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Schweigeminute für Corona-Tote - schöne Geste oder Symbolpolitik?
Aus Rendez-vous vom 05.03.2021.
abspielen. Laufzeit 03:50 Minuten.
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Schweigeminute für Coronaopfer Verbundenheit mit den Verstorbenen – ob coronabedingt oder nicht

Auf den Tag genau vor einem Jahr starb offiziell der erste Mensch in der Schweiz nach einer Infektion mit dem Coronavirus. Laut Statistik sind bis heute mehr als 9300 Menschen im Land damit oder daran gestorben. Ihrer gedachten die Landeskirchen um 12 Uhr mit Glockengeläut und einer Schweigeminute, so, wie es Bundespräsident Guy Parmelin vorgeschlagen hatte. Für Jesuitenpater Niklaus Brantschen ein Moment, um in sich zu gehen.

Niklaus Brantschen

Niklaus Brantschen

Jesuit und Zenmeister

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Niklaus Brantschen kam 1937 zur Welt. Er besuchte das Kollegium in Brig und trat mit 22 Jahren dem Jesuitenorden bei. Er ist Jesuit, katholischer Priester und Zenmeister. Er leitete viele Jahre das Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn und machte es zum Meditations- und Bildungszentrum für interreligiöse Begegnungen.

SRF News: In welchem Licht sehen Sie den heutigen Gedenkmoment?

Niklaus Brantschen: Es ist ein Moment, um innezuhalten, nachzudenken und der vielen Toten zu gedenken. Ich denke – nein, ich bin überzeugt, dass es eine sehr schöne Geste ist, eine im guten Sinne symbolische Geste. Die Glocken stehen auch für etwas. Ich denke da an Totenglocken. Bei uns im Wallis hat man bei einem Toten, einer Toten eine Stunde lang geläutet. Nicht nur eine Minute, sondern eine Stunde lang. Ich finde das ein sehr wichtiges Zeichen.

Zusammen zu trauern ist wichtig, auch für eine Gesellschaft. Wie erklären Sie sich aber diese besondere Behandlung der Coronatoten?

Das ist ein scharfer Ausdruck. Sie werden nicht besonders behandelt, sondern es liegt ja etwas in der Luft. Alle reden von diesem Phänomen und alle werden doch mehr oder weniger nachdenklich, wenn es um unerwartete oder mehr oder weniger erwartete Todesfälle geht.

Lehre uns, die Tage zu zählen, damit wir weiser werden.
Autor: Psalm 90,12

Und dann besinnen wir uns auch immer auf uns zurück. Wie lebe ich? Gedenke ich des Todes, der todsicher kommen wird? Es gibt ein schönes Wort im Psalm 90: Lehre uns, die Tage zu zählen, damit wir weiser werden. Auch wir werden nicht ewig leben, sondern unser Leben wird zu Ende gehen. Und darum auch die Frage: Was mache ich mit meinem Leben? Wie gestalte ich es? Vertrödle ich es oder lebe ich es achtsam? Auch in Verbundenheit mit den Verstorbenen – seien sie jetzt coronabedingt oder wie auch immer von uns gegangen.

Wir nehmen dieses Gespräch vor 12 Uhr auf. Was tun Sie um 11.59 Uhr?

Ich werde in der Kapelle sein, im Bildungshaus Bad Schönbrunn, und wir werden unsere beiden Glocken nicht nur eine Minute läuten lassen, sondern fünf. Und dann werden wir, ein paar andere und ich, einfach dasitzen, uns mit den Glocken verbinden und schauen, was so ein Geläut – ein altes Symbol – mit uns macht in dieser Situation, die für viele sehr schwierig ist. Was machen diese Zeiten mit uns, und was machen wir mit dieser sogenannten Coronazeit? Es ist eine Zeit der Besinnung für die Lebenden und die Toten.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Die Geschichte der Schweigeminute

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Jesuitenkirche in Luzern
Legende: Imago

«Die Schweigeminute ist ein politisches Ritual, das im frühen 20. Jahrhundert entstand und im Zusammenhang mit dem staatlich organisierten Gedenken an die Toten des Ersten Weltkriegs seinen Durchbruch erlebte», schreibt Karsten Lichau im Buch «Sound des Jahrhunderts». Sie sei eine «Erfindung» des 20. Jahrhunderts, greife aber auch Praktiken aus älteren kulturellen Traditionen auf.

So etwa Gesten und Rituale in Königshäusern, Schulen oder Fabriken und im Militär. So gab es etwa während der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert bereits Schweigemärsche. Bei der Beisetzung des britischen Königs Edward VII. am 20. Mai 1910 oder dem Gedenken an die Opfer des Titanic-Untergangs im April 1912 wurde der Verkehr für mehrere Minuten respektive Stunden gestoppt.

Die erste Schweigeminute in der Form, die sich heute etabliert hat, fand am 9. Februar 1919 in den USA anlässlich der Trauerfeiern für den am 6. Januar verstorbenen Präsidenten Theodore Roosevelt statt. «Ihre wichtigsten Elemente sind das durch akustische Signale markierte Schweigen, die zumindest teilweise Unterbrechung von Verkehr und Produktion sowie das Stillstehen der Menschen im öffentlichen Raum während eines kurzen, wenige Minuten umfassenden und oft landesweit respektierten Moments», so Lichaus Definition.

Rendez-vous, 05.03.2021, 12:30 Uhr;

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Conny Hasler  (conhas)
    @Stauffacher @granello
    ich finde Ihre Kommentare nur billig;mehr kann man dazu nicht sagen
  • Kommentar von Sabine Zgraggen  (S. Zgraggen)
    Wer aufrichtig ein Zeichen der Solidarität setzt, sollte doch nicht verspottet werden!

    Wir alle wünschen uns, dass unsere Leiden, ob in Folge der Pandemie oder aus anderen Gründen, wahrgenommen werden. Sehr viel Not im Rahmen der Pandemie konnte bisher KEIN Gehör finden. Die Glocken gaben uns die Möglichkeit, sich gedanklich mit diesen Themen zu verbinden, HIN-ZU-HÖREN...

    Traurig und berührend, was ich in dieser Minute empfand.
  • Kommentar von Francisco Casanova  (Waldläufer)
    Die Kirchensteuern werden ab jetzt definitiv eingespart. Ich hätte mir etwas mehr Weitsicht von der Kirche erhofft, ohne dabei auf dem Coronazug mitzufahren.
    1. Antwort von Monika Mitulla  (momi)
      "Auch wir werden nicht ewig leben, sondern unser Leben wird zu Ende gehen. Und darum auch die Frage: Was mache ich mit meinem Leben? Wie gestalte ich es? Vertrödle ich es oder lebe ich es achtsam? Auch in Verbundenheit mit den Verstorbenen – seien sie jetzt coronabedingt oder wie auch immer von uns gegangen."
      Weise Worte - und es sind alle Toten gewürdigt worden, nicht nur die "an oder mit Corona" Verstorbenen.
    2. Antwort von Conny Hasler  (conhas)
      @casanova
      und was erwarten Sie denn von der Kirche?statt nur Kritik zu üben,können Sie gerne einen Vorschlag unterbreiten.ich finde es schön und empathisch,dass wir Gestern der Corona Toten gedenken konnten;und es wäre schön,wenn dies regelmässig stattfinden könnten,um all den vielen Menschen zu gedenken,die krank sind,behindert sind oder gestorben sind.