Zum Inhalt springen

Header

Fotos von ganz vielen Bundesräten zu einer Kollage zusammengefügt.
Legende: 119 Mitglieder zählt die Schweizer Landesregierung seit der Gründung des Bundesstaates 1848. SRF/Uli Krüger
Inhalt

Wer wird Bundesrat? Die andere Zauberformel: Jurist, freisinnig, männlich...

119 Mitglieder der Landesregierung zählt die Schweiz seit 1848. In diesen 171 Jahren hat sich gezeigt, dass gewisse Voraussetzungen die Wahl ins höchste Amt erleichtern. Doch es gibt Ausnahmen. 7 Thesen, 7 Grafiken und 7 Gegenbeweise.

Jede volljährige Person, die in der Schweiz stimmberechtigt ist, darf für einen Sitz in der Landesregierung kandidieren. So steht es in der Bundesverfassung:

(Die Mitglieder des Bundesrates) werden aus allen Schweizerbürgerinnen und Schweizerbürgern, welche als Mitglieder des Nationalrates wählbar sind (...) gewählt.
Autor: Schweizer BundesverfassungArtikel 175 Abs. 3

Das ist die Theorie. In der Praxis aber hat sich im Verlauf der letzten 171 Jahre eine «Zauberformel» etabliert, die jenen, die sie erfüllen, durchaus den Weg in die Landesregierung erleichtert. Die Zutaten?

1. Der richtige Beruf

Eigentlich ist es förderlich für eine Bundesratskarriere, ein Studium abgeschlossen zu haben, am besten Jurisprudenz.

Aber: Es gibt durchaus Exoten, wie Emil Frey (BL/FDP). Ohne Abschluss einer höheren Schule arbeitete er als Farmerknecht in den USA, kämpfte während des Sezessionskrieges als Freiwilliger in der Nordstaatenarmee und geriet in Kriegsgefangenschaft. Zurück in der Schweiz wurde er in den Baselbieter Regierungsrat und später in den Nationalrat gewählt. Dort amtete er als erster Chef der radikal-demokratischen Fraktion. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, gelang ihm 1891 die Wahl in den Bundesrat, wo er bis 1897 einsass.

2. Die richtige Partei

Eigentlich muss Herr oder Frau Bundesrat keiner Partei angehören. Doch ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass Parteizugehörigkeit eine grosse Rolle spielt – noch nie wurde ein Parteiloser in die Landesregierung gewählt:

BUNDESRATSMITGLIEDER NACH PARTEIEN 1848-2019

FDP (72)CVP (21)SP (14)SVP (10)BDP (2)

Aber: Es gibt auch Parteien, die extra für ein Bundesratsmitglied gegründet wurden – damit dieses nicht plötzlich heimatlos dastand. Weil Eveline Widmer-Schlumpf (GR) 2007 statt des offiziellen SVP-Kandidaten gewählt wurde, schloss die SVP sie und ihre Bündner Sektion aus. Erst knapp ein Jahr später wurde die BDP gegründet, die Widmer-Schlumpf und auch Samuel Schmid (BE), der sich in der SVP immer mehr desavouiert sah, eine neue Heimat bot.

3. Das richtige Geschlecht

Eigentlich hätte es nach 1971 – dem Jahr, in dem auch die Frauen in die eidgenössischen Räte gewählt werden konnten – auch eine weibliche Vertretung im Bundesrat geben können.

BUNDESRATSMITGLIEDER NACH GESCHLECHT 1848-2019

9 von 119 sind Frauen

Aber: Die Männer dominierten weiter. Erst 1984 zog mit Elisabeth Kopp eine Frau ein, die allerdings in zwei Punkten die Regel bestätigte: Sie war freisinnig und Zürcherin. 2010 waren die Frauen dann erstmals mit vier Vertreterinnen in der Mehrheit – ein Zustand, der nur bis Ende 2011 anhielt.

3. Der richtige Kanton

Eigentlich sollten die Landesgegenden und Sprachregionen im Bundesrat angemessen vertreten sein, wie es in der Bundesverfassung von 1999 steht. Zuvor galt, dass jeder Kanton höchstens einen Bundesrat gleichzeitig im Amt haben konnte. Ziel war, eine Dominanz der grossen Kantone zu verhindern – was total verfehlt wurde. Denn: Zürich, Waadt und Bern schickten bisher am meisten Vertreter in die Landesregierung. Und: Die Urschweizer Kantone Uri, Schwyz und Nidwalden waren in 171 Jahren noch nie in der Landesregierung vertreten. Ebensowenig Schaffhausen.

