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Ihre Fragen zum Iran-Krieg «Warum hört Trump nicht auf seine eigenen Geheimdienste?»

Cornelia Meyer und Simon Wolfgang Fuchs haben von 10:00 bis 11:30 Uhr Ihre Fragen zum Iran-Krieg beantwortet.

Fachpersonen im «Club»-Chat

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Cornelia Meyer
Ökonomin, Rohstoff- und Energieexpertin

Simon Wolfgang Fuchs
Nahostexperte und Professor für Islamwissenschaft
Hebräische Universität Jerusalem

Chat-Protokoll:

Hallo SRF! Inwiefern wird dieser Krieg im Iran Russland und China global beinflussen?

Simon Wolfgang Fuchs: Man könnte im ersten Moment meinen, dass Russlands Strategie, sich als Gegengewicht der USA im Nahen Osten zu etablieren, herbe Rückschläge erlitten hat. Syrien ist hier ein eindrückliches Beispiel. Nun scheint auch mit dem Iran ein enger Verbündeter bedroht – noch dazu ein Land, das Russland bei seinem Angriffskrieg mit Drohnentechnologie unterstützt hat. Im Gegenzug hat Russland nur vage Versprechungen gegeben zu haben, in Bezug auf Kampfflugzeuge und fortschrittliche Flugabwehrsysteme, die aber nicht eingetroffen sind. Auf der anderen Seite hat Russland die Lage bisher zu seinem Vorteil gewandt – in Syrien ist man weiter im Geschäft und kann die Militärbasen wohl behalten. Es scheint in Sachen Iran der Fall zu sein, dass man das Regime in Teheran mit Geheimdienstinformationen versorgt und damit auch für einige der Erfolge der Iraner verantwortlich ist – zudem spielt natürlich der hohe Ölpreis Russland in die Karten. China ist derzeit an Balance interessiert – ja, man hat dem Iran geholfen, seine im letzten Jahr im Juni zerstörten Produktionskapazitäten für Raketentreibstoff zu ersetzen. Aber man hat auch viele Investitionen im Golf, die es auch zu schützen gilt. Für chinesische Medien ist es aber derzeit viel leichter, den Angriff gegen Iran als amerikanische Aggression zu verurteilen, als mit den Demonstrationen Anfang Januar umzugehen. Aufstände gegen ein autoritäres System sind per se gefährlich, da hat man nicht viel darüber berichtet. China kann derzeit zusehen und abwarten, dass die USA ihre begrenzten Flugabwehrraketen wie die teuren THAAD Systeme aufbrauchen. All dies hätte man dann bei einer möglichen Invasion Taiwans nicht mehr zur Verfügung.

Wieso sind die Ölpreise pro Barrel jetzt wieder gesunken, obwohl der Krieg weiterhin anhält?

Simon Wolfgang Fuchs: Wahrscheinlich waren die wilden Ausschläge vom Wochenende eine Überreaktion und ein Ausdruck der Panik. Hierbei hat das strategische Reden vom baldigen Ende des Krieges dann tatsächlich geholfen – nach dem Motto: Wahrscheinlich können wir noch einmal dem schlimmsten Szenario von der Schippe springen, vielleicht wird es gar nicht so schlimm. Wir müssen uns vor Augen halten, dass die Strasse von Hormus noch nie komplett gesperrt war. Dieser Beruhigungseffekt kann sich aber wieder abnutzen, sollte sich alles noch viel länger hinziehen – und davon ist derzeit leider wieder auszugehen.

Wie lange kann der Iran die Sperrung der Strasse von Hormus aufrechterhalten, nachdem die USA seine Marine stark geschwächt haben, und wie funktioniert diese Sperrung genau?

Simon Wolfgang Fuchs: Wir müssen uns die Sperrung eher weniger vorstellen als eine tatsächliche Sperre, mit der iranische Schiffe die Fahrtrinne blockieren. Es reicht schon, von Land aus, durchfahrende Schiffe ins Visier zu nehmen – hierzu hat Iran ein grosses Arsenal. Wie wenig selbst eine absolut überlegene Luftstreitmacht wie die USA (oder auch Israel) dagegen ausrichten kann, haben wir mit den Huthi gesehen. Hier waren es die USA, die einseitig ihre Angriffe eingestellt hatten, weil man keine Erfolge erzielen konnte. Von dieser Warte aus kann Iran also tatsächlich Druck ausüben und eine der Hauptverkehrsadern der Weltwirtschaft abschneiden.

Danke für die Gelegenheit, Fragen zu stellen. In den letzten Tagen hat der amerikanische Präsident seine Entscheidung zum möglichen Ende des Krieges bis zur Entsendung von Bodentruppen täglich gewechselt. Ist dieses Verhalten als Kriegsrhetorik zu verstehen? Was ist Ihre Einschätzung dazu?

Cornelia Meyer: Das müssen Sie Herrn Trump fragen!

Wie lange, denken Sie, dauert der Krieg noch?

