Die Geschichte von Chatbot Sophia beginnt mit einem Erlebnis, das Rhiana Spring während ihrer Zeit als UNO-Mitarbeiterin im Senegal hatte: Damals versuchte sie vergeblich, einem Flüchtlingsmädchen Zugang zu einer Schule zu verschaffen.
Hilfe in 25 Sprachen
Erst eine zufällige Begegnung mit einer Mitarbeiterin der Schweizer Botschaft im Senegal brachte den gewünschten Erfolg. Der Frau gelang es, das Mädchen einzuschulen. «Es war für mich unverständlich, dass Hilfe von so vielen Zufällen abhängig sein soll», so Rhiana Spring. Ihr wurde klar: Es fehlt eine effiziente Brücke zwischen Menschen in Not und den richtigen Hilfsangeboten.
Häusliche Gewalt gibt es in jedem Land, jeder Gesellschaftsform, jeder sozialen Schicht.
Diese Erkenntnis war wegweisend, als Rhiana Spring 2021 den Chatbot Sophia lancierte: eine digitale Begleiterin, die Betroffene von häuslicher Gewalt mit einer Fachstelle zusammenbringt, also eine Brücke zwischen Opfern und Helfenden schlägt. «Es ist ein Gesprächsprogramm, das in 25 Sprachen und rund um die Uhr verfügbar ist.»
Der Chatbot bietet Opfern einen anonymen Weg, sich über Anzeichen von Missbrauch und Hilfsangebote zu informieren, Beweise zu sammeln oder die Flucht zu planen. «Der Austausch mit Sophia funktioniert ähnlich wie ChatGPT und kommt wie ein normaler Chat daher.» Aber die Bernerin betont: «Es ist keine Notfallnummer – wer akut Hilfe benötigt, muss sich bei der Polizei melden.»
Im Juli 2025 wurde der Chatbot mit dem «AI for Good Impact Award 2025» der Vereinten Nationen ausgezeichnet. «Die UNO sagte, unser Chatbot sei eine der besten KI-Lösungen der Welt», sagt Rhiana Spring. Geld bringe diese Auszeichnung nicht. Aber sie schaffe Kontakte. «Wir wurden von Bundesrat Cassis an eine Konferenz mit Botschafterinnen und Botschaftern eingeladen, um Sophia vorzustellen.»
Als 17-Jährige eine IT-Firma gegründet
Dass der Chatbot auf häusliche Gewalt fokussiert, liegt daran, dass Spring im Gespräch mit Frauen immer wieder festgestellt hat: Dieses Thema ist drängend. «Häusliche Gewalt gibt es in jedem Land, jeder Gesellschaftsform, jeder sozialen Schicht», so Rhiana Spring. Viele Opfer würden schweigen und aus Angst oder Scham keine Hilfe holen. «Mit Sophia wollen wir die Hemmschwelle senken.»
Rhiana Springs Engagement für Menschenrechte wurzelt tief. Bereits als Kind hatte die Bernerin ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Und früh zeigte sich auch ihr Unternehmergeist: Mit 17 brachte sie sich das Programmieren bei und gründete eine eigene IT-Firma.
Nach dem Jurastudium in England arbeitete sie als Expertin für Menschenrechte auf den Philippinen, in Äthiopien, im Senegal. «Erst wer länger im Ausland ist, lernt die eigene Kultur richtig kennen», sagt Spring.
App gegen sexistische Kommentare
Zurück zum preisgekrönten Chatbot. Bislang hat Sophia über 41'000 Nutzerinnen und Nutzer in 172 Ländern. «Die Auszeichnung der Uno gibt uns Auftrieb. Jetzt wollen wir Sophia in die ganze Welt bringen», sagt Rhiana Spring.
Derweil arbeitet die Tech-Aktivistin mit ihrem internationalen Team parallel am nächsten Projekt: Eine App, die hilft, sexistische Kommentare kurz und humorvoll zu kontern. «Sophia bekämpft häusliche Gewalt als Symptom», sagt Rhiana Spring. «Jetzt möchte ich einen Schritt weiter gehen, zu den Wurzeln der Gewalt an Frauen.» Heisst für Rhiana Spring: alltäglicher Sexismus. Auch hier gebe es noch viel zu tun, sagt sie.