In einem Live-Chat haben der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze und SRF-Korrespondent Sebastian Ramspeck Ihre Fragen zum Iran-Krieg beantwortet.
Warum reagiert Europa so zaghaft?
Viele Userinnen und User fragen, weshalb europäische Staaten die Angriffe nicht stärker verurteilen. «Weil sie alle sehr abhängig sind von den USA», sagt SRF-Korrespondent Sebastian Ramspeck.
«Es gibt aber durchaus einzelne EU-Staaten, die den Krieg als illegal verurteilen, insbesondere Spanien.»
Mit völkerrechtlichen Konsequenzen sei aktuell nicht zu rechnen: «Zuständig für Konsequenzen ist unter anderem der UNO-Sicherheitsrat, aber dort haben die USA ein Vetorecht», sagt Ramspeck. «Zudem haben die europäischen Staaten keinerlei Sympathien für das iranische Regime.»
Könnte Europa in den Krieg hineingezogen werden?
Dass Europa sich aktiv am Krieg beteiligen wird, sei aktuell unwahrscheinlich. Auch wenn er uns bereits betreffe: «Die Ölpreise sind gestiegen, weitere wirtschaftliche Negativfolgen sind möglich», sagt Ramspeck.
Unmittelbare Fluchtbewegungen seien allerdings nicht zu erwarten: «Die Osttürkei, Aserbaidschan und wohl auch Armenien bereiten sich vorbeugend auf eine Fluchtbewegung vor», sagt Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. «Bislang gibt es aber keine Anzeichen dafür. Sollte sie einsetzen, würde es lange dauern, bis die Effekte in Europa spürbar wären.»
Dass der Iran die Schweiz angreifen könnte, sei so gut wie ausgeschlossen. So auch ein Atomkrieg, «da der Iran nach aller Kenntnis der Geheimdienste und der IAEO bislang keine Atomwaffe entwickeln konnte.»
Kann der Iran auf Unterstützung hoffen?
Generell könne Iran nicht mit viel Unterstützung rechnen. «Das Land steht weitgehend isoliert da. Allerdings hat der russische Aussenminister Lawrow verlauten lassen, dass Russland alles tun werde, um einen militärischen Erfolg der USA und Israel zu verhindern, jedoch ohne militärische Hilfe.»
Diskutieren Sie mit:
Deshalb sei auch mehr als fraglich, ob das Regime sich via Russland oder Nordkorea Zugang zu Atomwaffen verschaffen könne. «Selbst Russland wäre niemals bereit, diese Waffen in die Hände dieses schier unkontrollierbaren Regimes zu geben.»
Gibt es Chancen auf einen Waffenstillstand?
Ein Ende der Kriegshandlungen oder ein Waffenstillstand seien aktuell auszuschliessen: «Sowohl die USA und Israel als auch Iran haben deutlich gemacht, dass eine diplomatische Lösungssuche inklusive Waffenstillstand nicht auf der Tagesordnung stehe», sagt Schulze. «Trumps jüngste Aussage, die iranische Seite habe um Gespräche gebeten, wurde vom Iran vehement dementiert».
Wie könnte es im Iran nun weitergehen?
Unmittelbar drohen könnten Bürgerkriege: «Diese Gefahr wächst, je länger der Krieg dauert», sagt Schulze. «Ein solcher interner Konflikt hätte gleich mehrere Fronten: Teile der Armee gegen Revolutionsgarden, Teile der Revolutionsgarden gegeneinander, Milizen vor allem ethnischer Gemeinschaften gegen die Gesamtheit der Revolutionsgarden.»
Solche Kämpfe könnten gar zu einem Zusammenbruch der staatlichen Autorität führen.
Schwierig einzuschätzen sei, ob das iranische Volk einer Übergangsregierung mit Reza Pahlavi, dem Sohn des einst gestürzten Schahs, zustimmen würde.
«Er ist in Teilen der Bevölkerung sehr beliebt. Es gibt aber auch viele Iranerinnen und Iraner, die ihn ablehnen», sagt Ramspeck. «Es gibt kaum zuverlässige Umfragen dazu. Zumal im Iran die Menschen ihre Meinung nicht frei äussern können.»