.»

Renommierte Rechtsgelehrte widersprechen, etwa Fachanwalt und Arbeitsrechtdozent Roger Hischier: «Wenn Minusstunden im Zusammenhang mit dieser Pandemie aufgelaufen sind, dann darf man diese nicht nacharbeiten lassen. In solchen Fällen muss man den Lohn zahlen. Das ist das Risiko des Arbeitgebers, und der hat dafür einzustehen.»

Kristian Schneider vom Spitalzentrum Biel nimmt Stellung

  • «Die Zwölf-Stunden-Schicht ist nötig, um Operationen aufzuholen»

    Kristian Schneider, Geschäftsleiter des Spitalzentrums Biel, sagt im «Kassensturz»-Interview, es gebe seitens der Klinikleitung keine Weisung, Minusstunden jetzt abzuarbeiten. Die Zwölfstunden-Schichten seien nötig, da viele Operationen aufgrund der bundesrätlichen Verordnung nicht durchgeführt werden konnten und jetzt nachzuholen seien. Das sei mit dem Personal abgesprochen. Weiter meint Kristian Schneider: «Es gibt sicher Mitarbeiter, die aufgrund ihres Minusstunden-Standes einen Druck verspüren und dieses Minus loswerden wollen. Das ist aber nicht die Idee. Bis heute wissen wir nicht, wie wir mit diesen Minusstunden umgehen sollen.» Streichen möchte das Spital die Minusstunden zum heutigen Zeitpunkt aber nicht. Schneider erklärt: «Die Wirtschaft hat Kurzarbeit angemeldet und bekommt Gelder dafür. Die Minusstunden werden quasi vom Bund finanziert. Wir können das nicht. Die klare Meinung des Staatssekretariats für Wirtschaft ist, dass Betriebe mit einem öffentlichen Auftrag keine Kurzarbeit anmelden können. Nun ist die Frage: Wie gehen wir damit um?» So wie es aussieht, soll also tatsächlich das unternehmerische Risiko auf die Mitarbeiter abgewälzt werden? Auf diese Frage entgegnet der Geschäftsleiter des Spitalzentrums Biel: «Grundsätzlich trägt immer das Unternehmen das Risiko. Aber wer ist Teil des Unternehmens? Das ist eine Frage der Unternehmenskultur. Wir möchten, dass es diesem Spitalzentrum gut geht.»

Die wichtigsten Informationen zum Coronavirus:

Box aufklappenBox zuklappen
Die wichtigsten Informationen zum Coronavirus:

Kassensturz, 12.05.2020, 21.05 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

87 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Petra Huber  (Sunnymam)
    Es wird Zeit dass wir in der Pflege gebührend behandelt werden. Klatschen ist toll reicht jedoch bei weitem nicht. Mehr Lohn und das annehmen der Pflegeinitiative. Wir arbeiten Hart, 7 Tage die Woche 24h schichten. Dies sieht niemand. In der Zeit der Cironakrise sollte es keine minusstunden aufarbeit geben müssen. Dafür eher Gefahrenzulage. Denkt daran wir arbeiten im Spital in Pfleheimen und in der Spitex mit den Risikopatienten zusammen. So gesprochen sind wir an der Front. Bitte denkt an uns
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Jan Schwab  (Jan.S)
    Es ist eine bodenlose Frechheit zu behaupten, dass es zu diesem Thema keine rechtliche Grundlage gäbe. Es steht ganz klar geschrieben solange die Minusstunden nicht dem Arbeitnehmer zu verschulden sind darf der Arbeitgeber diese nicht als Minusstunden verrechnen! Ich weiss nicht wo dieser Typ in die Rechtslehre gegangen ist, scheint aber einige Lektionen den Fensterplatz in Anspruch genommen zu haben! Bitte Kassensturz macht weiter druck auf die Spitäler...
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Rolf Meier  (Flor)
    Vom Bund wurde verordnet, dass nur dringende Operationen durchgeführt werden dürfen. Andere müssen zurückgestuft werden.Betonung auf Dringend!Also mehr oder weniger wichtge Operationen soll man bleiben lassen.Und jetzt meint der Herr Schneider nicht ganz unarrogant,man müsse entgangene Operatinen "aufschaffen".Da sträuben sich meine Nachenhaare ganz arg.Unnötige Operationen "aufschaffen".Wie bitte? Und ein Spital behauptet,nicht dem Arbeitsgesetz zu unterstehen?Ich denke, das Arg gilt für alle!
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten