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Verpackungen neu denken
Aus Trend vom 26.02.2021.
abspielen. Laufzeit 26:03 Minuten.
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Kaffeesatz und Kartoffelschale Neue Hüllen für Pralinés, Schnitzel oder Parfum

Verpackungen machen Inhalte sicher, hygienisch und länger haltbar – und sorgen dafür, dass wir ein Produkt kaufen. Doch sie verursachen auch viel Abfall. Forscher und Industrie-Giganten wollen das «Drumherum» neu erfinden.

Schön drapiert und perfekt gebettet liegen sie da. Und jedes einzelne scheint zu schreien: Iss mich! Pralinés sind zur Perfektion gebrachte Schokolade-Verführungen. Doch sind die Praliné-Häppchen weg, bleibt die Karkasse zurück, und das ist ziemlich viel Karton und Kunststoff für relativ wenig Schokolade.

«Verpackung ist bei Schokolade wichtig», erklärt Alexander von Maillot. Er ist der Chef der Süsswaren- und Eis-Sparte des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé. Sie soll garantieren, dass seine Süssigkeiten in guter Qualität die Kundschaft erreichen, auch in Ländern, wo es sehr heiss, sehr kalt oder sehr feucht ist.

Alexander von  Maillot
Legende: Es braucht neue Lösungen für das «Drumherum». Doch das ist kompliziert, erklärt Alexander von Maillot von Nestlé, wo an den Verpackungsmaterialien von morgen geforscht wird. Frederik Beyens

Eine 300-Gramm-Tafel Schokolade zu verpacken brauche weniger Material als Pralinés, räumt er ein. Pralinés sind für ihn als Geschenke gedacht und sollten deshalb auch besonders schön aussehen.

Schokolade hat keine Schale

Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern hat sich dazu verpflichtet, Verpackungen zu redimensionieren. Bei den Pralinés suchen die Leute um Alexander von Maillot Alternativen zum Plastik-Tablett, auf dem die Häppchen drapiert sind. «Es gibt bereits Trays aus rezykliertem Papier, zum Beispiel die Eierschachteln.»

Es ist viel schwieriger, als wir dachten.
Autor: Alexander von MaillotNestlé

Die Technologie ist nicht kompliziert. «Doch anders als die Schokolade hat das Ei eine Schale», sagt der Nestlé-Manager. Damit Schokolade sicher auf Papier liegen kann, ohne die Qualität zu beeinträchtigen, braucht es noch viel Forschungsarbeit.

«Es ist viel schwieriger, als wir dachten», räumt von Maillot ein. Doch es sei ein spannender Prozess. Er ist überzeugt, dass in wenigen Jahren ganz neue Verpackungsmaterialien auf dem Markt sein werden. Sie stünden noch am Anfang einer langen Entwicklung.

Verpackungen sind gut…

Selçuk Yildirim ist einer, der Verpackungen neu erfinden will. Er ist Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW in Wädenswil. In seinem Labor zeigt er auf eine Maschine, die Fleisch keimfrei in Plastik einschweisst. Daneben verpackt eine Maschine Brotlaibe und füllt die Plastikhülle mit einem Gas.

Selcuk Yildirim
Legende: Weniger ist mehr – auch bei Verpackungen, findet Selcuk Yildirim. Und umweltverträglich soll es sein. Doch «biologisch abbaubar» alleine reicht nicht – es müssen auch die richtigen Rohstoffe genutzt werden. SRF/Dario Pelosi

Diese Techniken verhindern, dass das Schnitzel verdirbt oder das Brot Schimmel ansetzt. «So können auch Konservierungsmittel in den Lebensmitteln reduziert oder ganz weggelassen werden», erklärt Yildirim.

…aber lange nicht optimal

Diese in der Schweiz und Europa verbreiteten Verpackungen funktionierten sehr gut. Das Problem aber ist, dass die Verpackungen meist weggeworfen werden: «Da sind wir noch weit weg von einer optimalen Lösung», konstatiert der Forscher.

Yildirim und seine Studierenden tüfteln deshalb zusammen mit der Industrie an neuen Verpackungen. Einerseits geht es darum, die Menge von Material zu reduzieren. So ist eine PET-Flasche heute deutlich dünner als noch vor ein paar Jahren.

Folien aus Kartoffelschalen

Ein anderer Ansatz ist Bioplastik, also Verpackungsmaterial, das entweder aus nachwachsenden Materialien gewonnen wird oder biologisch abbaubar ist. Da laufe die Forschung auf Hochtouren. Yildirim ortet da aber ein Problem: «Auch abbaubare Materialien sind oft jahrelang in den Böden und in den Meeren zu finden. Kommt dazu, dass Mais Menschen auch vor Hunger bewahren kann, statt zu Folien verarbeitet zu werden.»

Warum produzieren wir Verpackungen, die man nur einmalig verwenden kann?
Autor: Selçuk YildirimZHAW

Der Forscher setzt deshalb auf Abfällen oder Nebenprodukten aus der Lebensmittel-Industrie, um Verpackungen zu produzieren. Kartoffelschalen, Kaffeesatz oder andere Schalen würden Stoffe enthalten, aus denen sich neue Verpackungsmaterialien produzieren liessen, ist er überzeugt.

Pralinen in einer Verpackung.
Legende: Das Auge isst mit – und gerade Premium-Produkte wie Pralinen wollen pompös verpackt werden. Doch der Glamour hat Schattenseiten für die Umwelt. Getty Images

Dazu stellt sich ihm eine grundsätzliche Frage: «Warum produzieren wir Verpackungen, die man nur einmalig verwenden kann?» Die derzeit verwendeten Plastikfolien bestehen aus mehreren hauchdünnen Schichten verschiedener Kunststoffe, ein hochtechnisches Produkt also.

