Noemi Beza wird oft gesagt, sie wirke älter, als sie tatsächlich ist. Das erstaunt nicht: Die 20-jährige Thurgauer Sängerin weiss genau, wohin sie will.
Mehr als «Happy Songs»
Lange wurde sie von einer gewissen Rastlosigkeit begleitet. Es fiel ihr schwer, zur Ruhe zu kommen. Bis sie eines Tages im Studio stand, um für ein Abschlussprojekt in der Sekundarschule ihren ersten eigenen Song aufzunehmen. Noch nie habe sie sich so «richtig» gefühlt wie dort.
Geprägt von diesem Gefühl weiss sie ganz genau, was sie mit ihrer Musik erreichen möchte. «Auch wenn's nur zwei, drei Leute sind: Ich wünsche mir, dass sie ein Zuhause in meiner Musik finden, so wie ich es gefunden habe», sagt sie.
Ihre Songs schreibt sie auf Englisch. Mundart-Songs wird es von ihr wahrscheinlich nie geben – zumindest nicht in ihrem Dialekt. «Ich stehe dazu, ich finde den Thurgauer Dialekt brutal gruusig. Berndeutsch ist definitiv schöner.»
Den Berner Dialekt findet sie übrigens so toll, dass sie ihn sprechen gelernt hat. Falls ihr der Thurgauer Dialekt mal zu viel wird, kann sie jederzeit problemlos zu Berndeutsch switchen.
Authentisch zu sein bedeutet für mich, nicht nur die schönen Seiten zu zeigen.
Für sie ist es selbstverständlich, dass sie in ihren Songs auch herausfordernde Geschichten aus ihrem Leben aufgreift: «Ich habe lange einfach ‹Happy Songs› geschrieben. Aber authentisch zu sein bedeutet für mich, nicht nur die schönen Seiten zu zeigen.»
Diese Balance zwischen Unbeschwertheit und Tiefgang zeichnet ihre Musik aus. Ihre Popsongs sind mal leicht und tanzbar, mal leise und reduziert – mit Einflüssen aus Indie, Folk und Country. Die erzählerische Direktheit von Country-Musik ist für sie eine wichtige Inspiration.
Auf eine verletzliche, ungeschönt ehrliche Weise singt sie über Selbstzweifel, Mental Health und Identitätssuche. Auch ihre Adoption spielt dabei eine Rolle.
Adoption und Erfahrungen mit Rassismus
Noemi Beza wurde als Baby aus Äthiopien adoptiert und wuchs im Thurgau auf. «Beza» steht für Bezawit – diesen Namen erhielt sie im äthiopischen Kinderheim. Ihre leibliche Mutter hat sie nie kennengelernt. Von ihr handelt ihr Song «Would You Know».
Das Thema Adoption sei ansonsten in ihrem Alltag kaum präsent – ausser, es geht um ihre Hautfarbe. Sie und ihre Schwester gehörten zu den einzigen schwarzen Kindern im Dorf und waren in ihrer Kindheit oft mit Rassismus konfrontiert. «Das hat mich geprägt. Ich habe früh gelernt, für mich einzustehen», erzählt sie.
Auch heute erlebt sie noch regelmässig Rassismus im Alltag – von Beleidigungen bis zu Menschen, die ungefragt ihre Haare anfassen. Umso mehr liegt es ihr am Herzen, ihre Community für Alltagsrassismus zu sensibilisieren. Sie betont: «Es gibt noch viel zu tun.»
Montreux und Coachella im Visier
Ihre Musik berührt, weil sie echt ist. Diese Authentizität trägt sie weiter auf die Bühne.
Die Taufe ihrer neuen EP «You'll Find Me There» im Albani Winterthur vor zwei Monaten war restlos ausverkauft. Im Sommer 2026 stehen zahlreiche Konzerte in der Schweiz und in Deutschland an.
Ihr Ziel: Auf den Main Stages der Schweizer Festivals spielen zu können. Insbesondere das Montreux Jazz Festival hat es ihr angetan. Vor zwei Jahren spielte sie dort bereits auf einer kleinen Bühne. Lachend fügt sie hinzu: «Auch zum Coachella würde ich nicht Nein sagen.»