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Prekärer Personalmangel zum Schulbeginn
Aus Tagesschau vom 08.08.2022.
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Verzweifelte Schulen Lehrkräfte-Mangel: die tatsächlichen Sorgen der Eltern

«Als Mutter würde ich mir Sorgen machen» – mit dieser besorgniserregenden Aussage in den Tamedia-Zeitungen überraschte heute Morgen Dagmar Rösler die Nation. Wenn sie das sagt, muss man aufhorchen, denn Frau Rösler ist Präsidentin des Dachverbandes der Lehrerinnen und Lehrer. Wenn die oberste Lehrerin den Eltern angesichts des Lehrermangels in den Schulen «Sorgen» nahelegt, dann macht man sich als Mutter oder Vater auch welche.

Nur: Sind Sorgen wegen der Quereinsteiger, welche als Lehrpersonen in die Lücken springen, nötig? Oder sind Quereinsteigerinnen Teil der Lösung? Bei Quereinsteigern sind nicht übermässig Fälle von Überforderung wegen mangelnder Berufsbildung bekannt, auch im Kanton Schaffhausen nicht, wo man schon seit etlichen Jahren auf Quereinsteiger setzt. Und nicht voll qualifiziert sind in der grössten Schulregion – Kanton Zürich – nur 783 Personen von 9678 Lehrkräften*.

Aber Eltern der betroffenen Kinder mögen sich berechtigterweise wundern, wenn eine ehemalige Universitäts-Assistentin vor der Klasse steht, die zwar rechnen und schreiben kann, aber nicht eine vollwertige, pädagogische Ausbildung mitbringt.

Kantone haben Personalmangel verschlafen

Sorgen machen dürften sich Schulbehörden und die politisch Verantwortlichen in den Kantonen. Die beiden wesentlichen Faktoren des Lehrermangels – viele Lehrer kommen ins Pensionsalter, mehr Kinder in die Schulen – hätten die Behörden besser antizipieren können: Beides liess sich voraussehen.

Die Politik habe etwas geschlafen, sagt der zuständige Schaffhauser Regierungsrat gegenüber Radio SRF selbstkritisch. Immerhin.

Dass viele Kantone jeden Sommer in leichter Panik ausgebildete Lehrpersonen herbeisehnen, Quereinsteiger casten, Schulkinder selber Stelleninserate basteln oder in Videos singend nach einer Lehrerin suchen (müssen) – das sollte kein Zustand auf Dauer sein, und doch begleitet er uns seit Jahren.

Dennoch gibt es noch immer (!) keine nationalen Zahlen zum Lehrermangel oder zur Anzahl Quereinsteiger – eine dunkle Seite der zerstückelten Bildungslandschaft. Und ein Unvermögen der kantonalen Ämter oder der Koordination durch die EDK, der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz.

Immer weniger arbeiten Vollzeit

Sorgen dürfte sich auch der Dachverband der Lehrer und Lehrerinnen machen: Ebenfalls seit Jahren nämlich sinken die Arbeitspensen der voll qualifizierten Lehrpersonen. Heute ist nicht einmal mehr jede dritte Lehrperson Vollzeit als Lehrkraft tätig.

Als Lösungsansatz fordert der Verband seit Jahren unter anderem höhere Löhne, um den Beruf attraktiver zu machen. Dagmar Rösler verwies gestern gegenüber Radio SRF auf Genf, das keinen Lehrermangel kenne – wegen der höchsten Löhne im Land, sagt Rösler.

Nicht erwähnt hat die Verbandspräsidentin, dass Genf auch als einziger Kanton ein Mindestarbeitspensum für Lehrpersonen kennt – nämlich mindestens 50 Prozent. In allen anderen Kantone arbeiten insgesamt 34'685 Lehrpersonen* weniger als 50 % – wären diese alle nach Genfer Modell angestellt, der Lehrermangel wäre möglicherweise vom Tisch.

Was bleibt den Eltern übrig? Zuzuschauen, wie die Politik ein wenig schläft, sich mit Quereinsteigen hilft und wie Lehrerinnen und Lehrer immer weniger arbeiten. Da sind Sorgen tatsächlich angebracht.

Michael Perricone

Michael Perricone

Stv. Leiter Inlandredaktion, SRF

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Michael Perricone ist stellvertretender Leiter der Inlandredaktion von SRF TV. Zuvor arbeitete er als Autor und Produzent bei der «Rundschau» und war stellvertretender Redaktionsleiter von «10 vor 10».

* Quelle: Bundesamt für Statistik, Erhebung 2020/21

Tagesschau, 08.08.2022, 19:30 Uhr

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23 Kommentare

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  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Guten Nachmittag liebe Community, vielen Dank für Ihre spannenden Beiträge - für heute schliessen wir hier die Kommentarspalte und wünschen Ihnen einen schönen Abend. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Wenn ich denke, wie oft, wie, wann, in welchem Zusammenhang gefragt wird: "hat.. verschlafen?" muss ich feststellen: wir liegen hierzulande offenbar nicht nur im Schlaf, sondern im Koma. Dies, besonders wenn eine "Analyse" von Verbands-Oberen kommt. Ich kenne mich im Pflegebereich besser aus als im Schulischen, stelle aber Aehnliches fest: Engagement vor Ort ist zentral; Quereinsteigende brauchen gute "Brückenangebote", Unterstützung der Schulleitungen, Personen mit mehr Prozent ist wichtig..
  • Kommentar von marlene Zelger  (Marlene Zelger)
    Nein, die Kantone haben den Lehrermangel nicht verschlafen. Seit Februar werden mehr Schülerinnen die Schulen besuchen, auch aus Gründen der Flüchtlingswelle aus der Ukraine, mit vielen Kindern. Der Lehrerberuf ist leider nicht mehr attraktiv: zu tiefe Löhne, Stress, Kinder aus fremden Kulturen, diese Anforderungen belastet den Lehrerberuf zusätzlich. Attraktivität des Berufes ist gefragter denn je.