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Fragen und Antworten «Wird Europa zusehends in Bedeutungslosigkeit versinken?»

SRF-Korrespondent Sebastian Ramspeck hat von 10:30 bis 13 Uhr Ihre Fragen zur Geopolitik der Grossmächte beantwortet.

Chat-Protokoll:

Lieber Herr Ramspeck, das kommende WEF steht unter dem Motto 'A spirit of Dialogue' . Kann aus Ihrer Sicht das WEF eine Plattform für Gespräche bieten, mit dem Potenzial, auf das derzeitige globale machtpolitische Kräfteverhältnis Einfluss zu nehmen? Wenn ja, in welcher Richtung am ehesten?

Sebastian Ramspeck: Ich denke, das WEF versteht sich – heute wieder mehr als früher – als neutrale Plattform, die Dialog ermöglichen soll, ohne in die eine oder andere Richtung Einfluss zu nehmen. Ob und wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Plattform nutzen, ist dann ihre Sache.

Guten Morgen, Herr Ramspeck. Beurteilen sie Trumps Aktionen alle gleich, oder wären sie auch der Meinung, gewisse Aussagen und Aktionen dienen lediglich als mediale Blendgranate, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit seiner vermeintlichen Willkür zuzuschreiben, anstatt sich weiterhin mit der Aushöhlung des Rechtsstaats oder z. B. den Epstein-Files zu beschäftigen? Irgendwelche Toilettenpapiere, die an Schuhsohlen kleben, unhaltbare Aussagen gegen Behinderte etc, darauf stürzt sich die Presse, während die Ernennung eigener Leute und die Abschaffung der Strafverfolgungsbehörden, die sich mit öffentlicher Korruption beschäftigen, zbsp. medial fast keine nennenswerte Berichterstattung findet. Zumindest kommt’s mir so vor.

Sebastian Ramspeck: Ich bin kein USA-Experte, kein USA-Korrespondent, aber was ich sagen kann: Wenn einer so viel den ganzen Tag erzählt und entscheidet und macht wie Donald Trump, ist es auch für uns Journalistinnen und Journalisten nicht immer ganz einfach, Spreu von Weizen zu trennen. Jedenfalls scheint mir unsere Berichterstattung sehr umfassend und vielfältig!

Sind Russland und China tatsächlich eine Gefahr in Grönland, also wäre ein Grönland unter den USA verhältnismässig das «mildeste Übel»?

Sebastian Ramspeck: Grönland ist schon jetzt (über Dänemark) Teil der Nato, die USA haben bereits Truppen in Grönland, dürfen in Grönland militärisch operieren. Das heisst, sie müssen Grönland nicht besitzen, um es gegen Russland und China zu verteidigen und um auf Grönland mehr Einfluss zu haben. Aber Trump will Grönland in Besitz nehmen.

Warum nehmen viele nicht-westliche Staaten – insbesondere im Globalen Süden – eine so deutlich andere Haltung zum Ukraine-Krieg ein als der Westen?

Sebastian Ramspeck: Die meisten Staaten haben den Ukraine-Krieg völkerrechtlich verurteilt, beteiligen sich aber nicht an den Sanktionen gegen Russland, liefern der Ukraine keine Waffen usw. Dafür gibt es unzählige Gründe: kein Interesse an Sanktionen allgemein, Antiamerikanismus, Verbindungen zu Russland usw.

Guten Tag. Ich habe zwei Fragen: 1. Wie schwach ist die Position der «vernünftigen» Europäer, dass sie keine wirksame und entschiedene Reaktion auf die Provokationen haben? Haben sie kein Gegen-/Druckmittel? 2. Was kommt nach Trump? Wie lange dauert es, die geopolitischen Schäden rückgängig zu machen, durch eine, sagen wir mal, demokratische Präsidentin oder einen demokratischen Präsidenten? Viele Grüsse

Sebastian Ramspeck: 1. Sehr schwach – militärisch, technologisch und daher auch diplomatisch. 2. Eine nächste US-Präsidentin würde sicher vieles anders machen, auch aussenpolitisch – aber die Erfahrung zeigt, dass es über Parteigrenzen hinweg mehr Kontinuität gibt, als viele erwarten würden. Eine Demokratin würde wohl Grönland nicht einnehmen wollen, aber ebenfalls knallhart US-Interessen durchsetzen.