Cornelia Meyer: Das ist sehr schwer zu beantworten. Es hängt davon ab, wann entweder Israel und die USA aufgeben oder der Iran sich geschlagen gibt. Es dürfte also noch eine Zeitlang so weitergehen. Die weltwirtschaftlichen Konsequenzen Öl, Gas, Inflation etc. werden einen Impuls geben, eine Lösung zu finden!

Warum hört Trump nicht auf seine eigenen Geheimdienste?

Simon Wolfgang Fuchs: Wir haben bereits in der Vergangenheit gesehen, dass Trump sehr wenig mit Bedenkenträgern und Miesmachern anfangen kann. Das komplexe Bild der Geheimdienste, die einer Luftkampagne nur geringe Chancen einräumten, Teheran in die Knie zu zwingen, ist da nicht sehr ansprechend. Trumps Unterhändler, egal ob sie nun ernsthaft verhandelten oder nicht, hoben natürlich die Aussicht eines umfassenden Deals in den Vordergrund. Eines Deals, der in ihren Augen doch «Sinn» machte – vom iranischen Regime allerdings als Demütigung empfunden wurde. Dazu trat die Überzeugung, dass mit hartem, schnellem Zuschlagen der Widerstandswille des Irans zusammenbrechen würde, egal, was die Geheimdienste sagen.

Ich komme langsam nicht mehr draus… Um was geht es eigentlich? Um Geld, Macht, West gegen Ost oder Religion, oder alles zusammen? Und jetzt soll die Schweiz auch noch aufrüsten? Ich bin für mehr Frieden auf dieser Welt… aber das fängt halt schon im Kleinen an!

Cornelia Meyer: Es geht verschiedenen Akteuren um verschiedene Dinge: Es geht um die Proxy-Milizen Irans, die den USA und Israel und auch anderen ein Dorn im Auge sind. Israel nutzt das Chaos, um im Libanon einzugreifen und eventuell auch in Syrien. Ich bin mir nicht sicher, was das Endziel der Amerikaner ist, sicherlich die Waffenkapazität der Iraner zu reduzieren, aber ansonsten wechseln sich die Ziele täglich. GCC ist sehr besorgt um Sicherheit und Einnahmequellen. Die De-facto-Sperrung der Strasse von Hormus kommt einem Kollateralschaden für die Weltwirtschaft gleich!

Was war genau der saure Regen und was hat der für Folgen?

Simon Wolfgang Fuchs: Teheran ist eine Stadt, die berüchtigt ist für ihren Smog – schon zu normalen Zeiten ist das Umfeld der Gesundheit nicht zuträglich. Durch die Bombardierung von vier grossen Öllagerstätten in der Hauptstadt haben wir nun aber, in Kombination mit heftigen Regenfällen, eine geradezu apokalyptische Gesundheitssituation erreicht. Die Bombardierung setzte giftige Substanzen wie Kohlenwasserstoffe, Schwefeloxide und Stickstoffverbindungen. Diese werden gerade für vulnerablen Bevölkerungsgruppen gefährlich, die mit Atemwegsproblemen zu kämpfen haben. Und nun haben sich die Gifte auch im Boden, im Wasser etc. abgelagert.

Ab wie viel «Provokation» gegen die Türkei ist die Nato gezwungen zu handeln?

Simon Wolfgang Fuchs: Sowohl die Nato als auch die Türkei haben sich bemüht, die beiden abgeschossenen Raketen nicht zu hoch zu hängen. Gerade die Regierung von Erdogan hat gute Beziehungen zu Teheran, und es passt eigentlich nicht ins Bild, dass der Iran tatsächlich hier die Konfrontation sucht. Allerdings verfängt natürlich diese Strategie der telefonischen Entschuldigung etc. nur so lange, bis wir nicht über ernsthafte Einschläge, Verletzte oder Tote reden. Dann müsste die Nato wohl handeln, und es könnte sein, dass auch europäische Länder in diesen Krieg gezogen werden.

Cassis: «Grenze des Selbstverteidigungsrechts überschritten» – Was ist der Unterschied zwischen dem Ukraine-Krieg und dem Iran-Krieg? Bei beiden Angriffen gibt es einen Aggressor. Im Iran-Krieg ist dies ganz klar die USA, und unser Aussenminister stellt den Iran als Aggressor dar mit dieser Aussage, weshalb?

