«Wir kontrollieren die Zahlen stündlich. Aktuell haben wir ein gutes Gefühl.» Es ist früher Donnerstagabend auf dem Krienser Sonnenberg. Benedikt Geisseler vom Programmteam zieht ein erstes positives Fazit: «Wir verkaufen überraschend viele Tickets. Das Wetter stimmt, und es wird viel getrunken.»
Die Zahlen im Nacken
Teuerung, Komsumrückgang, Festivaldichte, Fachkräftemangel und Grosskonzerne: Aufgrund der Herausforderungen, die Schweizer Festivals seit der Pandemie bewältigen müssen, spricht die Szene von einer 'neuen Realität‘. Diese verlangt neben akribischer Budgetüberwachung auch Kreativität, Freiwilligenarbeit, Goodwill vom treuen Publikum und Wetterglück.
Darum wird an Festivals heute laufend bilanziert. Hätten sie überhaupt einen Hebel, um auf einen Einbruch, beispielsweise bei den Ticketverkäufen, zu reagieren? «Nein, ehrlich gesagt nicht. Aber wir können die Situation am Tag nach dem Festival besser abschätzen,» sagt Geisseler.
Ein neues Selbstverständnis
Wie man sich dem Druck entgegenstemmen kann, zeigen die Menschen vom B-Sides. Nach der Ausgabe 2024 stand das für Musikentdeckungen beliebte Festival vor dem Aus: Nur mit einem Crowdfunding konnte man dank über 60‘000 Franken aus der Community überleben.
Der einmalige Zustupf erlaubte ein Weiterdenken. Auf Seiten der Organisation wurde das Gesamtbudget um 30% reduziert und die Ausgaben auf allen Ebenen zurückgefahren. Die radikale Rettungsaktion auf die Ausgabe 2025 hin brachte auch einen neuen Spirit: «Wir haben gesagt: Uns wird es immer geben. In welcher Form, das werden wir sehen.» Rund 50 Vereinsmitglieder und 300 Freiwillige bilden das Rückgrat dieses neuen Selbstverständnisses.
Zudem soll ein neues Ticketmodell minimale Planungssicherheit bringen. Da Tickets immer kurzfristiger gekauft werden, locken viele Festivals mit Frühkauf-Rabatten. So auch das B-Sides: «Die Leute haben das einigermassen aufgenommen. Dieses Jahr haben viele schon im Vorhinein Tickets gekauft.»
Rechnen reicht nicht
Die Verbindung zum Stammpublikum ist überlebenswichtig. Geisseler räumt ein, dass das Festival musikalisch die Linie «in den letzten Jahren etwas verloren» habe. Auch, weil Musikgewohnheiten auf Seiten des Publikums diffuser werden: «Weil der Algorithmus sehr divers und individuell ‘neue’ Musik zuspielt, ist ein gemeinsamer Nenner schwierig zu finden. Hier muss das Festival versuchen, die Leute so zu erreichen, dass sie sich auch von Seiten des Festivals etwas vorschlagen lassen.»
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Bild 1 von 3. Sonne, Musik und Fussball-WM. Der Donnerstagabend am B-Sides 2026 war gut besucht. Bildquelle: Benno Odermatt.
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Bild 2 von 3. Mehr als Musik. Die Schweizer Festivallandschaft bietet erstklassige Freiluft-Erlebnisse. An der Bar auf der Aussichtsplattform vom Krienser Sonnenberg wird aufgetankt. Bildquelle: Camilo Schwarz.
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Bild 3 von 3. Finanziell entgegengekommen. Die New Yorker Band Nation of Language spielt weltweit längst grössere Bühnen. Fürs B-Sides verzichteten sie auf einen Teil der Gage und waren begeistert von der Atmosphäre. Bildquelle: Luis Daetwiler.
Auf dem Sonnenberg zehrt man von vergangenen Highlights: «Wir hatten Acts wie Portugal. The Man oder Oklou, die bei uns waren, bevor sie international durchstarteten. Das können wir verkaufen, sowohl den Bands, wie auch dem Publikum.» Und beim Planen von neuen Ausgaben sucht man weniger nach Reichweite, sondern nach Gleichgesinnten: «Die Acts müssen menschlich zum Festival passen. Wenn man sich versteht und alle nett zueinander sind, überträgt sich die gute Stimmung aufs Publikum.»
Die Macht der Wettergötter
Stimmt die Stimmung, hält man auch ein Gewitter aus. So wie am Freitagabend am B-Sides. Es kam eher früh und war kurz. Ein Glück. Die Lotterie mit dem Wetter ist im Hochrisikogeschäft existenziell, bestätigt Geisseler: «Der Einfluss auf Ticketverkäufe und Konsumation ist direkt. Aktuell haben wir Glück.» Solange der Hochdruck auch meteorologisch anhält, hält man auf dem Sonnenberg dem Druck stand. Kunst- und hoffnungsvoll.