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Dominique de Quervain: «Es gibt einen Zusammenhang zwischen den Fallzahlen und der Häufigkeit depressiver Symptome»
Aus Tagesgespräch vom 17.12.2020.
abspielen. Laufzeit 25:24 Minuten.
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Psyche und Corona Neurowissenschaftler: «Stress hat in zweiter Welle zugenommen»

Die psychische Belastung während der zweiten Welle hat im Vergleich zum Frühling deutlich zugenommen. Das stellt der Stressforscher Dominique de Quervain in einer neuen Erhebung , Link öffnet in einem neuen Fensterfest. Seine dritte Umfrage zum psychischen Gesundheitszustand der Schweizerinnen und Schweizer zeigt zudem einen Zusammenhang zwischen Infektionsgeschehen und Psyche.

Dominique de Quervain

Dominique de Quervain

Neurowissenschaftler

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Dominique de Quervain ist Professor für kognitive Neurowissenschaften an der Universität Basel und Mitglied der Corona-Taskforce des Bundes. Bereits im April und Mai 2020 hat er über 10'000 Menschen zu ihrem Gemütszustand befragt, was ihm nun erlaubt, Vergleiche zur psychischen Verfassung während der Coronakrise anzustellen.

SRF News: In Ihrer Studie stellen Sie fest, dass die Krise psychische Vorbelastungen verstärkt. Wirkt sie wie eine Art Brandbeschleuniger?

Dominique de Quervain: Der psychische Stress hat deutlich zugenommen gegenüber der ersten Welle im Frühling. Die erste Welle war noch einigermassen erträglich. Erst im Herbst haben dann viele realisiert, dass das Virus länger bleibt. Wenn man bereits eine psychische Vorbelastung hat, kann die Krise das Fass zum Überlaufen bringen.

Faktoren, die in der Pandemie Stress fördern

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In der dritten Umfrage zur psychischen Gemütsverfassung der Schweizerinnen und Schweizer haben sich folgende Faktoren als stressverursachend herauskristallisiert:

  • finanzielle Engpässe oder Einbussen
  • veränderte Situation am Arbeitsplatz oder in der Ausbildung
  • generelle Zukunftsängste
  • Konflikte in den eigenen vier Wänden
  • Angst vor einer Erkrankung oder dem Tod im eigenen Umfeld

Der Anteil der Personen mit schweren depressiven Symptomen hat während des Lockdowns im April 9 Prozent betragen, im November schon 18 Prozent. Die Verdoppelung ist doch dramatisch?

Wir sehen wirklich einen drastischen Anstieg. Besonders stark leiden die 14- bis 24-Jährigen. In dieser Gruppe zeigen 29 Prozent schwere depressive Symptome. Danach nimmt es dem Alter entsprechend ab.

Sind ältere Generationen widerstandsfähiger?

Dieser Trend zeichnete sich bereits in früheren Erhebungen ab, jetzt ist es aber deutlicher geworden. Die Jungen sind stärker betroffen von sozialen Einschränkungen, haben mehr Angst, dass jemand im engen Umfeld erkranken oder sterben könnte und sind in ihrer Ausbildung gestresst. Bei den über 65-Jährigen zeigen nur 6 Prozent schwere depressive Symptome.

Obwohl die älteren Menschen durch das Virus besonders gefährdet sind.

Das hat uns auch erstaunt. Ältere Menschen sind in ihrem Tagesablauf wohl weniger von den Massnahmen betroffen und finanziell abgesichert. Zudem haben sie viel erlebt und ordnen die Pandemie daher anders ein. Dafür sind Leute in stark betroffenen Branchen zusätzlich mit Stresssymptomen belastet.

Kantone mit höheren Fallzahlen zeigen auch höhere Werte bei der psychischen Belastung.

Zeigt dies, dass unser Wohlbefinden direkt mit materiellem Wohlstand verknüpft ist?