Aber: Ein eher mittelgrosser Kanton (an 15. Stelle was die Fläche und 2018 an 16. Stelle was die Bevölkerung betrifft) folgt an vierter Stelle auf der Rangliste jener, die am meisten Bundesräte stellten: Neuenburg.

4. Erfahrung in der Politik

Eigentlich ist es auch keine Voraussetzung, dass ein Mitglied des Bundesrates zuvor in einer der Eidgenössischen Ratskammern sass. Doch hat sich gezeigt, dass diese politische Erfahrung den Weg in die Landesregierung zu ebnen hilft. Und wer nicht auf Bundesebene politisiert hat, hat oft Legislativ- oder Exekutiverfahrung in seinem Heimatkanton gesammelt.

BUNDESRATSMITGLIEDER NACH POLITISCHER ERFAHRUNG 1848-2019

144EidgenössischesParlamentNur KantonsregierungKeine123

Aber: Tatsächlich hat es mit Hans Schaffner (FDP/AG) ein Nichtpolitiker in den Bundesrat geschafft. Allerdings kannte er als Spitzenbeamter Bundesbern bestens. Ein erster Versuch als «Wilder» scheiterte, 1961 wurde er dann als offizieller FDP-Kandidat in die Landesregierung gewählt, der er bis 1969 angehörte. Auch nie in der Bundesversammlung oder in einer Kantonsregierung sassen Ruth Dreifuss (SP/GE) und Bernhard Hammer (FDP/SO).

5. Das richtige Alter

Eigentlich ist 51 Jahre das Durchschnittsalter aller Bundesräte und -rätinnen über 171 Jahre gesehen.

Aber: Es gibt durchaus «Ausschläge» nach oben und nach unten. So war Numa Droz (FDP/NE) bei seiner Wahl 1875 erst 31 Jahre jung. Als «Methusalem» kann man hingegen Gustave Ador (FDP/GE) bezeichnen, der 1917 im stattlichen Alter von 72 Jahren zu Ehren kam. In seinen zweieinhalb Amtsjahren erreichte er, dass nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Genf Sitz des Völkerbundes und der Neutralitätsstatus der Schweiz anerkannt wurde.

7. Und zuletzt: Ein eleganter Abgang

Eigentlich treten Bundesräte freiwillig zurück, zahlreiche taten dies aus gesundheitlichen Gründen, einige wenige mussten vorzeitig abtreten – wie zum Beispiel Elisabeth Kopp. Manche starben im Amt.

Aber: Es gab auch Bundesräte, die nach vier Jahren nicht wieder im Amt bestätigt wurden, obwohl sie gerne länger geblieben wären. Allerdings waren dies in 171 Jahren Bundesratsgeschichte nur vier Fälle: 1854 Ulrich Ochsenbein (FDP/BE), 1872 Jean-Jacques Challet-Venel (FDP/GE), 2003 Ruth Metzler-Arnold (CVP/AI) und 2007 Christoph Blocher (SVP/ZH).

Und zu beweisen war?

Eigentlich liesse sich aus den Thesen ableiten, dass Ignazio Cassis, männlich, 58 Jahre alt, freisinnig, Ex-Parlamentarier und bereits gewählter Bundesrat, grösste Chancen auf seine Wiederwahl hat.

Aber: Es gibt bei Bundesratswahlen immer Ausnahmen – somit haben auch Aussenseiter durchaus Chancen, am 11. Dezember das 120. Mitglied der Schweizer Landesregierung zu werden.

Video
Keine rosigen Aussichten für Rytz
Aus Rundschau vom 04.12.2019.
abspielen
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Eric Cerf  (Alpenjonny)
    Dass Regula Rytz nicht BR wid, steht fest. Der Schuss geht auch ziemlich sicher nach hinten los und trifft die eigenen Leute. Regula Ritz wid so zur Märterin hochstilisiert. Die Grünen Spitze weiss das auch. Weil die Klimadiskussionen gehen weiter, mit oder ohne den Bremsklotz SVP.

    r
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Peter Singer  (P.S.)
    Wir sollten unbedingt wieder jemanden mit Beruf Abenteurer wählen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Lothar Drack  (samSok)
    Ein interessanter Beitrag, danke SRF. Unter den Berufsbezeichnungen kommt mir jedoch „Dozent“ als sehr vage daher und müsste genauer zugeordnet werden können. Je nach Fachrichtung steht doch ein anderes Berufsfeld dahinter, ob es sich z. B. um Aviatik, Entwicklungspsychologie, Humangeographie oder Medizinhistorische Forschung handelt, macht doch einen Unterschied.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen