Ein 18-Jähriger drückt aufs Gas, rast mit über 280 km/h über eine Zürcher Autobahn. Sein Beifahrer feuert ihn an, der Kollege auf dem Rücksitz filmt. Der Raser hat den Führerausweis erst seit zwei Monaten. Das Auto ist gemietet, ein Audi RS7 mit 600 PS. Die jungen Männer riskieren ihr Leben, gefährden andere. Alles läuft live auf Tiktok.
Die «Rundschau» hat den Raser getroffen. Gegen ihn läuft ein Strafverfahren, ihm droht eine Freiheitsstrafe. «Ich habe unverantwortlich gehandelt, aber ich will nicht ins Gefängnis», sagt er. «Ich hoffe auf eine Bewährungsstrafe.»
Rekord bei Raserfällen
Das Strafverfahren gegen den Raser führt Staatsanwalt Michael Huwiler, Leiter der sogenannten Rasergruppe der Staatsanwaltschaft Zürich. Er behandelt ausschliesslich Raserunfälle, Rennen, waghalsige Manöver, Driften oder sogenannte Burnouts. Aktuell bearbeitet er rund 70 Fälle – einer von ihnen ist der Fall des Rasers mit dem Tiktok-Video. Zum laufenden Verfahren äussert er sich nicht.
«Die Raserfälle und insbesondere die Unfälle, das Alter des Lenkers und die Leistung des Fahrzeugs haben einen direkten Zusammenhang», sagt er. Es gebe praktisch keine Raser und keine Raserunfälle mit normalen PS-Stärken.
Zudem schalten Junglenker oft Sicherheitsassistenten oder -systeme aus, um zu driften. Oder filmen ihre Taten. «Es ist wie eine Trophäe für sie», so der Staatsanwalt. Die Zahl aller Raserfälle ist im Kanton Zürich in nur fünf Jahren von 141 auf 230 angestiegen.
Staatsanwalt will PS-Beschränkung
2025 gab es im Kanton Zürich 30 Verkehrstote, davon sechs Rasertote. «Das ist viel. Das heisst, jeder fünfte Verkehrstote im Kanton Zürich ist ein Rasertoter», sagt Huwiler. Bei den tödlichen Unfällen habe der «schwächste» involvierte Wagen 400 PS gehabt.
«Es scheint, als würde es nicht aufhören. Jetzt sind andere Massnahmen gefordert», sagt er und plädiert für eine PS-Beschränkung bei Neulenkenden für die ersten fünf Jahre.
Miet- und Leasingverbot gefordert
Strengere Massnahmen gegen Raser sind in der Politik seit Jahren ein Thema. Für Nationalrätin Gabriela Suter (SP/AG) sind Junglenker, die einfach zu PS-starken Autos kommen, eine Gefahr. «Ein Neulenker braucht sicher nicht 600 PS», sagt sie. «Ich fordere ein Miet- und Leasingverbot von leistungsstarken Fahrzeugen für Leute, die frisch angefangen haben mit Autofahren.»
Suter ist mit einer generellen PS-Beschränkung für Junglenker vor vier Jahren im Rat gescheitert. Nun versucht sie es mit einer abgeschwächten Variante. Letzte Woche hat sie den Vorstoss eingereicht.
Unterstützung gibt es von SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel: «Es gibt Junglenker, die extra schnelle Fahrzeuge möchten und mit ihnen imponieren wollen oder sogar Rennen machen. Das sind oft gemietete oder geleaste Fahrzeuge.» Man sollte nicht alle einschränken, sondern vor allem die Risikogruppen.
«Man kommt zu einfach an ein solches Auto»
Rechtsanwalt Raphaël Camp verteidigt den Raser. Er hofft auf ein abgekürztes Verfahren und einen Vergleich mit dem Staatsanwalt. «Ziel des Strafrechts soll nicht sein, dass man wirtschaftliche Existenzen zerstört», sagt er. «Aber es ist eine Straftat, das darf man nicht bagatellisieren.»
Auch er begrüsst Einschränkungen: «Man kommt zu einfach an ein schnelles Fahrzeug. Es ist alles zu einfach.» Sein Klient ist mittlerweile 19 Jahre alt und in der Lehre. Er bereut seine Tat: «Es hätten Leute sterben können.» Er habe daraus gelernt.