Das ist passiert: Der ehemalige Chirurg André Plass hatte die Missstände an der Klinik für Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich (USZ) Ende 2019 zuerst intern angeprangert, später wurde die Affäre öffentlich. Im Zuge dieses Skandals geriet auch Plass in die Schusslinie und wurde entlassen. Nun bestätigte eine Administrativuntersuchung vergangene Woche schwerwiegende Mängel und wies eine Übermortalität von rund 70 unerwarteten Todesfällen nach. Die Chefin des USZ, Monika Jänicke, bedankte sich daraufhin in einem Interview bei Plass. Ihm gebühre Respekt, sagte sie zur «Sonntagszeitung».
Das sind die Risiken: Zwar werden Whistleblower in der Öffentlichkeit manchmal als Helden gefeiert, privat nehmen sie jedoch grosse Risiken auf sich. Fälle aus der Vergangenheit zeigen: Mehrere haben nach der Veröffentlichung brisanter Informationen ihre Arbeitsstelle verloren, wurden zum Teil gesellschaftlich geächtet und sogar strafrechtlich verfolgt. Das bestätigt auch Urs Thalmann der Transparency International Schweiz. «Leider verlieren Whistleblower immer noch häufig ihren Job und beobachten hinsichtlich des von ihnen gemeldeten Missstandes keine Verbesserung.» Ausserdem sei es für Whistleblower danach oft schwierig, in der gleichen Branche wieder Fuss zu fassen – so aktuell auch bei André Plass.
Bekannte Schweizer Whistleblower
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Bild 1 von 5. Adam Quadroni war der Whistleblower im Bündner Baukartell-Skandal. Er informierte 2009 das kantonale Tiefbauamt über illegale Preisabsprachen der Bauunternehmer im Unterengadin. 2017 wurde er verhaftet und in eine psychiatrische Klinik nach Chur gebracht. Ein Gericht bezeichnete den Polizeieinsatz nachträglich als «unrechtmässig». Bildquelle: Keystone / Michael Buholzer.
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Bild 2 von 5. Der Schweizer Wirtschaftsprüfer Rudolf Elmer veröffentlichte 2008 via Wikileaks bankinterne Dokumente der Bank Julius Bär. Damit warf er der Bank vor, dass sie Steuerhinterziehung, -umgehung und systematische Beihilfe dazu leiste. Bildquelle: Keystone / Walter Bieri.
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Bild 3 von 5. Die beiden früheren Controllerinnen des Stadtzürcher Sozialamts, Margrit Zopfi und Esther Wyler, gaben 2007 Sozialhilfe-Betrugsfälle an die Medien weiter. Sie verloren ihre Jobs und wurden wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses verurteilt. Bildquelle: Keystone / Walter Bieri.
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Bild 4 von 5. Christoph Meili verhinderte 1997 bei der SBG (heute UBS) die Vernichtung alter Bankbelege nachrichtenloser Vermögen von Holocaust-Opfern und machte dies publik. Seine Geschichte wurde 2018 verfilmt. Bildquelle: Keystone / Walter Bieri.
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Bild 5 von 5. Der Detektivwachtmeister Kurt Meier enthüllte in den 1960er-Jahren Missstände bei der Zürcher Polizei – und verlor danach Job, Ehe und Ehre. Bildquelle: Keystone/STR.
Das ist die Situation in der Schweiz: Es gibt keine explizite Regelung für den Umgang mit Whistleblowing in der Privatwirtschaft. Arbeitnehmende unterliegen zugunsten der Arbeitgeberin einer Treue- und Geheimhaltungspflicht. Sie können davon entbunden werden, wenn ein sogenanntes «überwiegendes Interesse» an einer Offenlegung besteht. In welche Richtung diese Interessenabwägung ausfällt, ist schwer vorherzusehen und wird von Gerichten entschieden. Anders ist es für Angestellte des Bundes. Sie sind gesetzlich davor geschützt, berufliche Nachteile zu erfahren, wenn sie «in guten Treuen» Hinweise melden.
Das ist die Kritik: Laut Transparency International fehlt in der Schweiz ein gesetzlicher Schutzrahmen für Whistleblower – trotz vorgeschriebener EU-Richtlinien und entsprechender Vorstösse im Parlament. «Das macht die Situation in der Schweiz unglücklich, vor allem auch im Vergleich zum übrigen Europa», sagt Thalmann. Auch die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) kritisiert die Schweiz immer wieder. In einem Bericht von 2025 heisst es, alle seit 2018 unternommenen Versuche seien gescheitert. Für Transparency International Schweiz muss der Wandel zudem nicht nur im Gesetz und in der Politik, sondern auch in der Gesellschaft stattfinden. «Wir müssen stärker verinnerlichen, wo der Unterschied zwischen böswilligem Verpetzen und lösungsorientiertem, gutgläubigem Hinweisgeben liegt.»
Das sagt die Politik: Eine Vorlage zum Schutz von Whistleblowern scheiterte 2024 im Parlament. «Das Gesetz ist gescheitert an links und an rechts, weil keine griffige Definition gefunden wurde, welche Informationen aufgedeckt werden dürfen», erklärt SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann. Sibel Arslan (Grüne/BS) stimmt zu, dass Whistleblowing schwierig zu definieren ist. Dies sei aber kein Argument, auf eine Regulierung zu verzichten. Sie plant deshalb Vorstösse: «Wir sind der Meinung, dass eine gute, unkomplizierte und für uns auch haltbare Vorlage auf Bundesebene nötig ist», so Arslan.