Das allerdings macht das Rezyklieren schwierig. Yildirim will diesen Kunststoff durch ein neues High-Tech-Produkt, ein einschichtiges Material, ersetzen. Tönt einfach – ist es aber nicht.

Verpackung verhindert Foodwaste

«Ohne Verpackung verderben Unmengen von Lebensmitteln, was die Umwelt deutlich mehr belastet als die Verpackungen selbst», ist der ZHAW-Forscher überzeugt. Ein Drittel der Lebensmittel wird in Europa weggeworfen, entweder bei der Produktion oder weil sie nicht gegessen würden, rechnet er vor. «In anderen Ländern der Welt werfen die Menschen auch ein Drittel der Lebensmittel weg, aber weil sie mangels guter Verpackung verderben.»

Yildirim will weiter forschen und hat ein klares Ziel: «Wir wollen ein Verpackungsmaterial entwickeln, das sicher ist, aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt wird, rezyklierbar und bezahlbar ist.»

Emotionen entscheiden

Verpackungen sollen aber nicht nur schützen, sondern auch auffallen und uns zum Kauf animieren. «In der westlichen Welt werden wir pro Tag bis zu 10'000 Mal von Produkten angesprochen», erklärt Philipp Zutt.

Das Abfüllen muss Spass machen.
Autor: Philipp ZuttSpezialist für Neuromarketing

Zutt ist Spezialist für Neuromarketing und versucht mit Erkenntnissen der Hirnforschung zu erörtern, wie man Produkte besser an die Kundschaft bringt: «Rational kann die Flut an Eindrücken nicht verarbeitet werden.» So würden Emotionen aus unseren Sinneswahrnehmungen darüber entscheiden, ob Produkt 1 oder 2 in den Warenkorb kommt.

So steuern Verpackungen unser Hirn

Box aufklappenBox zuklappen

Gerade Parfums sind gute Beispiele, wie sie mit ihrem Drumherum unsere Sinne betören und im Hirn Muster auslösen, die zum Kaufen animieren:

1. Wir sehen sie: Sie stechen optisch aus der Masse heraus und wecken so unsere Aufmerksamkeit.

2. Wir nehmen sie in die Hand: Form, Material und der Deckel vermitteln Wertigkeit und maskuline oder feminine Züge.

3. Wir betätigen den Tester: Ein allfälliges Klicken des Deckels oder Diffusors vermittelt ebenfalls Wertigkeit.

4. Wir nehmen via Tester den Duft wahr: Deckt er sich mit den oben erlangten Eindrücken, ist der Kaufentscheid praktisch gefällt.

5. Der Verstand war bisher Zaungast. Nun reagiert er allenfalls auf das Preisschild, sonst ist der Kauf perfekt. Und beim nächsten Kauf werden sich unsere Sinne garantiert an das Produkt erinnern.

Und diese Emotionen würden von Verpackungen beeinflusst. Fällt die Verpackung weg oder wird sie reduziert, brauche es neue Trigger, sagt Zutt und kann sich zum Beispiel personalisierbare Behälter vorstellen, in welche die Produkte abgefüllt werden könnten: «Das Abfüllen muss Spass machen.» Es brauche ein «Community-Feeling», denn auch «grün sein» sei ein Status in der Gesellschaft.

Philipp Zutt
Legende: Damit «grüne» Verpackungen weiter den Appetit anregen und Produkten nicht den Charme rauben, müssen laut Philipp Zutt neue Wege beschritten werden. ZVG

Also dürfte auch der Entscheid, im Laden auf Verpackungen zu verzichten, vor allem von Emotionen gesteuert sein und nicht vom Verstand. Für die Lebensmittelproduzenten bedeutet das: Wer mit einer ökologischen Verpackung hervorsticht und diese gut vermarktet, kann aus neuen Verpackungen durchaus Profit schlagen.

Trend, 27.02.2021, 08:00 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Mark R. Koller  (Mareko)
    Auch hierzu sei die Frage erlaubt, wie konnte die Menschheit bis vor rund 50 Jahren überleben, bevor sehr vieles in Plastikverpackungen verkauft wurde? Beim Beck wurde das Brot in ein Seidenpapier eingewickelt, die Wähenstücke auf einen Pappteller gelegt und mit einem Papier umwickelt und die Pralinen in ein Cellophan-Säckchen eingefüllt. Getränke gab 's in Pfandglasflaschen und Käse, Fleisch und Wurst in einem Wachspapier und einem Papier drumgeherum. Also es ging und geht auch ohne Plastik.
  • Kommentar von Christian Baumann  (Christian Baumann)
    Es gibt in Ennenda (GL) eine Schokoladenfabrik, die verkauft im ganzen Land high end Bruchschokolade in einfachen Papiertüten an der Ladentheke. Vielleicht sollte sich Herr Yildirim und seine Marketing-Freunde von Nestle an einem solchen Konzept ein Beispiel nehmen. Nestle, Coca-Cola & Co müllen unsere Meere seit Jahrzehnten mit den Hinterlassenschaften ihrer Konsumprodukte zu und auf einmal soll das anders werden, indem man Bioplastik für die Verpackung verwenden will? Wer's glaubt...
  • Kommentar von Roger Christen  (Roeschi)
    Das Abfallproblem lässt sich leicht lösen. Es müssen alle Kosten wie Entsorgung, Littering etc. auf diese Verpackungen draufgeschlagen werden und die Kunden dürfen dann diese Verpackungen beim nächsten Einkauf gratis zurückgeben. Der Kosument wird folglich mehr offene Waren kaufen, weil diese dann billiger angeboten werden können.