Wenn es existenziell wird, auf jeden Fall. Es löst grosse Ängste aus, wenn jemandem die finanzielle Lebensgrundlage entzogen wird. Doch wenn man genug verdient, spielt es für das Wohlbefinden keine Rolle mehr, ob man 100 oder 1000 Franken mehr bekommt oder nicht.

Die Romandie ist mit einer Häufigkeit schwerer depressiver Symptome von 22 Prozent stärker betroffen als Personen aus der Deutschschweiz mit 17 Prozent. Wieso ist das so?

Das widerspiegelt, wie stark die Regionen zur Zeit der zweiten Welle von der Pandemie betroffen waren. Die Romandie verzeichnete deutlich mehr Covid-19-Fälle, was auch auf die psychische Gesundheit einen Einfluss hat. In unserer Studie zeigt sich, dass die Kantone mit höheren Fallzahlen auch höhere Werte bei der psychischen Belastung hatten. Es gibt also einen direkten Zusammenhang zwischen der Stärke der zweiten Welle und der Häufigkeit depressiver Symptome.

Das kann gegen Stress helfen

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Stressforscher Dominique de Quervain von der Universität Basel rät generell:

  • Pflegen Sie Kontakte zu anderen Menschen – auf eine sichere Art und Weise. Treffen Sie andere an der frischen Luft, gehen Sie spazieren, telefonieren Sie.
  • Bleiben Sie körperlich aktiv. Umfragen zeigen, dass Menschen, die viel Sport treiben, weniger Stress- und Depressionssymptome zeigen.
  • Bleiben Sie zuversichtlich. Lenken Sie sich ab und finden Sie Freude in den kleinen Dingen des Alltags.

Bei vielen Menschen macht sich nun grosse Müdigkeit breit. Wann wird diese Müdigkeit oder dieser Stress zum Problem?

Wenn die depressive Symptomatik ein Ausmass erreicht, das sehr belastend ist. Wenn das jemand über mehrere Wochen an sich beobachtet und darunter leidet, soll er unbedingt Hilfe in Anspruch nehmen. Niemand kann sagen, wie lange diese Pandemie noch dauern wird. Die Impfung ist für viele so etwas wie das Licht am Ende des Tunnels, das uns vielleicht auch hilft, jetzt noch einige Monate durchzuhalten.

Das Gespräch führte Marc Lehmann.

Video
Das Coronavirus ist ein Stresstest für unsere Psyche
Aus Tagesschau vom 17.12.2020.
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Rendez-vous, 17.12.2020, 12.30 Uhr;

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Sager  (Wendigo)
    Die Alten, welche immer behaupten, sie hätten den Wohlstand für die Jungen erarbeitet, vernichten diesen systematisch durch einen wachsenden Schuldenberg, je länger die Krise dauert. Ich sorge mich mehr um meine und die Zukunft meiner erwachsenen Kinder, was Wohlstand und Beruf anbelangen, als dass ich mich vor einer Ansteckung fürchte.
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    1. Antwort von René Baron  (René Baron)
      @Sager:
      1. Eltern und Staat haben eine runde Million in Sie investiert, damit Sie überhaupt nur in der Lage sind, diese unsäglichen Zeilen zu schreiben.
      2. Sind die Jungen weit mehr verschuldet als die Alten
      3. Sind Superspreader meist Junge und nicht Alte, genauso wie die internationale Ausbreitung durch Junge und nicht Alte erfolgt ist.
      4. Ist das eine dumme Diskussion die zu nichts führt, weil sie an der Ausgangslage nichts ändert.

