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Pflegeverband warnt vor Notstand
Aus Tagesschau am Vorabend vom 12.05.2020.
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Tag der Pflege «Man unterschätzt, wie viele Pflegende Depressionen haben»

Eine Untersuchung des Unispitals Zürich zum Gesundheitszustand des Gesundheitspersonals unterstreicht den Eindruck, wonach die Arbeitnehmenden im Gesundheitssektor besonders belastet sind.

Tobias Spiller

Tobias Spiller

Forscher am Unispital Zürich

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Dr. med. Tobias R. Spiller ist Postdoktorand an der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik UZH.

SRF: Herr Spiller, was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus Ihrer Umfrage?

Tobias Spiller: 26 % des Gesundheitspersonals haben klinisch relevante Symptome für Angsterkrankungen, das heisst, sie sollten das eigentlich ärztlich abklären lassen. 20 % zeigen Symptome einer Depression. Und 14 % der 1400 befragten Personen zeigen Symptome, die von Covid-19 oder von einer anderen Infektion der Atemwege herrühren können. Die Angestellten fühlen sich aber gut unterstützt von den arbeitgebenden Heimen und Spitälern.

Wir haben die Fragen nicht einfach erfunden.
Autor: Tobias Spiller

Erschrecken Sie die Resultate?

Man unterschätzt wohl, wie viele Leute auch im Gesundheitsbereich psychische Erkrankungen wie Depressionen haben. Deshalb erschrecken mich die Zahlen nicht im Vergleich zu dem, was man aus unserer Branche schon kennt.

Wie findet man heraus, ob Depressionen beim Gesundheitspersonal während der Corona-Krise zunehmen?

Wir haben keine Vordaten zum Vergleich, das heisst, wir können noch nicht sagen, ob die genannten Erkrankungssymptome in der Krise zunahmen oder nicht. Es fehlen auch Vergleichsdaten zur Gesamtbevölkerung. Im Moment läuft aber bereits die zweite Umfrage und so können wir bald zumindest aussagen, ob sich die Symptome während der Krise verschärfen.

Kann eine Umfrage mit Fragebogen überhaupt belastbare Resultate zeigen?

Wir haben die Fragen nicht einfach erfunden, sondern etablierte Fragebögen eingesetzt, gerade zu den psychischen Erkrankungen. Aber es stimmt, wir können nicht sagen, dass die Erhebung für das Gesundheitspersonal repräsentativ ist.

Je mehr Stunden die Leute arbeiten, desto mehr Burnout haben sie.
Autor: Tobias Spiller

Gibt es unterschiedliche Befunde innerhalb des Personals?

Es gibt Unterschiede ja, aber sie sind komplex. Männer haben weniger Symptome als Frauen, Ärzte weniger als Pflegende. Das entspricht auch den Geschlechterunterschieden, die man aus der Gesamtbevölkerung kennt. Die Unterschiede aber sind nicht sehr gross. Wir haben versucht, das Geschlechterverhältnis und das Berufsbild – mehr Männer sind Ärzte, mehr Frauen Pflegende – herauszurechnen. Dann sieht man bei Frauen etwas mehr Angstsymptome. Viel wichtiger als das Geschlecht ist allerdings, ob man sich vom Arbeitgeber unterstützt fühlt oder nicht.

Und woher rühren die Symptome? Genereller Arbeitsstress? Die medizinische Herausforderung, den Todkranken zu helfen?

Wir haben das in unserer Studie nicht im Detail untersucht, sehen aber: Je länger – mehr Stunden – die Leute arbeiten, desto mehr Burnout haben sie. Und wir sehen, dass Angestellte auf der Covid-Station mehr Symptome wie Angst, Depression oder Burnout zeigen, aber sie arbeiten eben auch länger.

Der Verband des Pflegepersonals fordert bessere Arbeitsbedingungen. Jede zweite Pflegende verlässt den Beruf. Bestätigt Ihre Erhebung die Misere?

Ich bin selber Arzt und nicht von der Pflege, unsere Forschungsgruppe aber besteht auch aus Pflegewissenschaftlerinnen und Psychologinnen. Aus der mir bekannten Forschung kann ich ihnen sagen, dass die psychische Belastung bei Pflegenden generell dazu beiträgt, dass viele den Job verlassen. Auch die Wertschätzung der Patienten und der Bevölkerung ist wichtig. Und ja, auch die Arbeitsbelastung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind anerkannte Probleme im Pflegeberuf. Hier ist das Verständnis der Arbeitgebenden Spitäler und Heime enorm wichtig.

Das Gespräch führte Michael Perricone.

Die Untersuchung

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Die jetzt als Preprint veröffentlichte Studie basiert auf einer Umfrage unter Schweizer Gesundheitspersonal von Anfang April 2020. Sie wird verantwortet vom Universitätsspital Zürich. Tobias R. Spiller ist Postdoktorand an der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik UZH.

Tagesschau 12.5.2020, 19:30 Uhr;

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Nico Stäger  (Nico Stäger)
    Es scheint mir, dass es in der Corona-Krise vor allem darum geht, ein neues Verhältnis zu Gesundheit und Tod in der Gesellschaft zu erarbeiten. Was ist mir/uns Gesundheit wert? Sind wir solidarisch, wenn Menschen durch Rauchen oder Umweltschäden sich und anderen Schäden zufügen? Können wir Freitod und Sterbehilfe als legitime individuelle Entscheidung akzeptieren? Ist eine Lebenserwartung von 80 Jahren automatisch eine Garantie der Gesellschaft, dass ich persönlich 80 gesunde Lebensjahre erlebe?
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  • Kommentar von Adrian Weber  (Pöbel)
    Es wird erwartet, dass sich die Pflegenden um Kranke und Sterbende kümmern, aber wer kümmert sich um die Pflegenden? Arbeitgeber sind mitverantwortlich für die Gesundheit ihres Personals, insbesondere bei Depressionen und Burnout. Vielleicht sollten die Arbeitgeber endlich auf die Bedürfnisse des Personals hören. Unverständlich, dass sie trotz der Datenlage und trotz einer Volksinitiative nichts gegen die grossen Belastungen unternehmen und sie im Gegenteil noch verschlimmern.
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    1. Antwort von Pascal Padrutt  (papa)
      Pflegepersonal zu entlasten, bedeutet Mehrkosten, immense Mehrkosten? Sind Sie bereit höhere Krankenkassenprämien zu zahlen, höhere Steuern zu entrichten oder gar eine teure Pflegeversicherung abzuschliessen?
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    2. Antwort von Christine Angst Azevedo  (caa)
      FaGe ausbilden: Fr. 30'000.-- , diese arbeitet nur 2 Jahre. Pflegefachperson ausbilden, nochmals tausende Franken, bleibt aber nicht auf dem Beruf.
      Neue Pflegefachperson rekrutieren und einarbeiten: Fr. 30'000.--, diese arbeitet nur 2 Jahre. Invalide Pflegefachpersonen, usw. Wenn die Bedingungen besser währen, würden vielleicht nicht einmal mehr Kosten anfallen. Unser System rentiert so jedenfalls nicht.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Pflegende, die Depressionen haben, sollten zu einem neutralen Arzt und sollten sich notfalls für eine Weile mal krank schreiben lassen. Wenn das in einem gewissen Ausmass passiert, erst dann werden die Spitäler reagieren, wenn es um Geld geht. In der Zwischenzeit präsentieren Spitäler, auch Kantonsspitäler, ihr tolles finanzielles Ergebnis im letzten Jahr.
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    1. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Es ist falsch, das Gesundheitswesen dem Markt mit seinem Gewinnstreben zu unterstellen.
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