Wenn der Rohstoffhandel in Turbulenzen gerät, wird es auch für die Genfer Finanzdirektorin Nathalie Fontanet hektisch. Gerade jetzt wieder, wegen des Kriegs im Iran.
Die Freisinnige sagt: Sie bedaure Kriege, aber die Realität für Genf sei, dass in Kriegszeiten oft die Steuereinnahmen stiegen. Das zeigte sich in der Corona-Pandemie und im Ukraine-Krieg – und es dürfte sich wegen des Iran-Kriegs wiederholen.
Rekordüberschuss für Genf
Das zeigte sich auch in den Jahresrechnungen. 2023 erzielte Genf vor allem wegen des Rohstoffhandels einen Rekordüberschuss von fast 1.4 Milliarden Franken. Auch der Bund kassiert. Bis 2028 rechnet er dank des Genfer Rohstoffhandels mit Mehreinnahmen zwischen 600 und 800 Millionen Franken.
Der Grund ist klar. Kriege verteuern Rohstoffe, bringen Rohstoffhändlern höhere Gewinne und dem Staat mehr Steuereinnahmen: Unternehmenssteuern, Dividendensteuern und Einkommenssteuern wegen der Boni der Rohstoffmanager.
Wie viel zusätzliches Steuergeld wegen des Iran-Kriegs in die Staatskasse fliesst, kann Finanzdirektorin Fontanet noch nicht beziffern. Sie sagt: Im Ukraine-Krieg seien noch die gesamten Rohstoffe von Preisanstiegen betroffen gewesen, heute im Iran-Krieg rede man ausschliesslich vom Rohöl.
Jährliche Milliardengewinne
Die Entwicklungen auf dem Handelsplatz Genf im Zusammenhang mit dem weltweiten Ölhandel beobachtet auch Robert Bachmann, Rohstoffexperte bei der Nichtregierungsorganisation Public Eye.
Gemäss Bachmann erwirtschaften die grössten Genfer Ölhändler wie Vitol, Gunvor, Trafigura und Mercuria jährlich ein- oder sogar zweistellige Milliardengewinne.
Auch durch Risikoprämien steigern Rohstoffhändler ihre Gewinne.
Auch für ihn ist klar, dass die Schweiz vom Krieg in Nahost profitiert. Denn die Händler arbeiteten aktuell mit hohen Risikoprämien. Auch das verteuert die Rohstoffe. «Durch diese Risikoprämien steigern die Händler ihre Gewinne», so Bachmann. Doch damit nicht genug. Auch Termingeschäfte seien in Kriegszeiten extrem lukrativ.
Rohstoffexperte Bachmann geht darüber hinaus davon aus, dass dem Fiskus nicht nur wegen der höheren Ölpreise mehr Geld zufliesst. Er beobachtet, dass auch die Lieferketten bei Metallen und Mineralien gestört sind. «Dazu hat die Nahrungsmittelindustrie einen erhöhten Bedarf an Düngemitteln, für deren Produktion es wiederum Erdgas braucht», betont Bachmann.
Zudem gebe es im Fall einer Ölknappheit jeweils eine erhöhte Nachfrage nach Kohle, auch aktuell wieder. Gerade in Asien sei die Nachfrage nach Kohle gestiegen, was enorm schädlich fürs Klima sei, aber den Genfer Rohstoffhändlern erheblich Geld in die Kasse spüle, so Bachmann.
Abklärungen sind nötig
Gegen 50 Prozent der Genfer Steuereinnahmen stammen aus dem Rohstoffgeschäft, in das nebst den Händlern auch Banken, Transporteure, Versicherer und Zertifizierer involviert sind.
Damit der Kanton, aber auch der Bund wissen, mit wie hohen Einnahmen sie rechnen können, wird Finanzdirektorin Nathalie Fontanet Handelsfirmen, aber auch die Händler als Privatpersonen bereits im Juni ein erstes Mal um Auskünfte zu ihren Geschäften bitten.
Sie will verhindern, dass sie ein Defizit ankündigt und am Ende wieder ein Rekordüberschuss resultiert.