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In der Stadt Bern hat es doppelt so viele Sexarbeiterinnen wie sonst
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 25.01.2021.
abspielen. Laufzeit 03:37 Minuten.
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Sexarbeit und Corona So prekär ist die Lage der Sexarbeiterinnen in der Schweiz

Während einige Kantone Sexarbeit verbieten, erleben andere einen Ansturm. Das bringt die Frauen in schwierige Situationen.

Prostitution ist aktuell in der Schweiz laut dem Bundesrat erlaubt. Er überlässt den Entscheid den Kantonen und diese agieren wie gewohnt nicht einheitlich. Während Sex gegen Geld in Zürich verboten ist, erlaubt es der Kanton Bern.

Die Folge: Sexarbeiterinnen kommen aus anderen Kantonen nach Bern und hoffen, Freier zu finden. Denn ohne Freier gibt es keinen Lohn. Kurzarbeitsentschädigung oder Sozialhilfe können die wenigsten Frauen beantragen.

Sexarbeiterinnen teilen sich ein Zimmer

Laut Alexander Ott von der Fremdenpolizei der Stadt Bern sind im Moment doppelt so viele Frauen wie sonst für die Sexarbeit gemeldet. Es sind bis zu 180 Personen statt wie normalerweise 80 oder 90 Sexarbeiterinnen. Das hat Konsequenzen – insbesondere für die Frauen. Weil der Platz knapp ist, teilen sich viele ein Zimmer, zu dritt oder zu viert. Während eine arbeitet, warten die anderen im Gang. «Das ist eine ungute Situation», so Ott.

Das Anstellungsverhältnis der Frauen

In der Stadt Bern sind die meisten Sexarbeiterinnen via Meldeverfahren angemeldet. Dieses Verfahren braucht keine Bewilligung, nur eine Anmeldung.

Es handelt sich dabei um Frauen aus dem Ausland ohne Aufenthaltsstatus. Sie kommen aus EU- oder EFTA-Staaten und dürfen maximal 90 Tage im Jahre in der Schweiz arbeiten. Laut Alexander Ott von der Fremdenpolizei der Stadt Bern sind die meisten Sexarbeiterinnen in Bern selbständig erwerbend.

«Wir haben aktuell mehr Arbeit», sagt Christa Ammann von Xenia, der Berner Fachstelle für Sexarbeit. Viele Frauen hätten Zukunftsängste oder sie bräuchten Beratung bezüglich Verschuldung. Was die aktuellen Massnahmen angeht, da seien die Meinungen der Frauen geteilt.

Die einen sind froh, dass sie überhaupt noch arbeiten können. Andere fühlen sich im Stich gelassen, weil sie ohne Abendumsatz ein Defizit machen und sich verschulden.
Autor: Christa AmmannBerner Fachstelle für Sexarbeit Xenia

Was würde passieren, wenn auch der Kanton Bern Prostitution verbieten würde? Ein mögliches Szenario zeigt sich in Zürich.

Von der Strasse ins Internet

Die Stadtpolizei Zürich ist aktuell Sexarbeiterinnen auf der Spur, die trotz Verbot ihre Dienste anbieten. In normalen Zeiten erwischt die Polizei die Frauen auf dem illegalen Strassenstrich im Langstrassenquartier. Aktuell sind dort weniger Sexarbeiterinnen unterwegs. Stattdessen wechseln sie ins Internet.

Die Frauen haben seit Dezember nicht nur Anzeigen gegen die Prostitutionsgewerbeverordnung – also das illegale Anschaffen – am Hals, sondern auch wegen Widerhandlung gegen die Covid-19-Verordnung.

Eine Leuchtschrift und die Spiegelung eines Polizeiautos.
Legende: Laut der Stadtpolizei Zürich gibt es aktuell mehr Sexarbeiterinnen, die illegal arbeiten. zvg/FIZ, Nina Lanzi

Dass der Kanton Zürich das Arbeiten jetzt verbietet, wird kritisiert. «Es gibt eine Ungleichbehandlung gegenüber anderen Branchen», sagt Nathalie Schmidhauser von Procore, der nationalen Geschäftsstelle für Sexarbeit. «Andere Branchen mit Körperkontakt dürfen nach wie vor ihre Dienste anbieten.»