Würde eine militärische Invasion Grönlands den USA nicht eher schaden als nützen? Hinsichtlich Vertrauensverlust seitens Europas, Asien?

Sebastian Ramspeck: Die USA würden mit einer Invasion in Grönland sicher noch mehr Sympathien verspielen, gerade in Europa. Aber mein Eindruck ist, dass Trump Sympathien nicht wichtig sind, solange die USA militärisch und wirtschaftlich mächtig sind und den Takt vorgeben können.

Guten Tag Herr Ramspeck, danke für das Angebot. Ich schätze Ihre Einordnungen sehr. Mich würde interessieren, wie Sie persönlich die Berichterstattung über die USA wahrnehmen. Ich habe oft das Gefühl, dass sich Medien und Journalistinnen und Journalisten nicht trauen, gewisse Sachen auszusprechen, und vor Trump ohnmächtig werden. Bestes Beispiel: der ICE-Agent, der die Frau erschossen hat. Warum traut sich niemand, die Regierung zu kritisieren? Auch bei SRF.

Sebastian Ramspeck: Ich muss gestehen, dass ich nicht immer jeden Beitrag und Bericht von SRF über die USA lese, höre oder sehe, aber ich habe insgesamt den Eindruck, dass wir sehr kritisch über Trump berichten. Im Einzelfall kann man natürlich immer das eine oder andere als zu unkritisch – oder als zu kritisch – kritisieren...

Sehen Sie Anzeichen dafür, dass die USA auf eine Neuauflage eines «Great Game» eingestiegen sind, in dem sie versuchen, Territorien in ihren vermeintlich legitimen Einflusssphären zu besetzen? Und womöglich sogar versuchen, Pufferstaaten zu bilden, mindestens durch das Einsetzen von Marionettenregierungen? Die Gegenspieler der USA wären ganz klar Russland, welches spätestens mit dem Einmarsch in die Ukraine den ersten offensichtlichen Zug in diesem Game gemacht hatte, sowie China, das mindestens in der Taiwan-Frage in Lauerstellung liegt. Historisch drehte sich das «Great Game» im 19. Jahrhundert bekanntlich um territoriale Einflusssphären der damaligen Grossmächte Grossbritannien und dem Zarenreich Russland in Mittelasien.

Sebastian Ramspeck: Die USA selbst reden nicht von einem neuen «Great Game», aber von einer neuen Monroe-Doktrin, wonach ganz Amerika (von Kanada bis Chile) zur US-Einflusszone gehört. Russland sieht die Ukraine und andere Ex-Sowjetrepubliken als Einflussgebiet, China Teile Asiens. Das widerspricht natürlich dem Geist des Uno-Vertrags, wonach jedes Land selbst bestimmen kann, ob es neutral ist, ob es zu einem Block gehören will.

Warum haben wir im Moment nur Staatschefs, welche sich als kriegstreiberische Urgrossväter Entpuppen? Gibts keine jüngeren, friedlicheren? Meiner Meinung nach werden diese Leute einfach abgewürgt. Von Tattergreisen regierte Welt, für mich unglaubhaft.

Sebastian Ramspeck: In Demokratien werden Staats- bzw. Regierungschefs vom Volk gewählt (direkt oder indirekt). Das Volk muss also «bloss» andere Männer und Frauen wählen, wenn es eine andere Politik will.

Können die USA Grönland politisch übernehmen ohne Landaneignung oder Krieg?

Sebastian Ramspeck: Wenn die USA Grönland zu 100 Prozent kontrollieren wollen, müssen sie es – vereinfacht gesagt – kaufen oder erobern, also ins eigene Territorium integrieren. Denkbar ist allenfalls ein Deal, der den USA weitgehende Mitspracherechte einräumt. Über solche Szenarien gibt es heute in Washington Gespräche.

Auch wenn in Amerika nicht alles perfekt läuft, ist mir immer noch lieber, wenn die Grönland kontrollieren, als wenn es die Chinesen oder Russen tun, da unsere Werte immer noch ähnlicher sind. Wäre es deshalb aus europäischer Sicht nicht sinnvoll, den Amerikanern Grönland zu überlassen, da dadurch Grönland besser vor einer Invasion durch Russland oder China geschützt wäre. Spätestens seit dem Ukrainekrieg ist es meines Erachtens offensichtlich, dass wir Russland oder China nicht die Stirn bieten können. Also lieber den Amerikanern Grönland verkaufen, als es den Chinesen oder Russen zu überlassen.

