Der Krieg im Iran hat sich auf weitere Länder im Nahen Osten ausgeweitet. Iranische Angriffe richten sich auch gegen Ziele in den Golfstaaten, während Israel Stellungen im Libanon angreift. Der Nahostexperte Thomas Volk von der Konrad-Adenauer-Stiftung erklärt, welche Strategie das iranische Regime verfolgt und welche Folgen das für die Region haben könnte.
SRF News: Was ist das Ziel des iranischen Regimes?
Thomas Volk: Die Versuche des iranischen Regimes sind offensichtlich: Man will eine in der Region weitere Instabilität erzeugen. Durch die Angriffe soll Druck auf die angegriffenen Staaten entstehen. Sie sollen wiederum bei den USA darauf hinwirken, dass die Angriffe auf den Iran reduziert werden, um einen Flächenbrand in der Region zu verhindern.
Die Golfstaaten werden auf absehbare Zeit sehr kritisch auf den Iran blicken.
Bislang scheint diese Strategie nicht zu verfangen. Die Vereinigten Staaten und Israel sind fest entschlossen, die Angriffe auf den Iran fortzusetzen. Interessant wird sein, wie lange Teheran noch in der Lage sein wird, ballistische Raketen abzufeuern. Bereits jetzt ist festzustellen, dass 90 Prozent weniger Raketen abgefeuert werden als zu Beginn des Krieges vor gut einer Woche.
Könnte diese Strategie nach hinten losgehen, wenn andere Staaten den israelisch-amerikanischen Krieg am Ende stärker unterstützen als bisher?
Bis dato sind weder die Nato noch die EU Teil dieses Krieges. Der amerikanisch-israelische Angriff auf den Iran hat vor allem mit diesen beiden Akteuren zu tun. Das iranische Regime wird alles tun, um an der Macht zu bleiben und im Zweifel bis zur letzten Kugel kämpfen. Zur Strategie gehören auch dezentrale Anschläge. Möglich sind etwa Anschläge durch schiitische Milizen und Organisationen, die dem Regime nahestehen. Denkbar wären auch Attacken auf amerikanische, israelische und jüdische Einrichtungen im Ausland. Auch sogenannte Schläferzellen in Europa könnten aktiviert werden.
Die Golfstaaten scheinen angesichts der iranischen Angriffe eher enger zusammenzurücken. Welche Folgen hat das für den Iran?
Hier sehen wir in der Tat ein interessantes Momentum. Der Golfkooperations-Rat rückt näher zusammen und wird sicherheitspolitisch relevanter. Das ist bemerkenswert, weil etwa Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate noch vor wenigen Wochen eine Art kleinen Kalten Krieg am Golf führten. Jetzt schliessen sie die Reihen. Für den Iran bedeutet das, dass er künftig wohl ein isolierter Staat in seiner direkten Nachbarschaft sein wird. Die Golfstaaten werden auf absehbare Zeit sehr kritisch auf den Iran blicken und nicht vergessen, dass das Regime auch direkt Golfstaaten angegriffen und damit ihr wirtschaftliches Geschäftsmodell gefährdet hat.
Der Iran dürfte jetzt vermehrt auf Drohnen setzen.
Der Iran hat angekündigt, die Gegenangriffe weiter auszuweiten. Wie weit ist der Iran da bereit zu gehen?
Die amerikanischen und israelischen Luftschläge haben die iranische Armee deutlich geschwächt. Die Abschussrampen für Raketen sind mehrheitlich weg. Der Iran dürfte jetzt vermehrt auf Drohnen setzen und diese in alle Himmelsrichtungen in der Region schiessen. Auch diese Strategie wird an ihre Grenzen stossen. Dann stellt sich die Frage, ob im Iran innenpolitischer Druck entstehen kann, der das Regime zu Fall bringen könnte. Klar scheint: Die militärischen Fähigkeiten des Irans gehen Schritt für Schritt zurück. Die grosse Frage wird sein, ob dieses Regime – möglicherweise in veränderter Form – überlebt oder ob eine neue Regierungsform entstehen kann.
Das Gespräch führte Julius Schmid.