Zum Inhalt springen

Header

Audio
Reto Knutti: Wissenschaftler oder Klima-Aktivist?
Aus Rendez-vous vom 14.05.2021.
abspielen. Laufzeit 05:02 Minuten.
Inhalt

Politik versus Wissenschaft? «Mit der Physik kann man nicht verhandeln»

Soll sich die Wissenschaft zu politischen Themen äussern? ETH-Professor Reto Knutti hat sich darüber Gedanken gemacht.

Als Avenergy, der Verband der Erdölimporteure, kürzlich ein Heft über das Treibhausgas CO2 veröffentlichte, waren ein paar Fehler drin. Fehler, die die Ansicht unterstützen könnten, das Verbrennen von Öl und Benzin sei fürs Klima nicht gar so schädlich.

Zum Beispiel zeigte eine Grafik die CO2-Emissionen in der Schweiz: jene aus der Landwirtschaft, jene der Industrie, jene der Kehrichtverbrennung. Aber jene aus Heizungen und Verkehr fehlten. Klimaforscher Reto Knutti machte auf Twitter auf diesen und weitere Fehler in dem Heft aufmerksam.

Je älter, desto mutiger?

Knutti sagt dazu: «Das ist eine schlichte Analyse. Wissenschaft ist gnadenlos, insbesondere die Physik. Mit der Physik kann man nicht verhandeln.» Vielleicht werde man, wenn man älter werde, auch etwas mutiger und könne leichter sagen, diese Aussage ist falsch, diese ist irreführend und da werden Zahlen unterschlagen.

Knutti ist 47 Jahre alt, hat beim bekannten Klimaforscher Thomas Stocker doktoriert und ist seit Jahren selbst ein renommierter Wissenschaftler. Er war Mitautor einiger Berichte des Weltklimarats, und in diesem Rahmen hatte er immer wieder mit der Politik zu tun.

Gesellschaft und Politik sind häufig nicht in der Lage, die Daten einzuordnen.
Autor: Reto KnuttiETH-Professor

Aber als Kommunikator wurde er nicht geboren: «Ich habe von Thomas Stocker vermittelt bekommen, dass sich die Wissenschaft nicht in die Politik einmischt. Wir liefern die Zahlen und die Politik entscheidet. Aber ich habe gemerkt, dass Politik und Gesellschaft häufig nicht fähig sind, die Daten einzuordnen, wenn sie niemanden haben, der ihnen sagt, wie sie zu interpretieren sind und wie man darauf reagieren könnte.»

Forderungen vermeiden

Manche Politikerinnen und Politiker stören sich an diesem Kommunikationsverständnis. Sie fordern, die Wissenschaft solle nur nackte Ergebnisse liefern, sonst beeinflussten sie die Gesellschaft nicht aufgrund der Fakten, sondern aufgrund ihrer persönlichen Ansichten.

Knutti findet, Einordnungen ohne übermässige Färbung seien möglich, etwa indem man mit Szenarien aufzeige, welche Folgen politische Entscheide haben würden. Aber er gibt zu, dass dies manchmal eine Gratwanderung sei.

Wo für ihn die Grenze verläuft, verdeutlicht ein Brief, den Professorinnen und Professoren an die Pensionskasse des Bundes geschrieben haben. Sie forderten darin, die Kasse solle nicht mehr in die fossile Branche investieren. «Ich fand, der Brief ging relativ weit, weil es eine explizite Forderung war. Das muss man zu vermeiden versuchen», so Knutti.

Der jüngste Brief von Klimaforscherinnen und -forschern zur Unterstützung des CO2-Gesetzes sei aber etwas anderes. Man fordere keine konkreten Massnahmen. Man sage nur: Die Fakten zeigen, dass wir nun handeln müssten. «Weil die Ziele schon bestimmt sind, sehe ich das nicht als Forderung, sondern als logische Konsequenz der Entscheide, die schon gefällt worden sind.»

Kein Tabubruch

Knutti sieht in diesem Brief auch keinen Tabubruch, wie es in manchen Medien hiess. Die Wissenschaft habe sich schon früher zu Wort gemeldet. Und manche Entwicklungen machten dies dringender denn je: «Politik und Gesellschaft haben sich verändert. Es ist plötzlich salonfähig, zu lügen. Nach dem Motto: ‹Anything goes›. Man kann alles tun, was man will, solange es den eigenen Interessen nützt.»

So wird sich Knutti auch weiterhin zu Wort melden, auf Twitter, in den Medien, und mit Vorträgen in Unternehmen und Schulen, die sich zahlreich bei ihm melden. Dies zeige doch, sagt Knutti, dass die Menschen wollten, dass sich die Forscherinnen und Forscher direkt an sie wendeten.

Video
Aus dem Archiv: Reto Knutti im Studiogespräch zum CO2-Gesetz
Aus 10 vor 10 vom 09.06.2020.
abspielen

Rendez-vous, 14.05.2021, 12:30 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

178 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Benjamin Reiter  (Bensch)
    @Alex Schneider Zit."Energie [...] muss gespart und der Bevölkerungszuzug in energieintensive Länder gestoppt werden." (...) Echt jetzt? Verstehe ivh etwas falsch? D.h. ja im Umkehrschluss, dass Sie ein Verbrauchsrecht für sich allein sichern wollen! Das ist ja wohl oberabsurd. Schlage tausch der Wohnsituation mit Kleinverbrauchern vor damit Sie lernen zu sparen!
  • Kommentar von René Balli  (René Balli)
    Es ist schon längstens Fünf nach Zwölf aber Viele schnallen es noch jetzt nicht!
    1. Antwort von Marlies Artho  (marlies artho)
      R. Balli Hier ein Zitat von Friedrich v. Logau :
      Wann war je die goldene Zeit?
      Welt hat ja allezeit geklagt über
      Kriege, Not, Sünd und Sterblichkeit.
      Freundlicher Gruss M. Artho.
  • Kommentar von Pascal Noti  (Noti)
    Es gibt ihn und auch seine Auswirkungen auf die Umwelt und Mensch.

    Als Naturwissenschaftler stimme ich Herrn Knutti zu: "Mit der Physik kann man nicht verhandeln". Mein Verständnis ist aber das Gegenteil.
    Die Physik beschäftigt sich nur mit der Natur und deren Prozesse !
    Ob etwas gut, böse, schön, etc., kann die Physik nicht, schon rein empirisch.

    Politik, Emotionen und Wissenschaft gehören getrennt. Es könnte sonst ausarten. z.B. Der Ursprung der NS Ideologie liet in der Ethnologie.