Sebastian Ramspeck: Grönland ist Teil Dänemarks, Dänemark ist wie die USA Teil der Nato, und die USA könnten schon heute weitere Militärbasen in Grönland eröffnen, es gibt dafür sogar ein spezifisches Abkommen zwischen den USA und Dänemark. Bloss – bisher wollten die USA das nicht! China und Russland haben auf Grönland keine Truppen, Waffen usw.

Dass alles was politisch und wirtschaftlich auf der Welt passiert wirkt auf mich irgendwie nicht überraschend sondern wirkt als eine von immer möglichen Optionen. Somit frage ich mich (Sie), wieso Europa derart schwach und abhängig auf der Weltbühne ist (wirkt) und wer trägt aus Ihrer Sicht die Verantwortung dafür? Europa wirkt naiv und unvorbereitet und ich frage mich, wieso sollte diese Schwäche von den anderen Grossmächten nicht ausgenutzt und Europa vernichtet werden. Ich bin gespannt über ihre Meinung. Freundliche Grüsse

Sebastian Ramspeck: Wirtschaftlich wurden sicher in vielen europäischen Ländern die Weichen falsch gestellt, zu wenig Investitionen, zu viel Bürokratie usw. Geopolitisch stark wäre «Europa» meines Erachtens aber nur als Staat mit einer gemeinsamen Armee, einer gemeinsamen Regierung usw. Das wollen die allermeisten Europäerinnen und Europäer aber nicht, sie wollen ihren eigenen «kleinen» Staat beibehalten.

Wie gross sind die geopolitischen Überlebenschancen der Schweiz im Alleingang? Ist langfristig nur ein «Überleben» in intensiver Zusammenarbeit und Abkehr der USA (auch in Fragen Rüstungsbeschaffung, z.b. F-35) möglich? Diese Fragen beziehen sich auf die aktuelle geopolitische Lage, falls die USA ihren letztjährigen Kurs (,Trump, Rubio usw...) beibehalten. Mit freundlichen Grüssen

Sebastian Ramspeck: Zu den Überlebenschancen der Schweiz: Ich sehe die Existenz der Schweiz nicht bedroht, wie ich übrigens die Existenz der meisten Staaten nicht bedroht sehe. Aber es wird sicher in Zukunft heftigere Diskussionen geben, ob man Waffen in den USA kaufen will oder lieber in anderen Staaten. Was den USA zugutekommt, ist ihre technologisch-militärische Überlegenheit.

Wie könnte die Schweiz in diesem ganzen Chaos wirtschaftlich profitieren? Kann eine bewaffnete Neutralität zu wirtschaftlichem Aufschwung in 2026/27 führen?

Sebastian Ramspeck: Wie es der Schweiz 2026/27 wirtschaftlich geht, hängt v.a. von der Weltwirtschaft, von der Wirtschaft in Europa und natürlich auch von wirtschaftspolitischen Entscheiden bei uns im eigenen Land ab – mit der bewaffneten Neutralität hat das meines Erachtens weniger zu tun.

Guten Tag, warum wird von der Politik nicht mehr reagiert, denn alles, was in den USA passiert, gleicht Deutschland 1933, als die Verfolgung der Juden begann, Bücher verboten und verbrannt wurden. Das Gebaren von Trump, sich Länder einfach einzuverleiben? Mir macht das Angst!

Sebastian Ramspeck: Ich würde die USA 2026 nicht mit Nazideutschland 1933 vergleichen! Trump hat ja – bisher – keine anderen Länder einverleibt. Dass viele Regierungen Trump nicht kritisieren, liegt daran, dass die USA sehr mächtig und einflussreich sind bzw. dass andere Länder von den USA abhängig sind (Dollar, Tech-Konzerne usw.)

Was sind die Hauptgründe, wieso europäische Länder nicht geeinter als Player in diesen Konflikten auftreten?

Sebastian Ramspeck: Hauptgrund ist, dass die europäischen Länder souverän und unabhängig sind, und die Länder haben unterschiedliche Befindlichkeiten aufgrund von Geschichte, Geografie, Kultur. Solange es keine Vereinigten Staaten von Europa gibt, wird das so bleiben.

Guten Tag Herr Ramspeck, im Kontext der aktuellen, globalen Situation frage ich mich immer und immer wieder, weshalb die Schweizer Politik sich den dringenden Fragen und Problemen und Themen wirklich stellt, resp. sie sich wegduckt, kuscht, kriecht oder wie auch immer. Und dies, obwohl seit mehreren Jahren eigentlich ersichtlich agieren angesagt wäre. Wie sehen Sie das «System Schweiz» im aktuellen, globalen Kontext? Haben wir längerfristig noch eine Überlebenschance? Vielen Dank für Ihr Statement. Mit freundlichen Grüssen

Sebastian Ramspeck: Hat die Schweiz als neutraler, politisch wenig einflussreicher Staat das «Wegducken» und «Kuschen» nicht jahrzehnte- und sogar jahrhundertelang ganz bewusst als Überlebens-Strategie …? Die meisten Schweizerinnen und Schweizer würden wohl sagen, dass wir damit gut gefahren sind...?

Wenn sich China in nächster Zeit entscheiden würde, Taiwan militärisch anzugreifen, wäre es möglich, dass dadurch ein grosser Krieg ausbrechen würde, denn es ist momentan nicht klar, ob die USA intervenieren würden. Jedoch hat sich Japan stark zu Taiwan bekannt. Weiter wäre interessant, wie sich andere Nationen verhalten würden, wie z. B. Indien, Russland, die NATO oder auch die beiden Koreas.

Sebastian Ramspeck: Meine Prognose: Wenn die USA Taiwan fallen lassen, werden die anderen von Ihnen genannten Staaten Taiwan auch nicht militärisch zu Hilfe eilen. China ist eine Atommacht und für ein Land wie Japan schlicht zu stark. Die Nato kommt nur ins Spiel, wenn ein Nato-Staat in Europa oder Nordamerika angegriffen wurde – oder allenfalls mit einem Uno-Mandat. All das wäre hier nicht gegeben.

Wie schlimm betrifft es die Schweiz? Ich habe sehr viel Angst und Panik. Mit lieben Grüssen

Sebastian Ramspeck: Wie schlimm betrifft was die Schweiz? Können Sie mir genauer sagen, was Sie meinen?

In den Verhandlungen um ein Waffenstillstandsabkommen zwischen der Ukraine und Russland wird immer wieder über Sicherheitsgarantien für die Ukraine gesprochen. Allerdings scheinen die europäischen Länder nicht bereit zu sein, Soldaten in die Ukraine zu schicken. Hat Europa der Ukraine unter diesen Bedingungen überhaupt etwas zu bieten, was über die jetzige (ebenfalls wichtige) Unterstützung mit Geld, Material und nachrichtendienstlichen Informationen hinausgeht? Oder halten sie es auf der anderen Seite für realistisch, dass das Tabu der «Boots on the Ground» irgendwann von einem europäischen Land gebrochen wird?

Sebastian Ramspeck: Nein, ich halte das nicht für realistisch. Studiert man die Aussagen und Positionen im Detail, sieht man, dass europäische Truppen ja nur im Rahmen einer Friedensvereinbarung mit Russland entsandt würden – Russland hat genau das aber immer wieder kategorisch abgelehnt. Die Truppen-in-der-Ukraine-Diskussion wirkt also realitätsfern.

Sehr schöne Gelegenheit. Meine Frage: Ich schaue rel. viel CNN. Ich finde es grausam, wie Trump wütet mit seinen verschiedenen militärischen oder polizeilichen Einheiten im Land. Vor allem ICE – töten und Familien auseinanderreissen nach Belieben. Warum ist die Justiz so schwach? Ist es Trump schon gelungen, sie sich fügig zu machen?

Sebastian Ramspeck: Ich bin kein USA-Experte. Ich habe den Eindruck, dass die Justiz im Grossen und Ganzen immer noch funktioniert in den USA, auch wenn die Furcht berechtigt ist, dass Trump die Justiz immer mehr aushebeln könnte.

Falls in den USA die Demokraten im November die Mehrheit gewinnen sollten, könnten sie ein Impeachment-Verfahren gegen Trump einleiten, und hätte es angesichts der Mehrheit Aussicht auf Erfolg?

Sebastian Ramspeck: Ein Verfahren einleiten könnten sie schon, aber sie bräuchten am Ende für die Amtsenthebung eine Zweidrittelmehrheit im Senat. Davon sind sie sehr, sehr weit entfernt.

Guten Tag, wie beurteilen Sie die heutige Bedeutung der UN und des Multilateralismus?

Sebastian Ramspeck: Die Uno ist nur stark, wenn sich die 193 Mitgliedstaaten, und darunter vor allem die Grossmächte, an die Uno-Regeln halten. Das ist aber zurzeit nicht der Fall. Deshalb ist die Uno so schwach wie selten zuvor.

Guten Tag, im Vergleich zu 1945 gibt es heute sehr viele Staaten. Eine Zukunftsfrage: Wie wird sich die Anzahl der Staaten in der UNO bis 2050 ändern, denken Sie, es gibt eher mehr neue Staaten (Unabhängigkeiten) oder weniger (durch Annexionen)?

Sebastian Ramspeck: Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass es bis 2050 den einen oder anderen neuen Staat gibt, erwarte aber keine wesentliche Zunahme. Im Moment scheinen Grossmächte eher andere Staaten und Gebiete annektieren zu wollen, sodass es vielleicht, wer weiss, den einen oder anderen Staat 2050 nicht mehr geben wird. Meine Prognose: Im Grossen und Ganzen wird sich die Anzahl Staaten nicht massiv verändern.

Warum mischt sich Kanada nicht ein in der Frage um Grönland? Geografisch wäre ja die Zugehörigkeit zu Kanada logisch.

Sebastian Ramspeck: Kanada ist froh, wenn es selbst nicht noch mehr Ärger mit Trump hat. Trump hat ja auch Kanada schon mal mit der Einverleibung gedroht!

Hallo! Ich würde Ihnen gerne eine Frage stellen: Wie beurteilen Sie die zukünftige Entwicklung Chinas? In der Presse begegnen uns zwei extrem widersprüchliche Narrative. Einerseits der technologische Aufstieg, bei dem China Europa längst abgehängt hat und zur Weltmacht direkt hinter den USA aufgestiegen ist. Andererseits die wirtschaftliche Lage, die so krisenhaft wirkt, als stünde das Land kurz vor dem Kollaps. Vielen Dank für Ihre Einschätzung!

Sebastian Ramspeck: Seit Jahrzehnten wird immer wieder über die wirtschaftlichen Probleme Chinas berichtet (z. B. Immobilienkrisen), aber am Ende wuchs Chinas Wirtschaft trotzdem immer weiter und ist extrem erfolgreich. Ich halte zwei Dinge für potenziell gefährlich: die Demografie (Chinas Bevölkerung schrumpft – für den Wohlstand ist das eine Herausforderung) und die mutmassliche Abwesenheit von Checks and balances an der Spitze von Partei und Staat.

Sehr geehrter Herr Ramspeck, ich versuche es noch einmal: Warum wird über längere Zeit von «Friedensverhandlungen» berichtet, wo doch von Beginn weg feststand, dass Putin weder Frieden schliessen will noch kann? Er würde sich selbst abschaffen.

Sebastian Ramspeck: Weil die Verhandlungen vonseiten der USA und der Ukraine Frieden bezwecken. Ich teile aber die Einschätzung, dass Putin den Krieg vermutlich auch deswegen fortsetzen will, weil mittlerweile die ganze russische Wirtschaft und Innenpolitik auf Krieg eingestellt ist und ein Frieden, bei dem Putin nicht alle Ziele 1:1 erreicht, für ihn gefährlich werden könnte.

Guten Tag, Herr Ramspeck. Trump droht gefühlt in alle Richtungen (Kolumbien, Grönland, Iran etc.). Was ist Ihre Einschätzung, ob und in welcher Reihenfolge Trump seine Drohungen mit militärischen Aktionen umsetzen wird? Und weitergeführt: Inwiefern könnte dies Auswirkungen auf die Unterstützung der Ukraine seitens der USA haben? Besten Dank.

Sebastian Ramspeck: Sehr schwierig zu sagen, das hängt von der Laune Trumps und den Erwägungen seines aussen- und sicherheitspolitischen Teams ab. Militärschläge gegen Kuba und Iran halte ich für wahrscheinlicher als Militärschläge gegen Grönland und Kolumbien (dort wird man vielleicht eher mit Druck versuchen, etwas zu erreichen). Aber ich kann mich natürlich täuschen – gerade bei Trump! Die Unterstützung für die Ukraine durch die USA hat so oder so einen schweren Stand, wobei beobachtet werden muss, wie sich mit Blick auf Iran usw. das Verhältnis USA-Russland entwickelt, das scheint mir eine besonders spannende und völlig offene Frage zu sein.

Angenommen, die USA «marschieren» in den nächsten Wochen in Grönland ein und setzen es unter die amerikanische Flagge. Wäre Dänemark, sowie die EU in der Lage zu reagieren, oder würde es schlicht das Ende der NATO bedeuten?

Sebastian Ramspeck: Meine Vermutung: Dänemark und die anderen europäischen Nato-Staaten würden gute Miene zum sehr bösen Spiel machen, weil sie dermassen von den USA abhängig sind, dass sie die USA nicht zum Feind haben möchten. Die Nato würde also zumindest auf dem Papier weiterexistieren. Aber natürlich sind auch andere Szenarien denkbar!

Ist die technologische Integration der Schweiz in den EU-Binnenmarkt ein Stabilitätsanker – oder langfristig der Hauptmechanismus, über den die EU schweizerische Souveränität faktisch ersetzt?

Sebastian Ramspeck: Wenn Sie auf das Vertragspaket «Bilaterale III» Bezug nehmen: Das Paket soll gewisse Fragen (z. B. Streitbeilegung Schweiz-EU) beantworten, welche die EU, aber auch viele in der Schweiz endlich beantwortet haben wollen. Im Gegenzug geht die Schweiz neue Verpflichtungen ein, die ihren Handlungsspielraum in gewissen Fragen einschränken. Das Stimmvolk wird entscheiden, ob das unter dem Strich gut oder schlecht ist für unser Land. Mir steht es nicht zu, hier eine Antwort zu geben!

Wie werden die aktuellen Unruhen im Iran von den Grossmächten beeinflusst? Unterstützen USA und CIA Gruppierungen vor Ort mit Informationen, finanziellen, logistischen Mitteln, über die aktuell in den Medien nicht offiziell berichtet wird?

Sebastian Ramspeck: Ich gehe davon aus, dass die CIA im Iran den Auftrag hat, den Sturz des Regimes herbeizuführen. Die grossen Geheimdienste der Welt – längst nicht nur die CIA – sind eigentlich immer in allen Unruheherden tätig. Die Medien berichten aber vor allem über Dinge, die gesichert sind; Geheimdienste operieren – der Name sagt es – geheim.

Guten Tag. Welche Auswirkungen hat die Geopolitik für die Länder südlich der Sahara bereits jetzt und in absehbarer Zukunft?

Sebastian Ramspeck: Das Ringen der Grossmächte USA, China und Russland findet auch in Afrika statt. Im besten Fall können afrikanische Staaten die Grossmächte gegeneinander ausspielen. Im schlechtesten Fall werden sie zwischen den Grossmächten aufgerieben.

Nach all den fraglichen Entscheidungen des US-Präsidenten, frage ich mich: «Wo sind die Demokraten?» Man hört überhaupt nichts aus dieser Ecke. Kann der Senat überhaupt eingreifen?

Sebastian Ramspeck: Die Demokraten verfügen über keine Mehrheiten auf Bundesebene und sind angesichts des Tempos von Trumps Aussenpolitik in der Defensive. Ich vermute, dass die Demokraten versuchen werden, sich auf die Innen- und Wirtschaftspolitik zu konzentrieren und mit diesen Themen bei den Wahlen im November zu punkten.

Guten Morgen, lieber Herr Ramspeck, wird Europa zusehends in Bedeutungslosigkeit versinken? Die Trends zeigen abwärts, von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit (Innovation, wichtige Ressourcen, Wachstum, Börsenwerte globaler Unternehmen usw.), über militärischen Einfluss, und fehlende Einigkeit bis zu Bevölkerungswachstum. Wie schätzen Sie diese Lage ein?

Sebastian Ramspeck: Technologisch und wirtschaftlich ist Europa im Vergleich zu den USA und China in den vergangenen Jahren deutlich ins Hintertreffen geraten, diplomatisch und militärisch sind die europäischen Staaten im Vergleich zu den USA und China ohnehin schwach. Dass Europa weiter an Bedeutung verlieren wird, ist daher ein wahrscheinliches Szenario.