Schutzmassnahmen für Sexarbeit

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Laut einem Schutzkonzept von Procore, der nationalen Geschäftsstelle für Sexarbeit, sollen sich Sexarbeiterinnen an folgende Regeln halten:

  • Nach jedem Kunden Wäsche wechseln
  • Regelmässig lüften
  • Maske tragen
  • Sex nur mit Kondomen
  • Kein Küssen
  • Hände waschen und desinfizieren
  • Die Kontaktdaten müssen für 14 Tage erfasst werden

Wenn man den Sexarbeiterinnen verbiete, Lohn zu verdienen, müsse man ihnen unter die Arme greifen. Die Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration FIZ schreibt, das Verbot sei nicht verhältnismässig, es sei keine erhöhte Ansteckungsgefahr bekannt. Auf eine Anfrage zur Stellungnahme von SRF reagiert der Kanton Zürich nicht.

Nachts gilt überall Arbeitsverbot

In Bern dürfen sie arbeiten. Das werde sich auch nicht ändern, heisst es von Christian Kräuchi, Sprecher Berner Kantonsregierung. Drei Gründe hätten die Regierung zum Entscheid bewegt:

«Erstens orientiert sich der Kanton Bern bei den Corona-Massnahmen jeweils eng an den Bundesvorgaben. Der Bund hat kein Verbot für Erotikbetriebe erlassen. Zweitens treibt man die Frauen in die Illegalität, wenn man ihnen das Arbeiten verbietet, was die Kontrolle erschwert. Und drittens gelten Betriebszeiten zwischen 6 und 19 Uhr. Das ist nicht die Hauptzeit in diesem Gewerbe.»

Die Regierung hat entschieden, auf das Verbot zu verzichten. Daran ändert sich so schnell nichts.
Autor: Christian KräuchiSprecher Berner Kantonsregierung

Falls man die Betriebe jetzt doch schliessen würde, würde sich das Platzproblem nur in andere Kantone verlagern, meint Reto Nause, Stadtberner Sicherheitsdirektor. Für viele Frauen bliebe nur noch die Reise ins Heimatland. Wann und ob sie wieder arbeiten könnten, sei für sie unklar.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 21.1.21

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Melchior Walcher  (melchiorwalcher)
    Monica Boseff leitet in Bukarest ein Frauenhaus. Sie sagte, eine Unterscheidung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Prostitution brauche es nicht. «Am Ende stellt sich jedes Mal heraus, dass die Prostitution keine freie Wahl war. Entweder ging eine Form von Missbrauch voraus, es war Ausbeutung durch einen Loverboy oder aber Menschenhandel.» Doch es sei oft schwierig bis unmöglich, Zwang zu beweisen, solange die Frauen nicht bei der Polizei aussagen. Und das täten die wenigsten, aus Angst...
  • Kommentar von Daniel Gion  (dgion)
    Die einzige Behörde welche die Sexarbeiteitnnen akzeptiert ist das Steueramt. Steuern zahlen dürfen sie aber wenn es um Altersvorsorge, Rechte geht bleiben sie aussenvor.
    Typisch dazu die Covid-Masssnahmen. Arbeitsverbot ja aber Entschädigungen nein...
    1. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      Was tun bei 90 Tagen Aufenthalt im Jahr? Ich denke eine freiwillige Altersvorsorge im Heimatland dürfte einiges günstiger sein. Aber man sollte im Covid 19 Rahmen eine unbürokratische Sozialhilfe ausbezahlen.
    2. Antwort von Daniel Gion  (dgion)
      @Helmers 90 Tage Aufenthalt im Jahr? Es gibt auch sehr viele Sexarbeiteitnnen welche hier leben, auch Schweizerin en. Diese werden immer und überall diskriminiert - ausser beim Steuerzahler da denkt man an sie...
  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Allen, die Sozialabgaben bezahlen, darf geholfen werden. Alle andere sind Schwarzarbeiter, egal, in welcher Branche.