Simon Wolfgang Fuchs: Hier sprechen Sie etwas an, das an den Kern des iranischen Selbstverständnisses rührt. Man möchte eigentlich gleich behandelt werden wie jedes andere UNO Mitglied, als «normales» Land im Weltgeschehen – und nicht mit zweierlei Mass gemessen werden. Iran gibt natürlich selbst immer wieder Anlass dazu, dass man dem Land seinen Willen zur friedlichen Koexistenz in der Region nicht abnimmt – die Proxys zum Beispiel wurden auch aus der Erfahrung des Iran-Irakkrieges der 1980er-Jahre aufgebaut, mit dem Ziel, dass der Krieg nicht mehr auf das eigene Territorium getragen wird (was sich ja nicht bewahrheitet hat). Aber der Iran hat natürlich einen Punkt. Man hat zum Beispiel als Mitglied des Atomwaffensperrvertrags tatsächlich das Recht auf zivile Nuklearnutzung (und reagiert daher empfindlich, als die USA dies dem Iran abstreiten wollten). Gleiches gilt auch jetzt – dass sich Iran verteidigen darf, ist unstrittig. Aber was heisst das, wenn der Feind Tausende von Kilometern entfernt ist. Sind dann US-Basen in der Region legitim? Das wäre wohl auch für die Golfnachbarn kein grosses Problem gewesen, darauf hätte man sich eingestellt. Nicht aber darauf, dass zivile Ziele in den Golfstaaten angegriffen werden. Aus militärischer Sicht macht es wohl Sinn für Iran, so durch Drohnen Schrecken zu verbreiten, wenn man militärisch unterlegen ist. Aber hier ist wohl tatsächlich dann das Mass überschritten.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Sicherheitslage für Reisende? Würden Sie von einer Transitreise über den Flughafen Abu Dhabi abraten, oder gilt dieser weiterhin als sicher?

Cornelia Meyer: Dubai, Abu Dhabi und Katar sind grosse Drehscheiben für den internationalen Flugverkehr. Für den internationalen Personenflugverkehr ist Dubai #1 und Katar #10. 10 % aller Flüge von Europa nach Asien gehen durch diese Hubs. Ich würde gegenwärtig darauf verzichten, dorthin zu fliegen oder über diese Flughäfen zu fliegen. Der Grossteil des Luftraumes ist auch gesperrt.

Wie kann die weitere Radikalisierung der Mullahs überhaupt von aussen beeinflusst werden? Welche Chancen haben die Menschen überhaupt, mit dem Druck umzugehen? Noch wollen viele Staatschefs den Konflikt nicht eskalieren zu einem weltweiten Krieg. Wer kümmert sich um die vielen vertriebenen Menschen?

Cornelia Meyer: Das ist eine sehr wichtige Frage. Im Libanon wurden innerhalb 1.5 Jahren die Bevölkerung des Südens aus den Häusern vertrieben. Die Türkei fürchtet sich vor Flüchtlingsströmen. Die EU hat zwar ein Abkommen mit der Türkei, aber wenn es weiter eskaliert, werden dort die Grenzen in Richtung Europa geöffnet. Die Lage ist kritisch und es gibt immer weniger Geld für internationale Entwicklungshilfe und Humanitäre Hilfe. No more US AID. Westliche Länder kürzen die Budgets. etc.

Kann man einen Krieg, in diesem Fall den Angriffskrieg der USA sowie Israel, mit Waffen gewinnen? Können Sie mir sagen, wie oft die USA mit Waffenhoheit einen Krieg (bsp. Vietnam, Afghanistan, Syrien, Irak usw.) für sich entschieden hat und ob sich daraus eine «bessere» Lebenserwartung für die betroffenen Menschen ergeben hat? Wer finanziert und mit welchen Mitteln diesen Krieg? Hat das Auswirkungen auf mein eigenes Budget?

Cornelia Meyer: Es ist sehr schwierig, einen Regime-Wechsel von aussen aufzuzwingen. Die Erfahrungen sind schlecht und der Westen versteht die Komplexität im Inneren der Länder meist nicht. Die Beispiele, die Sie gegeben haben, halten. Der Krieg wird sich aufs Budget niederschlagen und die Inflation wird allen global zu schaffen machen!

Wie kommentieren Sie die Aussage von Trump, der «Krieg ist so gut wie abgeschlossen»?

Simon Wolfgang Fuchs: Ich würde im Moment nicht zu viel Geld auf diese Aussage verwetten. Andererseits könnte ich mir ein Szenario vorstellen, in dem Trump (einseitig?) verkündet, der Iran habe zugestimmt, seine Nachbarn nicht mehr anzugreifen, und die Strasse von Hormus wieder zu öffnen. Teheran könnte dann «klug» reagieren und das genauso umsetzen – und das eigene Durchhalten gesichtswahrend als Sieg verkaufen. Aber was, wenn autonom handelnde Einheiten der Revolutionsgarden noch weiter angreifen? Israel kann auch kaum mit dem derzeitigen Stand zufrieden sein – wir lesen vermehrt über Frustration, dass der herbeiphantasierte Aufstand von Iranerinnen und Iranern unter Bombenhagel nicht kommt. Es kann also potenziell noch eine ziemliche Zeit dauern ...

Wie die Lage für Frauen im Iran ist, wird oft berichtet. Ich würde gerne wissen, wie es im Iran für junge Männer aussieht. Kommt es zu Zwangsrekrutierungen? Gibt es einen Wehrdienst? Was passiert, wenn sie da nicht mitmachen? Inwiefern unterscheidet sich die juristische Handhabung der Todesstrafe zwischen den Geschlechtern? Kann die Unfähigkeit, für die Familie finanziell aufzukommen, wirklich rechtliche Konsequenzen haben?

Simon Wolfgang Fuchs: Ja, im Iran besteht eine Wehrpflicht. Eine Verweigerung ist nicht vorgesehen. Wer dies versucht, dem werden Bürgerrechte entzogen, wie die Möglichkeit zum Studium, Konfiszierung des Reisepasses, Verlust der Krankenversicherung. Allerdings spielt die Armee, im Rahmen derer der Wehrdienst erfolgt, derzeit keine Rolle. Die Kampfhandlungen werden von den Revolutionsgarden geführt, die sogenannte Basidschmiliz ist für flächendeckende Aufrechterhaltung der Ordnung zuständig. Rekrutierungen könnten eine Rolle spielen, falls wir eine Bodenoffensive sehen. Die meisten Todesstrafen im Iran werden gegen Männer ausgesprochen – die Zahl der Frauen ist viel geringer, es kommt aber vor. Meistens sind Tötungsdelikte von Ehemännern dafür ausschlaggebend.

Welche Rolle spielen derzeit Grossmächte wie die USA, Russland und China im Konflikt rund um den Iran, und können sie eine Eskalation eher bremsen oder beschleunigen?

Cornelia Meyer: Das ist sehr interessant. Russland, China und der Iran sind in der Shanghai Cooperation Agreement, das sowohl eine wirtschaftliche wie auch militarische Komponente hat. Ein wichtiges Bündnis des globalen Südens. Viel wichtiger noch als die BRICS. China hält den Ball flach bis zum Besuch von Donald Trump, da da sehr wichtige Wirtschaftsfragen anstehen. Russland profitiert vom Krieg, da es sein Öl wieder zu Normalpreisen und mit weniger Sanktionen liefern kann. Iran war auch wichtig für Russland im Ukraine-Krieg, da sie Drohnen geliefert haben. Kurzfristig ist Russland ein Gewinner und China wird längerfristig auch über die Netzwerke des globalen Südens stärker werden durch solche Aktionen. Die Chinesen hatten einen Beitrag zur Stabilität geleistet, als sie KSA und Iran wieder dazu brachten, diplomatische Beziehungen aufzubauen. Man sollte die Backchannels, über die die Russen und Chinesen verfügen, nicht unterschätzen!

 

Weshalb wurde der Oman bisher kaum vom Iran angegriffen? Das EDA hat auch für den Oman, im Gegensatz zu den anderen Ländern in der Region, noch keine umfassende Reisewarnung ausgesprochen. Hat das einen besonderen Grund?

Simon Wolfgang Fuchs: Ähnlich wie Katar ist Oman ein traditioneller Vermittler zwischen Iran und den anderen Golfstaaten sowie zwischen Iran und den USA. Oman kommt mit all seinen Nachbarn gut aus und hat keinerlei Ambitionen in Sachen Vorherrschaft oder regionaler Stärke, anders als die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und auch der Iran. Zudem hat sich Oman wirklich bis zum Schluss für eine Abwendung des Krieges eingesetzt – der omanische Aussenminister war noch am Vorabend des Krieges in Washington, um für weitere Verhandlungen zu werben. Dennoch wurden aber auch Schiffe vor der Küste Omans angegriffen.

Inwiefern könnte der Krieg im Iran einen Einfluss auf den Ukraine-Krieg haben?

Cornelia Meyer: Es hat einen Einfluss:

  1. Die Aufmerksamkeit geht vom Ukraine-Krieg weg!
  2. Russland kann sein Öl wieder zum Markt bringen und je höher der Preis, desto besser für die Staatsfinanzen!
  3. Die iranischen Drohnen waren ein Faktor im Ukraine-Krieg. Wir werden sehen, wie sehr die Produktion und der Export nach Russland beeinträchtigt ist.

Wie werden kurz- und langfristige Konsequenzen für die globale Wirtschaft inklusive des Aktienmarktes aussehen, wenn der Krieg nicht zeitnah beendet wird?

Cornelia Meyer: So ziemlich katastrophal. 20 % des Öls (Crude & Products) gehen durch die Strasse von Hormus. Viele Golfstaaten mussten die Produktion drosseln, da es keine Lager mehr gibt. Eine Drosselung kann nicht so schnell wieder heraufgefahren werden. Also, es wird, selbst wenn der Krieg vorbei ist, Zeit brauchen, die Produktion wieder herzustellen. Der Flugverkehr ist stark beeinträchtigt, da die Golf Fluggesellschaften wichtig sind und DOH und DXB zu den wichtigsten Hubs gehören. 30 % des Düngers kommt nicht an die Märkte. Die Folge ist ein kolossaler Inflationsschub, was heisst, dass Notenbanken nicht mit den Zinsen runterfahren können. Es sieht kurzfristig nicht gut aus in den Aktienmärkten, vor allem, was Flug-Tourismus angeht, aber auch die Industrie leidet, wenn sich Rohstoffe verteuern. Nehme an, dass die Rüstungsindustrie einen Schub kriegt. Westliche Ölfirmen auch, da sie ja produzieren können.

Hey SRF. Was denkt ihr, in welchem zeitlichen Horizont werden die Golf-Airlines wieder kommerziell Fliegen? Und wie sicher werden diese Flüge sein? Im Moment ist es ja ein ziemliches Risiko.

Simon Wolfgang Fuchs: Wir sehen einen hohen politischen und wirtschaftlichen Druck, die Flugverbindungen schnell wieder aufzunehmen – hier geht es ja nicht nur um Passagierluftfahrt. Der Golf ist auch für die internationale Luftfracht mit 18 % der globalen Kapazitäten ein unabdingbarer Standort. Allerdings wurden Pläne zur Rückkehr zur Normalität immer wieder durch neue iranische Angriffe hintenangestellt. Wir wissen auch nicht, ob Iran nicht seine schlagkräftigsten Raketen bisher vielleicht bewusst zurückhält, um diese dann zum Einsatz zu bringen, wenn die Flugabwehr der Golfstaaten erschöpft ist – diese kann derzeit keinen Nachschub von Seiten der USA erwarten. Potenziell kann sich das alles also noch länger hinziehen und auch noch dramatischer werden.

Naive Frage: Wieso wird der völkerrechtswidrige Krieg von Europa nicht gleich verurteilt wie der illegale Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine?

Simon Wolfgang Fuchs: Das ist keine naive Frage. Der Iran hat keinen guten Leumund aufgrund seiner israelfeindlichen Haltung, iranischen Anschlägen in Europa, der Rolle von Proxys in der Region. Die europäische Politik sieht oftmals das Regime als die Wurzel allen Übels. Daher überwiegt die Hoffnung, dass der auf fragwürdigen Begründungen beruhende Krieg der USA und Israel auch «in unserem Interesse» ist, das Völkerrecht wird hintenangestellt.

Israel und die USA haben im Verlauf des letzten Jahres unterschiedliche Begründungen für militärische Aktionen gegen den Iran genannt, etwa das iranische Atomprogramm, geplante Angriffe auf Israel oder die Entwicklung von Langstreckenraketen. Inzwischen ist es zu direkten militärischen Angriffen gekommen. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass einige dieser Begründungen umstritten sind oder zumindest öffentlich nicht mit eindeutigen Belegen untermauert wurden. Gleichzeitig wird in der internationalen Politik häufig argumentiert, dass offizielle Kriegsbegründungen nicht immer sämtliche tatsächlichen Motive widerspiegeln. Welche weiteren geopolitischen, strategischen oder wirtschaftlichen Interessen könnten neben den offiziell genannten Gründen eine Rolle spielen? Ich suche keine Verschwörungstheorien, sondern eine sachliche Einordnung möglicher zusätzlicher Beweggründe in der nationalen sowie internationalen Politik der USA und Israels. Vor dem Hintergrund der US-Innenpolitik wirkt ein solcher Schritt zudem nicht unbedingt naheliegend: Donald Trump hat sich wiederholt als Gegner militärischer Interventionen und als Befürworter einer eher isolationistischen Aussenpolitik präsentiert. Ein militärischer Angriff birgt daher auch innenpolitische Risiken, insbesondere wenn die offiziellen Begründungen umstritten sind und die Midterms anstehen.

Cornelia Meyer: Sie haben recht. Die Gründe sind vielschichtig und nicht alle Akteure wollen dasselbe. Die USA hat sich wohl etwas verkalkuliert, wenn sie meinte, der Krieg gehe schnell vorbei. Atomwaffen sind sicherlich eine Motivation. Israel will Regimechange, keine iranischen Proxy-Milizen, Entwaffnung des Irans. Sie finden das entstandene Chaos wohl für vorteilhaft, was Eingriffe im Libanon und eventuell auch in Syrien angeht. Nur, man muss sehen, Kriege entwickeln eine Eigendynamik, die nicht voraussehbar ist. Wer hätte gedacht, dass der Ukraine-Russland-Krieg länger dauern würde als der Erste Weltkrieg. Wer hätte vorausgesehen, welche fatalen Konsequenzen der Irak-Krieg hatte. Wie sich der Westen aus Afghanistan zurückzog, etc.

Immer mehr Berichte gibt es, die aber bislang unbestätigt sind, dass Israel einen Alleingang mit den Erstschlägen am 28.02.2026 gemacht hat. Erst dann sind die USA als Schutzmacht Israels nachgezogen. Was denken Sie, wie gross ist die Gefahr, wenn Israel es nicht schafft, einen Regime-Change im Iran zu erzwingen, dass Israel zu einer Atombombe greift?

Simon Wolfgang Fuchs: Tatsächlich sah es am 28.02. zuerst so aus, als sei dies ein israelischer Alleingang gewesen. Allerdings waren die Absprachen mit den USA von Anfang an sehr eng – die entscheidenden Geheimdienstinformationen über Ali Chameneis Aufenthaltsort kamen von den USA, Trump gab schon am 27.02. nachmittags den Angriffsbefehl. Allerdings ist auch kein Geheimnis, dass trotz der engen Kooperation die Ziele unterschiedlich sind – die USA haben Israel für die Bombardierung der Öldepots in Teheran kritisiert und sind auch vom Ziel Regime-Change abgerückt. Die Frage nach Israels Atomwaffen ist berechtigt. Die Frage wäre allerdings, welches Ziel man damit erreichen könnte, jenseits dessen, was man derzeit durch Luftschläge erreicht. Man würde viele iranische Zivilisten töten – und sich damit natürlich international absolut zur Paria machen. Ich halte dies für ein Szenario, das derzeit nicht besonders wahrscheinlich ist.

