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Wirtschaftsfaktor Cannabis «Libanon will sich diesen Boom nicht entgehen lassen»

Die Entkriminalisierung von Cannabis scheint salonfähig. Dem Libanon wird das sogar von McKinsey empfohlen. Warum?

Legende: Audio Produkte aus Hanf bringen die Wirtschaft zum Blühen. abspielen. Laufzeit 04:26 Minuten.
04:26 min, aus HeuteMorgen vom 03.08.2018.

Libanon steckt in wirtschaftlichen Nöten. Das Beratungsunternehmen McKinsey hat dem Staat empfohlen, sein wichtigstes landwirtschaftliches Produkt zu legalisieren, den Hanf. Wirtschaftsredaktorin Charlotte Jacquemart erklärt, was das bringen könnte.

Charlotte Jacquemart

Charlotte Jacquemart

Wirtschaftsredaktorin, SRF

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Charlotte Jacquemart hat an der Universität Zürich Ökonomie studiert und arbeitet seit Juni 2017 als Wirtschaftsredaktorin bei Radio SRF. Zuvor war sie 13 Jahre lang bei der «NZZ am Sonntag» tätig.

SRF News: Wie kommt McKinsey dazu, Libanon die Legalisierung von Hanf vorzuschlagen?

Charlotte Jacquemart: Es liegt nahe, dass ein Beratungsunternehmen wie McKinsey etwas vorschlägt, mit dem Geld verdient werden kann. Libanon gehört traditionell zu den grössten Cannabis-Anbauern der Welt. Die dortigen Hanfbauern – meist Familienclans – verkaufen jährlich Hanf für 200 Millionen Dollar ins Ausland. Das ist natürlich eine Schätzung, denn das Geschäft ist illegal. Weil der Anbau und Handel von Cannabis illegal sind, zahlen die Hanfbauern keine Steuern. Auf sie wäre der Staat aber dringend angewiesen, denn er ist hoch verschuldet. Es ist deshalb keine Überraschung, dass McKinsey einem Land wie Libanon rät, das wirtschaftliche Potential von Hanf zu legalisieren.

SRF News: Legale Cannabisprodukte boomen. Hat Libanon gute Chancen auf dem internationalen Markt?

Libanon exportiert seine Ware bereits ins Ausland. Von daher sind die Chancen sicher intakt. Ob die libanesischen Kleinbauern, die Geld mit illegalem Cannabis verdienen, allerdings auch jene sein werden, die von einer legalisierten Cannabiswirtschaft profitieren, ist natürlich offen.

Im US-Bundesstaat Ohio beispielsweise lehnten die Stimmbürger eine Legalisierung 2015 ab, weil davon nur wenige Grossbauern profitiert hätten. Zahlreiche andere Gliedstaaten der USA erlauben das Geschäft mit Marihuana aber bereits. Mittlerweile wächst in den USA kein Wirtschaftssektor so stark wie jener mit der Kommerzialisierung von Marihuana. Auch Uruguay hat 2017 Cannabis total legalisiert. Kanada steht kurz davor, Mexiko auch. Dass sich Libanon mit seiner langen Hanfanbaugeschichte diesen Boom nicht entgehen lassen will, leuchtet ein. Es ist heute schon ein Milliardenmarkt.

Der US-Bundesstaat Colorado nimmt seit der kompletten Legalisierung von Marihuana um die 200 Millionen Dollar mehr Steuern pro Jahr ein.

Wie viel Geld bringt dieses Geschäft konkret?

Die besten Zahlen gibt es aus den USA. So nimmt beispielsweise der US-Bundesstaat Colorado seit der kompletten Legalisierung von Marihuana um die 200 Millionen Dollar mehr Steuern pro Jahr ein. Ähnliches berichten andere Gliedstaaten wie beispielsweise Oregon. Die öffentliche Hand profitiert stark und das ist es, was der Libanon ebenfalls will. Es geht auch um Arbeitsplätze. In den USA, wo die Legalisierung die längste Geschichte hat, ist bereits eine umfassende Wertschöpfungskette entstanden. Das Geschäft gab es teilweise bereits, aber das meiste war im Schatten. Nun wird es an die Sonne geholt und floriert.

Die Bundeskasse hat mit den sehr schwachen, legalen Hanfprodukten im letzten Jahr bereits 15 Millionen Franken eingenommen.

Wäre das auch in der Schweiz so?

Ja, auch bei uns sind in den letzten gut eineinhalb Jahren über 600 Firmen entstanden, die in irgendeiner Art Produkte oder Dienstleistungen im Bereich Marihuana anbieten. Bei uns sind ja gewisse sehr schwache Hanfprodukte auch erlaubt. Die Bundeskasse hat aus diesem Sektor im letzten Jahr bereits 15 Millionen Franken eingenommen. Das ist noch wenig, aber wenn man bedenkt, dass es auch bei uns einen grossen Schwarzmarkt gibt – man redet von einem Umsatz von 600 Millionen Franken ungefähr – dann wird das ganz anders aussehen, wenn die Schweiz diesen Sektor auch ganz ans Licht holen würde.

Tabakfirmen werden in der Schweiz besteuert und zwar zugunsten der AHV. Könnte die AHV-Kasse auch von Schweizer Cannabis profitieren?

Das könnte sie schon. Besteuert werden die schwachen Hanfprodukte schon und zwar mit 25 Prozent. Dagegen wehren sich einige Produzenten mit der Begründung, in der Tabakverordnung sei von Cannabis nicht die Rede. Das stimmt. Die jungen Grünliberalen haben vor kurzem vorgeschlagen, Marihuana komplett zu legalisieren und mit 50 Prozent zu besteuern. Diese Einnahmen wollen die Initianten der AHV zuführen. Das alleine saniert die AHV natürlich nicht. Aber es könnte doch ein Zustupf in der Höhe von einigen hundert Millionen Franken sein. Und vergessen darf man auch nicht, was der Staat einsparen kann, wenn er den Besitz von Hasch nicht mehr strafrechtlich verfolgen muss. In der Schweiz geben wir dafür 3,5 Millionen Franken im Jahr aus. In Mexiko beispielsweise sind es Milliarden.

Das Gespräch führte Kevin Capellini.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Benedikt Rosenberg (Amadeus)
    Ist sicher Balsam für das wirtschaftlich gebeutelte Land mit seinen Millionen Syrischen Flüchtlingen. Es wird aber vermutlich nicht lange gehen, und die europäischen Industrienationen werden sich dieses BigBusiness unter den Nagel reissen, wie bei z.B. Quinoa und weiterem.
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  • Kommentar von Fabian Sarbach (F. Sarbach)
    Hanf ist erstklassiger Rohstoff für Textilien, Papier, Dämmaterial, alternative Kunststoffe, vielseiteige Medizin und Lieferant hochwertigster Fettsäuren. Sein Anbau laugt den Boden nicht aus, er wächst ohne jegliche Pestizide und liefert höchste Erträge etc. Das Verbot von Hanf im Nachgang der Prohibition war ein Katstrophe (ausser für Pharma und Baumwollindustrie). Heute können wir es uns nicht mehr leisten diese Wunderpflanze zu ignorieren.
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  • Kommentar von Peter Holzer (Peter Holzer)
    Es ist schade, dass es bei der Hanf Debatte fast immer nur über das Kiffen geredet wird. Es lässt sich so viel wertvolles mit dieser Pflanze erstellen. Z.B. könnte CBD viele risikoreiche Pharmaprodukte konstengünstig ersetzen.
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