      Ich hoffe, es geht ihnen nun besser :-)
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  • Kommentar von Timo Graf  (Timograf)
    Ich finde man muss endlich darüber sprechen, dass es viel schlimmer ist, wenn jeder dritte Jugendliche depressiv ist, als wenn einige Hundert alte Menschen sterben. Und auch die Pfleger tun mir leid, aber lieber überbelastet als arbeitslos (ganze Gastrobranche).
    Vor allem interessiert es eine Anzahl alte Leute offensichtlich nicht. Sie gehen weiterhin am Samstag Vormittag mit der Masse einkaufen. Vielleicht wollen die Alten ja lieber noch ein kurzes normales Leben, als ein langes in Einsamkeit.
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    1. Antwort von Krebs Alfred  (A.Santiago)
      Super Einstellung Timo Graf. Scherz beiseite, ihre Meinung ist nicht meine. Die angeschlagenen Jungen müssen auch lernen, dass nicht alles so einfach geht. Es ist ein geben und nehmen beiderseits. Ich lebe zur Zeit in der Dominikanischen Republik. Dort sind die Läden viel flexibler. Da hat es im Frühling von 07:00 bis 08:00 Einkaufszeiten nur für über 65 gegeben. Und dort wo immer noch Zugangsbeschränkungen sind, können sich die alten vorne anstellen.
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    2. Antwort von Adrian Meyer  (Sapient)
      Ihnen ist schon klar, dass Depressionen in den meisten Fällen ausheilen, der Tod aber nie?

      Und mit Verlaub, es sind nicht "einige hundert" Menschen gestorben, sondern bisher über 5000. Und ohne Massnahmen wären es zehntausende gewesen.

      Es ist sicher nicht angenehm, im Alltag eingeschränkt zu sein, oder sich Sorgen um die finanzielle Zukunft zu machen. Noch schlimmer aber ist es, am Grab eines Angehörigen zu stehen, oder selber in Isolation zu sterben.
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    3. Antwort von Timo Graf  (Timograf)
      Ja Herr Meyer sie sagen es ja selber: Es ist schlimm in ISOLATION zu sterben.

      Und das der Tod absolut ist, ist mir sehr bewusst. Der Tod kann aber auch eine Erlösung sein. Der Tod tritt bei jedem irgendwann ein und viele dieser bis jetzt Tausenden wären sowieso innerhalb vom kürzester Zeit gestorben. Man muss die Übersterblichkeit anschauen und nicht die absolute Zahl. In meinem Umfeld ist auch jemand gestorben an Corona, wäre zu 100% auch so dieses Jahr gestorben. War eine Erlösung.
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    4. Antwort von Timo Graf  (Timograf)
      Ps ich spreche nicht von Massnahmen wie Abstand halten und Masken tragen, das ist ja selbstverständlich, macht Sinn und kostet niemanden etwas. Ich spreche von soziale Kontakte runterfahren.
      Ich kenne einfach keinen einzigen Alten die dieses Isolieren wollen oder einhalten. Die ältere Generation hat doch sowieso das Problem der Einsamkeit und nicht dass sie irgendwann sterben. Die Jungen halten sich am besten an die Massnahmen und nehmen Rücksicht, das bringt nur was wenn die Alten das wollen.
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    5. Antwort von Rolf Bombach  (RGB)
      Jetzt müssen Sie uns nur noch sagen, wieviele Dutzend tote Ärzte und Wieviele Hundert tote Pfleger und Schwestern Sie pro Hunderttausend "Massnahmenmüden" Sie für angemessen halten.
      Falls Jugendliche depressiv werden, liegt das offensichtlich am total vermurksten gesellschaftlichem System in der Schweiz und nicht ursächlich an Corona-Seiteneffekten. In Griechenland ist das Phänomen gänzlich unbekannt.
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    6. Antwort von Adrian Meyer  (Sapient)
      "Viele wären sowieso inner kürzester Zeit gestorben"? Das wäre ziemlich überraschend - immerhin beträgt die Restlebenserwartung eines 80jährigen in der Schweiz 9 Jahre:

      https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/geburten-todesfaelle/lebenserwartung.html

      Und risikoerhöhende Vorerkrankungen wie Bluthochdruck führen meistens auch nicht innert kürzester Zeit zum Tod.
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