Warum wurde nicht die Strasse von Hormus nicht direkt erobert?

Simon Wolfgang Fuchs: Die Strasse von Hormuz hat insgesamt eine Länge von 170 km – wenn man diese «direkt erobern» möchte, dann bräuchte man Bodentruppen im Iran. Allerdings wird von US-Seite erwogen, die kleine Insel Charq, über die 90 % der iranischen Ölexporte abgewickelt werden, zu erobern. Das hätte empfindliche Folgen für Iran und es wäre ein Faustpfand für die USA. Allerdings macht man sich dann ungemein verletzlich gegenüber iranischen Drohnen und anderen Angriffen, es könnte viele US-Soldaten das Leben kosten und die Energiemärkte noch weiter durcheinanderwirbeln.

Ganz grob: Wie kann man realistisch überhaupt was Längerfristiges im Iran leisten? Das Problem ist ja nicht, wie bei Gaddafi und Co., dass wir nach dieser Aktion die sehr autoritär durch Persönlichkeits-Kult definierte Gesellschaft «wegbringen» bzw. grossartig demokratisch ändern.

Der Iran ist ja eben einer der wenigen theokratischen Staaten, auch komplex strukturell, und hat zwar schon auch einen Persönlichkeits-Kult mit dem Ayatollah gehabt, doch ist ja die gesamte Struktur weiterhin erhalten. Klar, das Volk hat endlich eine Entlastung (evtl. zu grosses Wort), aber zumindest eine Veränderung mit dem Einmarsch vom Westen – bewirken wir (auch mit unseren Sanktionen) was Längerfristiges oder endet das wie Gaza – ohne Sinn, mit vielen Ausgaben, ohne jegliche Unterstützung des Volkes dort?

Cornelia Meyer: Das ist schwierig zu beantworten. Nur so viel:

  1. Der Iran ist ein Vielvölker Staat und das muss man berücksichtigen.
  2. Das iranische Regime hat in fast fünfzig Jahren politische, ökonomische Strukturen geschaffen. Das ist nicht so einfach umzustürzen, wie das in Washington gesehen wird und wie es andere Akteure gerne hätten. Der Wandel muss von innen kommen. Bodentruppen wären die falsche Lösung, meines Erachtens. Wo das endet, wissen wir noch nicht. Iran ist kein Gaza, da es organisierte Strukturen, die nicht zu unterschätzen sind, gibt.

 

Welches Worst-Case-Szenario muss man sich vorstellen? Könnten weitere Länder in den Krieg hineingezogen werden, z. B. Russland oder China, die dann an der Seite vom Iran kämpfen würden, so dass wir es dann mit einem 3. Weltkrieg zu tun hätten, bzw. mit einem Krieg zwischen den Grossmächten. Welche Gefahr besteht, dass der Krieg auf Europa übergreifen könnte?

Cornelia Meyer: Mir machen vor allem regionale Kräfte Sorgen. Falls kurdische Milizen instrumentalisiert werden, können die Türkei, Syrien und der Irak nicht einfach zuschauen. Die Türkei ist ein NATO-Land und Nachbar der EU. Wie die Türkei mit Flüchtlingswellen umspringt, hat direkte Konsequenzen auf Europa. China und Russland sind nicht an einem Krieg per se interessiert. Können aber durch Ihre Kanäle SCO, etc. Iran Hilfeleistung geben? Wie die Golfstaaten auf die Bombardierungen reagieren, werden wir sehen. Sie sind aber bedachter, weil sie Konsequenzen abschätzen können. Der GCC (Golf-Kooperationsrat)war nie ein Freund Irans, aber sie kannten das Regime und fanden ihren Weg, damit umzugehen. Für den Golfrat ist Stabilität und Sicherheit die Priorität Nummer 1.

Was hat das für einen Sinn, die Abschussrampen und Öl-Lager im Iran zu zerstören, wenn man nicht mit Bodentruppen zusätzlich die Machthaber ergreift?

Simon Wolfgang Fuchs: Sie sprechen hier einen wichtigen Punkt an – was will man im Krieg erreichen? Geht es nur um einen (temporären) Rückschlag für das iranische Raketenprogramm? Will man die Wirtschaft des Landes durch Angriff auf Ölinfrastruktur so schwächen, dass sie über kurz oder lang dann endgültig zusammenbricht, auch wenn das Regime den Krieg übersteht? Hier ist viel Wunschdenken und Spekulation von Seiten der USA und Israel dabei. Allerdings glaube ich kaum, dass Trump tatsächlich den Einsatz von Bodentruppen erwägen wird, hier wird der Widerstand in der amerikanischen Öffentlichkeit doch zu gross sein. Derzeit würde ich davon ausgehen, dass die Islamische Republik überleben wird und sich das Szenario des Waffengangs mit Israel und den USA potenziell wiederholen wird.

