Werden heutzutage grosse Popalben angekündigt, ist die Erwartungshaltung hoch. Entweder soll gleich die gesamte Grammatik der Popmusik umgeschrieben werden, oder das Werk muss derart gespickt mit Referenzen und Andeutungen sein, dass man mindestens ein halbes Lexikon an Hintergrundwissen braucht, bevor man mitreden darf.
Nun meldet sich auch Harry Styles wieder zu Wort. Einer der grössten Popstars seiner Generation veröffentlicht sein viertes Soloalbum – und entsprechend gross war die Neugier, in welche Richtung er sich bewegen würde.
Die erste Single liess zunächst auf eine Neuerfindung schliessen. «Aperture», fünf Minuten Disco-Ekstase, rast mit treibenden Synthesizer auf einen Refrain zu, der in totaler Euphorie gipfelt, jedoch auffallend spät einsetzt. Ein Song, der signalisierte: Hier wagt jemand etwas Neues.
Nur: «Aperture» bleibt auf dem Album ein Fremdkörper. «Kiss All the Time. Disco, Occasionally.» – schon der Titel deutet es an – flirtet zwar mit Clubmusik, ist dann aber doch ein ziemlich klassisches Pop-Rock-Album geworden.
Weniger Drama, mehr Marathon
Seit Styles' letztem Album vor vier Jahren hat sich auch in seinem öffentlichen Leben vieles verändert. Zwar gewann er mit «Harry's House» mehrere Grammys, gleichzeitig war er aber auch Dauerfigur in Klatschspalten und wagte nebenbei erste ernsthafte Schritte als Schauspieler.
Beides hat sich seither beruhigt. Die Filmkarriere scheint vorerst auf Eis zu liegen – und wenn Styles heute Schlagzeilen macht, dann eher, weil er Marathonzeiten hinlegt, von denen viele Hobbyläufer nur träumen.
Diese Entschleunigung ist auch im neuen Album spürbar. Aufregend wird es eigentlich nur dann, wenn tatsächlich die Tanzfläche durchblitzt. Bei «Season 2 Weight Loss» etwa. Oder bei «Pop», das von jener nervösen Spannung lebt, die entsteht, wenn Euphorie und Beziehungsangst aufeinandertreffen.
Daneben stehen ruhigere Momente wie «Coming Up Roses» oder «Paint By Numbers», akustisch geprägt und mit Streicherarrangements versehen. Sie verleihen dem Album eine einheitliche, fast nächtliche Atmosphäre – Songs, die eher im Halbdunkel funktionieren als im Pop-Scheinwerferlicht.
Das sorgt für ein geschlossenes Klangbild, führt aber auch dazu, dass sich vieles im gleichen Stimmungsspektrum bewegt. «American Girls» oder «The Waiting Game» gleiten angenehm vorbei, ohne sich festzusetzen. Man hört ein Album – kein Feuerwerk einzelner Hits.
Warum so kryptisch?
Bleibt die Frage nach den Geschichten. In Interviews beschreibt Styles das Album als eine Art langen Tagebucheintrag über seine letzten paar Jahre. Nur scheint dieses Tagebuch mit einer Handschrift geschrieben zu sein, die sich nicht immer leicht entziffern lässt. Viele Textzeilen bleiben vage – und weil seine Stimme oft auffällig tief im Mix liegt, muss man sich ohnehin anstrengen, um jedes Wort zu verstehen.
«Aperture» live an den Brit Awards 2026
Vielleicht ist das auch Absicht. In einer Popwelt, in der Alben oft wie ein Puzzle aus Gossip-Hinweisen gelesen werden, entzieht sich Styles bewusst der eindeutigen Deutung. Ob seine Fans bei den kommenden Konzerten – unter anderem stehen rekordverdächtige 30 Abende im New Yorker «Madison Square Garden» an – trotzdem Zeilen finden, die sie laut mitsingen können?