- Fast jeder dritte junge Mann in der Schweiz hat ein problematisches Männerbild – das zeigt eine Studie der Universität Zürich.
- Zudem befürchtet rund die Hälfte der jungen Männer, dass die «echte Männlichkeit» zunehmend verdrängt und marginalisiert wird.
- So zeigen junge Männer häufiger eine Akzeptanz von Gewalt sowie frauen- und queerfeindliche Einstellungen.
Im Zentrum der Studie standen Fragen zu Geschlechterrollen, Partnerschaft, Sexualität und Gleichstellung. Es sei das erste Mal, dass solche Daten für die Schweiz vorliegen, teilte die Universität mit.
Forscher messen den «Faktor M»
Um diese Haltungen messbar zu machen, entwickeln die Forschenden einen neuen Indikator, den «Faktor M». Er bündelt verschiedene Einstellungen: die Zustimmung zu traditionellen Geschlechterrollen, die Wahrnehmung einer Bedrohung männlicher Identität, Skepsis gegenüber Gleichstellung sowie frauen-, homo- und queerfeindliche Ansichten. Hohe Werte stehen für ein Weltbild, das Männlichkeit stark mit Dominanz, Härte und Abgrenzung verbindet.
Besonders auffällig sind die Ergebnisse bei den Männern im Alter von 18 bis 24 Jahren. Dort gehören 31 Prozent zur Gruppe mit den höchsten Faktor-M-Ausprägungen. Über alle Altersgruppen hinweg fällt jeder fünfte Mann in diese Kategorie. Bei den Frauen sind es sieben Prozent.
Auffällig ist das Bedrohungsgefühl vieler junger Männer. Fast jeder zweite 18- bis 24-Jährige gab an, besorgt zu sein, dass «richtige Männer» an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden. Diese Zahl überraschte auch die Forschenden.
Tiktok, Youtube und Corona
Warum die Werte bei jungen Männern so hoch ausfallen, ist noch nicht geklärt. Als mögliche Erklärungen verweisen die Autoren auf die digitale Sozialisation der jüngsten Männergeneration. Plattformen wie Tiktok oder Youtube verbreiten Männlichkeitsbilder, die Dominanz, Härte und Status betonen.
Gleichzeitig fielen wichtige Jahre der Identitätsbildung dieser Altersgruppe in die Zeit der Corona-Pandemie.
Deutschschweiz stärker betroffen
Weit verbreitet ist der Faktor M bei Männern mit tieferer Bildung, geringerem Einkommen und niedrigerem beruflichen Status. Unter den 18- bis 24-jährigen Männern mit Berufslehre gehört laut Studie fast jeder Zweite zur Gruppe mit den höchsten Faktor-M-Ausprägungen. Bei Gymnasiasten und Hochschulabsolventen ist der Anteil mehr als dreimal so tief.
Auch Region und Herkunft fallen ins Gewicht: In der Deutschschweiz sind die Werte bei jungen Männern höher als in der Romandie und im Tessin, auch zeigen sich Unterschiede bei der familiären Herkunft. Die Forschenden untersuchten sieben Herkunftsregionen der Väter der Probanden, wobei Herkunftsländer mit sehr kleinen Fallzahlen nicht berücksichtigt wurden. Die höchsten Faktor-M-Werte zeigen sich bei Männern mit familiären Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien: Knapp jeder Zweite gehört dort zur Gruppe mit den höchsten Ausprägungen. Laut Studie unterscheiden sich die Werte der Herkunftsregion Ex-Jugoslawien statistisch signifikant von allen anderen Gruppen.
Die Unterschiede liessen sich aber nicht allein auf Kultur oder Religion zurückführen. Als mögliche Faktoren nennen die Studienautoren unterschiedliche Sozialisationsbedingungen in Herkunftsregionen und Diasporagemeinschaften, Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung, verschiedene Geschlechterrollen sowie die Orientierung an traditionellen Männlichkeitsidealen als Bewältigungsstrategie in prekären Lebenslagen.