Wie langfristig könnten iranische Minen in der Strasse von Hormus, wie sie Berichten zufolge momentan gelegt werden, den Welthandel einschränken? Weder die USA noch die Golfstaaten (mit Ausnahme von Saudi-Arabien) verfügen über Minenräumboote in der Region. Wäre da eine Beteiligung europäischer Nato-Staaten denkbar, auch wenn vielleicht erst nach dem Ende der Kampfhandlungen?

Simon Wolfgang Fuchs: Ich halte dieses Szenario als nicht unbedingt das wahrscheinlichste – Irans Marine ist kaum noch handlungsfähig und wohl nicht in der Lage, Minen zu legen, ohne dass derartige Aktivitäten sofort unterbunden würden. Gestern haben wir ja bereits die Zerstörung von 16 Minenlegern durch die USA gesehen. Aber die Frage ist, ob Iran Minen benötigt. Das Beispiel der Houthis zeigt, dass man auch mit relativ geringem Aufwand über Wochen und Monate den Schiffsverkehr lahmlegen kann. Das ist wohl die Macht, die Iran hier auszuüben gedenkt.

Sehr geehrte Damen und Herren Kann weder die UNO noch der Sicherheitsrat Israel und USA zur Vernunft bringen?

Cornelia Meyer: Schön wäre es. Nur, die UNO ist

  1. geschwächt,
  2. unterfinanziert und
  3. haben die USA, China und Russland im Sicherheitsrat ein Vetorecht, also wird man sich wohl kaum einig werden, LEIDER!

Seit der Rückkehr Chomeinis 1979 aus dem Exil Frankreichs nach Iran, bereitet sich dieses Land auf den Krieg gegen USA und gegen Israel vor. Wenn die USA nun davon sprechen, Boden Truppen zu entsenden, ist der Krieg nicht bereits schon aus dem Ruder gelaufen für Israel und die USA, und es geht Trump nur noch darum, gesichtswahrend aus diesem Konflikt herauszukommen?

Simon Wolfgang Fuchs: Wir sind mitten in einem Kampf um die Deutungshoheit. Das iranische Regime definiert einen «Sieg» definitiv anders als die USA und Israel und ist daher schwer zu fassen für seine Feinde. Wir sehen eine zunehmende Frustration in Washington und Jerusalem, dass all diese massiven Bombardements nicht «geholfen» haben. Es gibt keinen Aufstand im Land, weiterhin schafft es der Iran, Raketensalven auf Israel, Raketen und Drohnen auf seine Nachbarn zu schicken. Allerdings ist auch die Frage, bei wem die Propaganda des Widerstandes und des durch heftige Angriffe auf die Infrastruktur erkauften «Sieges» verfängt. Die iranische Bevölkerung ist tief gespalten – und anders als im Junikrieg wird das iranische Regime nun kaum eine Nationalismusdividende einfahren können. Dafür sitzt die Abscheu und der Hass über die Massaker am 08. und 09. Januar zu tief.

Ich verfolge die Nachrichten über den Konflikt rund um den Iran und die zunehmenden Spannungen in der Welt mit grosser Sorge. Besonders Themen wie mögliche Flüchtlingsbewegungen, steigende Terrorgefahr und die Angst vor einer grösseren militärischen Eskalation machen mir persönlich Angst.

Meine Frage an Sie als Experten wäre:

Wie realistisch ist die Gefahr, dass sich die aktuellen Konflikte zu einem grösseren globalen Krieg ausweiten, und wie schätzen Sie die langfristigen Folgen für Europa ein – insbesondere in Bezug auf Migration, Sicherheit und gesellschaftliche Stabilität?

Mich würde auch interessieren, ob diese Ängste aus Ihrer Sicht verständlich sind oder ob die Situation oft dramatischer wahrgenommen wird, als sie tatsächlich ist.

Cornelia Meyer: Da haben Sie Recht. Die Welt ist nicht sicherer geworden durch diesen Krieg, es gibt wirtschaftliche Folgen. Europas Wirtschaft geht es schlecht, und höhere Energiekosten sind schlecht zu verdauen.

Die Flüchtlingsströme werden ein Problem werden, da muss Europa mit der Türkei zusammenarbeiten.

Solche Konflikte bringen stets höhere Terrorgefahr mit sich.

Vertreter des Irans sagen, sie erwarten und »erwünschen« sich eine Bodeninvasion durch die USA und Verbündete. Ist dies nur Prahlerei des Irans, oder welche Konsequenzen könnte eine Bodeninvasion tatsächlich haben?

Simon Wolfgang Fuchs: Natürlich ist hier eine gewisse Drohgebärde nicht von der Hand zu weisen. Allerdings zeigt das Selbstbewusstsein, mit dem der iranische Aussenminister Araghchi dies in einem Interview gesagt hat, wie weit strategische Erwägungen der USA/Israels und Irans auseinanderklaffen. Die iranische Führung ist bereit, empfindliche Schläge einzustecken und auch Soldaten zu verlieren – alles, um das eigentliche System zu retten. Dies ist eine Entschlossenheit und Motivation, mit der die USA und Israel nicht gerechnet haben. Der Iran ist ein riesiges Land. Für den Krieg gegen Saddam Husseins Irak hatten die USA 2003 über 200'000 Soldaten zusammengezogen. Kaum vorstellbar, dass Trump derzeit solch einen Aufmarsch rechtfertigen könnte, oder dass seine Basis da mitziehen würde. Auch im Irak gab es ernsthafte Gefechte. Und ich würde vermuten, dass die Motivation der Revolutionsgarden, tatsächlich zu kämpfen, weitaus höher wäre als die der irakischen Armee.

Kann man die Invasion Gazas und die des Iran durch Israel vergleichen?

Cornelia Meyer: Nein, Gaza ist viel kleiner, nicht so bewaffnet wie Iran, hat auch keine Regierungsstrukturen wie Iran, man kann die Hamas nicht mit den IGRC vergleichen. Gaza ist so ziemlich umzingelt von Israel und wurde schon immer, was Einreisen, Ausreisen und Gütertransport geht, von Israel dominiert. Iran ist viel grösser und weiter weg. Also ist die Situation eine andere. Aus israelischer Sicht sind Hamas, Hisbollah-Proxys des Iran und stellen eine existenzielle Bedrohung dar. Der Iran stellt die grosse Bedrohung dar. Wieder, das ist die israelische Sicht!

Guten Morgen, ich möchte gerne mehr über die möglichen Folgen dieses Krieges für Russland und insbesondere für den Krieg zwischen Russland (dem Angreifer) und der Ukraine erfahren. Es ist bekannt, dass viele Drohnen aus dem Iran stammen oder dort stationiert wurden. Vielen Dank im Voraus.

Cornelia Meyer: Ja, für Russland sind die gestiegenen Ölpreise von Vorteil. Das abnehmende Interesse der Weltpresse auch. Die Drohnen, das müssen wir sehen, wie stark die Produktionsfähigkeiten im Iran in Wirklichkeit langfristig runter gegangen sind.

Könnte es nicht im aktuellen Iran Konflikt darum gehen, dass die USA und Europa die Eurasische Wirtschaftsunion verhindern wollen, welche Russland und Indien im 2014 gegründet haben und das so wichtige Logistik Projekt des Internationalen Nord-Süd-Transport-Korridors von Indien nach St. Petersburg zu verhindern in welchem der Iran der wichtigste Logistikkontotenpunkt ist?

Cornelia Meyer: Das glaube ich kaum. China war erfolgreich mit Belt and Road. Die Europäer wurden eigentlich weniger China freundlich über die letzten Jahre – bis zu Trumps Zöllen und Grönlandpolitik, etc.

Wir sehen oft, dass der Export von Demokratien scheitert, weil diese über Jahrzehnte organisch wachsen müssen (Beispiel Tunesien). Warum wird im Falle Irans dennoch oft ein schneller demokratischer Wandel als Ziel propagiert, wenn die Geschichte lehrt, dass ein Machtvakuum ohne langjährige demokratische Auseinandersetzung der Bevölkerung meist zu neuen autoritären Regimes führt?»

Simon Wolfgang Fuchs: Hierbei sehe ich auch eines der grossen Probleme mit den Hoffnungen, die sich auf Reza Pahlavi beziehen. Seine Motive sind ehrenwert, sein Engagement für sein Land real. Aber jenseits eines kleinen Stabes an Beratern kann er auf keine Strukturen im Land setzen. Er zeigt auch keine Bereitschaft, mit Mitgliedern der inneriranischen Opposition im Iran, die bis vor einigen Jahren noch eher einen Wandel von innen propagiert haben, zusammenzugehen. Allerdings gäbe es durchaus einen Weg hin zur Demokratie – wir haben im Iran ja regelmässige Wahlen, ein Parlament und einen Präsidenten. Diese Wahlen sind auch relativ frei – manipuliert wird im Vorfeld, in Bezug auf die Kandidaten, die antreten dürfen. Noch bei der vorletzten Wahl war die Wahlbeteiligung ziemlich hoch. Man könnte durchaus an diese Mechanismen anknüpfen, auf diese Erfahrungen bauen, die klerikalen Institutionen, wie den Obersten Führer, den Wächterrat, die Expertenversammlung, abräumen. Das ist zumindest, was die inneriranische Opposition vorschlägt. Sie möchte eine neue, verfassungsgebende Versammlung. Das ist derzeit aber vor allem schöne Wunschmusik.

Würden Sie es als reine Verschwörungstheorie abtun, dass Trump diesen Angriff durchgeführt hat, um von den Epstein-Akten abzulenken? Oder ist dies womöglich ein sehr erwünschter Nebeneffekt?

Cornelia Meyer: Erwünschter Nebeneffekt. Israel wollte schon lange etwas unternehmen und hatte wohl noch nie eine ihm wohlgesinntere US Regierung. Es war ein bisschen «now or never», da der Iran durch den 12-Tage-Krieg schon geschwächt war. Nur eben, Kriege entwickeln eine Eigendynamik.

Club, 10.3.2025, 22:25 Uhr ; 

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