Umstrittene Auflagen: Viele alltägliche Produkte – vom Kaffee über das Smartphone bis zum T-Shirt – bestehen aus Rohstoffen, die lange Lieferketten haben. In verschiedenen europäischen Ländern, in der EU und in der Schweiz gibt es Forderungen nach mehr Regeln für diese Lieferketten. Die Regeln sollen garantieren, dass Waren sozial- und umweltgerecht produziert werden. In der Wirtschaft sind solche Auflagen allerdings umstritten: Unternehmen befürchten Mehrkosten und Wettbewerbsnachteile.
Keine wirtschaftlichen Nachteile: Zwei Forscher kommen nun in einer Studie zum Schluss, dass Unternehmen auf längere Frist keine Nachteile haben, wenn sie mehr Auflagen erfüllen und so belegen können, dass ihre Lieferketten transparent sind: Kennzahlen wie Umsatz, Kosten pro Mitarbeiter oder Warenumschlag haben sich nicht signifikant verändert. Die Forscher Christoph Steinert und Bernhard Reinsberg von den Universitäten Zürich und Glasgow berufen sich dabei auf Daten aus Frankreich. Unser Nachbar hat 2017 als erstes europäisches Land ein Lieferketten-Sorgfaltspflichten-Gesetz eingeführt. «Wir haben uns Daten von 11'000 französischen Firmen mit über 100 Mitarbeitenden zwischen 2008 und 2024 angeschaut», sagt Reinsberg.
Was das für andere Länder heisst: Bernhard Reinsberg und sein Zürcher Kollege Christoph Steinert haben zum Beispiel nachweisen können, dass Unternehmen zwar kurz vor Einführung der Gesetze in Personal investiert haben, um die Compliance sicherzustellen. Solche Investitionen in Personal und Infrastruktur hätten aber die Budgets der Unternehmen nicht nachhaltig belastet. Auch wenn die Zahlen für Frankreich gelten, geht Forscher Reinsberg davon aus, dass die Kernaussage auch für andere Länder Gültigkeit hat, zum Beispiel für Deutschland. «Dort gibt es zwar mehr kleine und mittelständische Betriebe, die nicht direkt unter eine solche Regulierung fallen. Aber sie können doch als Zulieferer in den Sog solcher Regeln geraten.»
Herausforderung für KMU: Auch in der Schweiz gibt es viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU), zum Beispiel in der Textilbranche. Damit aus einem Baumwollknäuel ein Hemd entstehen kann, braucht es oft komplexe, globale Lieferketten. Gemäss der Studie könnten Schweizer Webereien oder Färbereien verstärkt in transparentere Lieferketten investieren und würden im Endeffekt trotzdem konkurrenzfähig bleiben. Peter Flückiger, Geschäftsführer des Branchenverbands Swiss Textiles, ist zurückhaltend. Er glaubt zwar, dass die Analyse helfe, eine sachliche Diskussion über das umstrittene Thema der transparenten Lieferketten zu führen. Doch der Bürokratie- und Finanzaufwand sei für KMU im Vergleich zu Konzernen deutlich grösser. «Für eine Firma mit 5000 Mitarbeitenden ist es anders, solche Investitionen in Personal oder Infrastruktur zu tätigen, als für KMU mit 50 oder 500 Mitarbeitenden.»
Forderung nach Harmonisierung: Schweizer KMU exportieren oft in verschiedene Länder. «Für jedes Land gelten aber andere Lieferkettenregelungen», kritisiert Peter Flückiger von Swiss Textiles. Der bürokratische Aufwand sei enorm. Er wünscht sich, dass die Politik sich für eine Harmonisierung mit und in Europa einsetzt. Flückiger hofft auch, dass die beiden Forscher ihre Arbeit weiter vertiefen und gerade mit Blick auf die Situation in der Schweiz ihren Fokus auf einzelne Branchen und die KMU legen.