Mit dem Albumcover von «Man’s Best Friend» trieb Sabrina Carpenter zartbesaiteten Seelen bereits Anfang Sommer die Schamesröte ins Gesicht.
Nun ist die Platte da und die Bäckchen dürften sich mindestens dunkelrot färben; denn die Lyrics der US-Musikerin sind noch expliziter als auf dem Vorgänger «Short n' Sweet».
Ein Fest der Zweideutigkeiten
«I get wet at the thought of you», lautet die erste Zeile der neuen Single «Tears». Also: «Ich werde feucht, wenn ich an dich denke.» Die titelgebenden Tränen kullern dann auch nicht übers Gesicht, sondern die Oberschenkel runter. Und es sind natürlich keine Tränen.
Im nach Ariana Grande klingenden «When Did You Get Hot?» wünscht sich Sabrina, dass ihr Gegenüber mit ihr nackt «Twister» spielt. «Nichts hiervon ist eine Metapher», verspricht sie derweil augenzwinkernd in «House Tour» und schnell wird klar, dass besagtes Haus auf dem Venushügel steht. Sie fügt an: «Aber komm niemals durch die Hintertür rein.»
Wenn die 26-Jährige lyrisch nicht gerade im Schlafzimmer rumtobt, ist sie mit gebrochenem Herzen und einer Flasche Wein auf der Suche nach nächtlicher Ablenkung («Go Go Juice») oder rechnet mit Ex-Typen ab («Sugar Talking», Vorab-Single «Manchild» und «Goodbye»). Das tut sie meistens clever und oft witzig, weshalb es sich lohnt, sich diese Lieder übers Lieben und Leiden einer Mitzwanzigerin wiederholt zu gönnen, um keine Anspielung und Anzüglichkeit zu verpassen.
Ein Herz für Country
Dabei fällt auf, dass bei «Man's Best Friend» weniger auffällt als beim erst vor einem Jahr erschienenen «Short n' Sweet», mit dem Sabrina Carpenter ihren fulminanten Durchbruch feierte. Instant-Hits wie «Espresso», «Taste» oder «Bed Chem» gibt's keine, dafür wirkt das siebte Studiowerk der US-Amerikanerin runder und klingt wie aus einem Guss.
Es funktioniert als Album, keiner der 12 Songs überschattet einen anderen und die verschiedenen Pop-Spielarten gehen selbstverständlicher ineinander über. Sabrina räumt zudem ihrem Faible für Country (das sie mit der Anfang Jahr veröffentlichten Duett-Version von «Please Please Please» mit Dolly Parton bereits andeutete) viel mehr Platz ein – «Go Go Juice» kommt sogar mit einem Fiddle-Solo daher.
Ein Album für den Zeitgeist
Ohrwurmiger Pop, Liebe für Country, Texte über Verflossene: Die Sängerin wendet eine ähnliche Formel an, die auch dem Welterfolg ihrer Freundin und «Eras Tour»-Partnerin Taylor Swift zugrunde liegt. Mit dem Unterschied, dass die frisch verlobte Taylor sich in ihren Liedern gerne schnörkeliger Worte bedient, während Sabrina mit Zweideutigkeiten um sich schmeisst, als wärs Konfetti.
Vielleicht nutzt sich dieses Prinzip des Provozierens auf der ganz grossen Bühne bald mal ab. Vielleicht entwickelt sich die Provokation auch zur Normalität, schliesslich sollte weibliche Sexualität 2025 kein Aufreger mehr sein. Bis dahin trifft Sabrina Carpenter mit «Man’s Best Friend» den Zeitgeist und wer bei den Texten nicht so genau hinhört (oder hinhören will), hat trotzdem Freude an knapp 40 Minuten fluffig-leichtem Pop.