Wieso tun sich die Europäer, d.h. insbesondere die EU so schwer, als Einheit aufzutreten? Jedes europäische Land tut «irgendetwas», verzettelt so ihre Kräfte und vor allem die Machtkonzentration. Die USA setzen sich ja auch aus 50 Staaten zusammen, sprechen aber meist mit nur einer (Trumps) Stimme!

Sebastian Ramspeck: Die USA sind ein Staat mit Machtkonzentration: An der Spitze steht der Präsident, kontrolliert von Parlament und Justiz usw. Die EU ist nur ein Staatenverbund mit 27 Mitgliedern ohne Machtkonzentration, in aussenpolitischen und sicherheitspolitischen Fragen kann die EU nur einstimmig Beschlüsse fassen. Und das ist oft nicht möglich, weil sich z. B. die Haltungen Estlands und Ungarns unterscheiden.

In der geopolitischen Berichterstattung und der Haltung der EU beobachte ich eine Ungleichbehandlung: Warum werden militärische Aktionen gegen Venezuela und den Iran von den westlichen Medien und der EU anders bewertet und dargestellt als der Angriff Russlands auf die Ukraine? Welche Faktoren – wie Allianzen, wirtschaftliche Interessen oder historische Kontexte – spielen hier eine Rolle? Vielen Dank für Ihre Einschätzung!

Sebastian Ramspeck: Inwiefern werden die Angriffe in der Berichterstattung unterschiedlich behandelt? Ob die genannten Angriffe völkerrechtswidrig sind, wurde doch in allen drei Fällen diskutiert und – mein Eindruck – in den meisten westlichen Medien bejaht. Die Haltung der EU ist geprägt von der grossen technologisch-militärischen Abhängigkeit der EU von den USA – daher will man die USA nicht verärgern und denkt erst gar nicht über Sanktionen gegen die USA nach.

Lieber Herr Ramspeck, ich danke Ihnen für Ihre gute und wichtige Arbeit über die vergangenen Jahre. Gerne würde ich um Ihre Einschätzung zum Risiko eines direkten bewaffneten Konflikts zwischen der Nato und Russland und/oder China in den nächsten 10 Jahren bitten. Welches geopolitische Spannungsfeld birgt Ihrer Meinung nach das aktuell grösste Risiko?

Sebastian Ramspeck: Vielen Dank für die Blumen! Ich halte es für möglich, dass Russland versuchen könnte, den Zusammenhalt der Nato auf die Probe zu stellen, indem es zum Beispiel eine begrenzte Militäraktion gegen einen Nato-Staat im Baltikum startet. Es ist nämlich nicht 100 Prozent sicher, dass die USA dem Staat dann zu Hilfe eilen würden. Die Nato geriete unter Umständen in eine grosse Krise, was gut für Russland wäre. Einen direkten bewaffneten Konflikt zwischen der Nato und China halte ich für extrem unwahrscheinlich.

Sehr geehrter Herr Ramspeck. Seit einiger Zeit fühle ich mich von der Berichterstattung hinters Licht geführt, ganz allgemein und wenn man von Geopolitik der Grossmächte spricht. a) Putin hat sich mit dem Ukrainekrieg in die Sackgasse manövriert – Eroberung von Kiew oder Wirren im eigenen Land. b) Die Geopolitik von Sleepy Don beschreibt Amanda Marcotte (Salon) wie folgt: «Stephen Miller exploits a nasty, tired old man to get WWIII». c) China ist gefühlt so weit weg wie damals unter Mao, es macht sein Ding. d) Europa hat die Verfassung von Giscard abgelehnt und es somit verpasst, eine ebenbürtige Spielerin zu werden. Frage: Warum versuchen Korrespondenten und Experten, uns Lesern und Zuhörern eine Logik zu zeigen, wo es keine Logik gibt? Freundliche Grüsse

Sebastian Ramspeck: Danke für Ihre Frage. Ich verstehe allerdings nicht ganz genau, inwiefern Sie sich «hinters Licht geführt» fühlen

Die Amis, die Russen und die Chinesen wollen die Welt unter sich aufteilen! Oder täuscht das ?

Sebastian Ramspeck: Den Eindruck habe ich auch: Dass Grossmächte wie die USA, China oder Russland aggressiver als noch vor 20 Jahren ihre Einflusszonen abstecken und bereit sind, für ihren Einfluss in den Krieg zu ziehen. Ganz neu ist dieses Denken aber nicht!

News Plus, 6.1.2026, 16 Uhr ; 

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