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«Powercoins»: Postfinance führt Mitarbeiter-Bewertungssystem ein
Aus 10 vor 10 vom 31.08.2020.
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Powercoins Postfinance führt umstrittenes Mitarbeiter-Bewertungssystem ein

Kollegen muntern Kollegen auf: So sieht Postfinance ihr Bewertungssystem. Gewerkschaften warnen aber vor Mobbing.

Der Kollegin kurz ein Kompliment über ihre Präsentation machen oder dem Sitznachbarn eine Aufmunterung zukommen lassen: Sogenanntes Instant-Feedback – also umgehende Rückmeldung – ist bei grossen internationalen Arbeitgebern wie Amazon oder Google bereits gang und gäbe.

Jetzt finden auch Schweizer Unternehmen vermehrt Gefallen daran. So führte die Postfinance ein digitales Bewertungssystem mit sogenannten Powercoins ein: Angestellte können Ihren Kollegen Powercoins verteilen. Die Angestellten können sich so gegenseitig Punkte geben für Verhalten, welches der Arbeitgeber als vorbildlich taxiert, zum Beispiel für «Du triffst mutige Entscheide» oder «Du exponierst Dich». Dadurch möchte Postfinance die Einstellung der Angestellten verändern.

Roger Lötscher Leiter Personal-Transformation bei Postfinance.
Legende: Roger Lötscher, Leiter Personal-Transformation bei Postfinance. SRF
Wir wollen, dass sich Leute exponieren, für ihre Meinung einstehen, vielleicht Widerstände aushalten.
Autor: Roger LötscherLeiter Personal-Transformation bei Postfinance

Roger Lötscher, Leiter Personal-Transformation bei Postfinance, ist der Vater der Powercoins. Er sagt: «Wir wollen, dass sich Leute exponieren, für ihre Meinung einstehen, vielleicht Widerstände aushalten – auch gegen Hierarchiestufen. Wenn man Ideen durchsetzen will, dann muss man sich exponieren.»

Die Gewerkschaft hat keine Freude an den Powercoins

Nicht goutiert werden die Powercoins bei der Gewerkschaft Syndicom. Sie vertritt einen Teil der Angestellten, der das gegenseitige Bewerten kritisiert. David Roth, Zentralsekretär von Syndicom: «Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Team und bekommen nie irgendwelche Coins. Das ist sozusagen nicht existierendes Feedback, das eben auch etwas aussagt. Und da sind wir dann schnell bei möglichem Mobbing. Mobbing, das schwierig zu erkennen und nachzuweisen ist und das in ihrem engsten Arbeitsumfeld stattfindet.»

David Roth Zentralsekretär Gewerkschaft Syndicom.
Legende: David Roth, Zentralsekretär der Gewerkschaft Syndicom. SRF
Der Druck mitzumachen ist enorm.
Autor: David RothZentralsekretär Gewerkschaft Syndicom

Trotzdem: Gut ein Drittel der 3500 Angestellten macht laut Postfinance bereits freiwillig bei den Powercoins mit. Bei diesen Angestellten komme das System gut an, sagt Postfinance. Doch gerade die Freiwilligkeit zweifelt David Roth von Syndicom stark an: «Postfinance sagt klar: Das ist ein Instrument des digitalen Wandels. Wer da nicht mitmacht, zeigt, dass er nicht fit ist für digitalen Wandel. Der Druck mitzumachen ist enorm.»

Kein Beurteilungsinstrument

Roger Lötscher von der Postfinance kontert: «Unser Tool ist kein Beurteilungsinstrument, es geht also nicht darum, ob jemand etwas schlecht oder gut gemacht hat. Sondern es geht darum, dass wenn sich jemand positiv verhalten hat, dann können die Kollegen das mit Punkten goutieren.»

Das sagt die Arbeitspsychologin

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Anastasia Sapegina forscht als Arbeitspsychologin an der Universität St. Gallen
Legende: SRF

Anastasia Sapegina forscht als Arbeitspsychologin an der Universität St. Gallen und befasst sich seit Jahren mit der Feedback-Kultur in Unternehmen. «Mitarbeiterinnen möchten Wertschätzung, sie möchten Feedback haben.» Sie höre in Unternehmungen und in Befragungen immer wieder, dass viel Wert auf informelle Wertschätzung gelegt werde. «Viele möchten nicht einmal jährlich, sondern regelmässig Feedback erhalten. Und nicht nur von den Vorgesetzten, sondern auch von ihren Kollegen.»

Aber nicht jeder wolle ein Gewinner sein und für seinen Kampfgeist gelobt werden. Und da könne ein System wie bei der Postfinance zum Problem werden: «Bei Personen, die introvertiert sind, die auch nicht gerne im Wettbewerb stehen, kann dieses System zu Stress führen und dazu, dass sie sich nicht als Teil des Teams, als Teil der Organisation empfinden. Weil sie das Gefühl bekommen, dass sie von ihrer Persönlichkeit her nicht dazu passen.»

Das gegenseitige Bewerten, könnte weitreichende Folgen haben, warnt der Gewerkschafter Roth: «Wenn man zum Beispiel auch noch weiss, von wem man Punkte erhalten hat, besteht Interesse, jenen Leuten Punkte zu geben, die über das persönliche Weiterkommen entscheiden. Das führt zu Neid und Missgunst innerhalb des Teams.»

Wer fleissig Punkte sammelt, erhält bei der Postfinance nicht nur Wertschätzung, sondern kann damit auch Gutscheine für E-Books oder Kaffee kaufen – vielleicht auch, um dann der Vorgesetzten in der Kaffeepause mal die Meinung von Angesicht zu Angesicht mitzuteilen. Ganz ohne Bewertungspunkte.

10vor10, 31.08.2020, 21:50 Uhr;

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44 Kommentare

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  • Kommentar von Andreas Morello  (Andreas Morello)
    Das erinnert mich entfernt an den dystopischen Roman "Der Zirkel", wo der Druck, andere positiv zu bewerten, ein kleines Rädchen im grossen Überwachungsgetriebe ist.

    Ich kann mir schon vorstellen, dass es Leute gibt, für die das motivierend ist. Meines Erachtens wäre es sinnvoller, den Leuten beizubringen, wie man unter vier Augen ein konstruktives, individuelles Feedback gibt.

    Ein bisschen Zynismus zum Schluss: Gratuliere, die Postfinance hat den "Mag ich" / "Like"-Button neu erfunden.
  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Solche Aktionen zerstören das Betriebsklima nachhaltig. Mitarbeiterbewertung ist Chefsache!
  • Kommentar von Martin Egger  (Martin Egger)
    Eine reine Schnapsidee ist das.
    1. Antwort von Arthur Meili  (Arthur Meili)
      In vielen Firmen ist es so. Die Verantwortlichen von den Personalbueros leben in einer anderen Welt. Sie finden sowas und andere Sachen "super".
      Wer hat nicht aehnliches in Firmen-Seminaren erlebt.
    2. Antwort von Rolf Bombach  (RGB)
      Eine andere Idee wäre es, Herr Meile, Bullshit-Punkte einzuführen, die man Abteilungen geben könnte. Das wird garantiert nicht gemacht, da die meisten Punkte wohl beim Personaldienst landen würden.